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Blog Entry No. 25 – Blog Tour “Wir leuchten” – Sexismus

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich gestern noch einen Beitrag zu Daniel schreiben, weil ich seine rationalen Argumente an vielen Stellen sehr wertschätze, aber auch Äußerungen wie “Sonst wird noch gefordert, dass von jetzt an auch Männer operativ Babys austragen müssen, um die Frau von dieser Last zu befreien.” (S. 41) für sehr kritisch halte. Er vertritt häufig eine sehr konservative Meinung und nutzt in Gedankenspielen sehr drastische, verzweifelte, menschenfeindliche Mittel, aber ich würde ihn nicht, wie Isy es manchmal macht, als Nazi bezeichnen. Wie dem auch sei, ich wurde von Schulstress eingeholt und hab mir dann überlegt, dass sich die beiden Themen auch gut miteinander verbinden lassen.

Heute ist Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit. Nicht biologische Gleichheit.

Diesen Aspekt hatte ich bereits bei Isys Argumentationen kritisiert, aber er passt genauso auf Daniels Aussage, die ich oben zitiert habe. Zu fordern, dass auch Männer Babys austragen, würde heißen, biologische Gleichheit zu fordern, nicht soziale Ungleichheiten ausgleichende Gerechtigkeit. So wie ich den Feminismus verstehe, fordert er diese Gerechtigkeit und keine generelle Gleichheit (wäre bei so vielen Individuen wohl auch echt ein wenig überzogen), womit Daniels Argument entkräftet wäre. Männer und Frauen sind nicht gleich, zumindest nicht in biologischer Hinsicht. Vor dem Gesetz beispielsweise sind sie es, bzw. sollten sie es sein. Obwohl wir nicht gleich sind und gerade weil wir nicht gleich sind, finde ich es umso wichtiger Gerechtigkeit zu fordern, um Unterschiede wertzuschätzen und auszugleichen und Gleichheit in Belangen zu fordern, in denen wir uns nicht wesentlich unterscheiden. Warum zum Beispiel können sich Männer oberkörperfrei in der Öffentlichkeit zeigen und Frauen nicht? Warum werden Frauen-Brüste zensiert und Männerbrüste nicht? Natürlich sind sie anatomisch nicht exakt gleich, was ist das schon, aber im wesentlichen sind sie nicht besonders verschieden. Warum sieht man in fast allen Vorständen großer Unternehmen mehr Männer als Frauen? Warum heißt es Krankenschwester und Oberarzt? Von mir aus könnte auch eine Bezeichnung für jeden Beruf als Allgemeingültige eingeführt werden und meinetwegen soll dann Arzt Arzt bleiben, aber warum gibt es dann immer noch Berufsgruppen, die direkt verweiblicht werden? Warum kann man nicht für alles einen gleichwertigen Namen finden, weil jeder jeden Beruf ausüben kann, egal welchen Geschlechts? Warum gibt es immer noch eine derartig statistisch hohe (sexualisierte und/oder häusliche) Gewalt gegen Frauen? Warum stellen Firmen immer noch bevorzugt Männer ein, nur weil sie kein Potential zur Schwangerschaft und somit zur temporären Arbeitsunfähigkeit haben? Warum wird immer noch blaues Spielzeug für Jungen und rosa Spielzeug für Mädchen vermarktet? Warum wird Männern von der Gesellschaft immer noch eingetrichtert, sie müssten ihre Frau beschützen, dürften nicht schwach sein? Warum darf nicht die Frau den Mann beschützen? Warum geht es eigentlich immer um Frauen und Männer? Es gibt noch so viele andere Möglichkeiten, sich selbst zu identifizieren, warum fangen wir nicht endlich an von Menschen zu reden? Menschen gleich zu berechtigen? Menschen kennenzulernen und nicht die Vorurteile, von denen die Gesellschaft behauptet, dass sie wahr wären?

Daniel meint an einer Stelle, dass differenziert werden müsse, zwischen dem Sexismus in Entwicklungsländern und dem in liberalen Industrienationen. Ich gebe ihm recht, natürlich ist es viel schlimmer, dass so viele Mädchen auf der Welt nicht mal zur Schule gehen dürfen, so viele Mädchen als Neugeborene umgebracht werden, weil sich die Familie eine Mitgift nicht leisten kann und ihrem Kind dieses Leben als Frau nicht antun will. Aber die bloße Existenz schlimmerer Situationen ist keine Rechtfertigung für die Vorurteile, Sexualisierung und Geringschätzung, die Frauen (und andere Geschlechter, die vom “gewohnten” Gesellschaftsbild abweichen) auch heute noch in Industrienationen erfahren müssen. Nur weil wir “nur” mit Äußerungen wie “Wow, ein Mädchen, das Skat spielen kann” oder “Ich brauche hier mal zwei starke Jungs, die diese Bank tragen können” leben und schwerer für unseren Lohn arbeiten müssen, heißt das nicht, dass wir nicht für all die unterdrückten und missachteten Frauen und Minderheiten in der Welt kämpfen sollten und müssen. Jeder hat ein Recht auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Jeder hat das Recht, von seinen Mitmenschen ohne Vorurteile kennengelernt zu werden, als das Individuum, das jeden von uns so einzigartig macht. Isys Aussage trifft den Nagel auf den Kopf: “Es gibt nicht genug Schubladen, um uns alle zu trennen.”(S. 217)

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, hoffe ihr wertschätzt den heutigen Welttag der sozialen Gerechtigkeit, wie an jedem anderen Tag, etwas mehr und versucht die Vorurteile, die in euren Gedanken auftauchen, wenn ihr jemanden trefft, zu ignorieren und den Menschen so zu sehen, wie er ist und nicht, wie ihn die Gesellschaft abgestempelt hat.

Sonnige Grüße,
Aly

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Blog Entry No. 24 – Blog Tour “Wir leuchten” – Isy

Liebe Leser,

das heutige Thema der Blog Tour ist eine weitere der drei Hauptfiguren: Isy, die Kommunistin, die Verrückte. Auf diesen Beitrag freue ich mich fast am meisten, da Isy eine sehr vielseitige Figur ist.

Sie ist die treibende Kraft für den Anfang des Buches. Hätte Estelle auf der Party nicht die verrückte Rothaarige getroffen, die offenbar genauso dringend aus ihrem Leben fliehen wollte, wie sie, hätte Estelle wahrscheinlich nie den Mut gefunden die ganze Reise wirklich durchzuziehen. Isy ist diejenige, die den Pick-up klaut und Daniel niederschlägt. Isy scheint die Mutige der Gruppe zu sein, die für ihre Meinung einsteht, die keine Angst vor einer Revolution für “das Richtige” hat, die einfach eine Gruppe Fremder anspricht und schnell neue Freunde findet. Besonders zu Beginn der Geschichte war mir Isy am sympathischsten, vielleicht auch weil ich manchmal gern ein kleines bisschen mehr wie sie wäre.

Aber im Verlauf der Reise, merkt man, dass auch die mutige Kommunistin Angst hat und nicht nur aus Spaß ihrem alltäglichen Leben entflieht. Bei Höhenangst angefangen, über die Krankheit ihrer Mutter bis hin zu der Angst verlassen zu werden und kein Glück zu finden, über das Buch hinweg erhält dieser Charakter immer mehr Tiefe. Diese Entwicklung ist, meiner Meinung nach, sogar interessanter als die des Hauptcharakters und macht Isy noch sympathischer und vor allem sehr real.

Aber sie würde natürlich nicht so real wirken, wenn man sich nicht auch über ihre Äußerungen und Handlungen hin und wieder aufgeregt hätte. Ich für meinen Teil habe das definitiv getan, was mich zu einigen gesellschaftlichen Themen bringt: Isy spricht sehr oft davon, wie sie sich ein besseres Staatssystem vorstellt und betont dabei immer wieder, dass wir alle gleich wären und auch so vom Staat behandelt werden sollten. Bei ihren Überlegungen sind mir drei wesentliche Aspekte aufgefallen. Zum einen wird sie von einem starken Idealismus geleitet und hat, obwohl sie ständig auf den derzeitigen Staat und somit auf dessen Bürger schimpft, ein sehr positives Menschenbild. Sie glaubt alle von einem gemeinschaftlichen, fairen Miteinander überzeugen zu können, einfach, weil es natürlich total super klingt. Sie vergisst dabei aber, dass es eben auch sehr viele Menschen gibt, denen es egal ist, wie sehr andere leiden, damit erstere zu ihrem Profit, ihrer Villa und ihrem Pool kommen. Die leitende Eigenschaft der menschlichen Natur ist nun mal der Egoismus, weil wir ohne ihn nicht überleben könnten, bzw. uns nicht so weit entwickelt hätten. Die menschliche Natur lässt sich nicht in derart wesentlichen Charakteristika ändern. Zum andern widerspricht sie sich dadurch auch hin und wieder selbst, weil sie durch Daniels Argumentation mit den Menschen, die vielleicht keinen Kommunismus wollen, gezwungen wird, darüber nachzudenken, wie sie mit den Gegnern ihres Systems umgehen würde und das dann eben nicht mehr ganz so freiheitlich und gleich sein würde. Was mich aber am meisten an Isys Argumentation gestört hat, ist die durchgehende Ignoranz gegenüber des Unterschieds zwischen Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie verwendet die beiden Begriffe wie Synonyme, aber das sind sie schlicht und einfach nicht. Gleichheit bedeutet, jeden, unabhängig seiner Voraussetzungen, gleich zu behandeln. Hat man zum Beispiel drei Menschen, die Äpfel pflücken wollen, aber unterschiedlich groß sind, würde man ihnen in einem von Gleichheit geprägten System drei gleich große Kisten geben, für jeden eine. Dass der Größte aber vielleicht gar keine und der Kleinste zwei Kisten bräuchte, um die Äpfel zu erreichen, wird nicht beachtet. Gerechtigkeit dagegen bedeutet, Ungleichheiten festzustellen, zu bewerten und gegebenenfalls auszuräumen. In unserem Beispiel würde man also letztendlich jedem so viele Kisten geben, wie er braucht, um die Äpfel zu pflücken. Sollte Isy also wirklich ein System der Gleichberechtigung aufbauen wollen, bräuchte sie trotzdem ein Äquivalent zu Richtern, um zu entscheiden, welche Vorgehensweisen und Handlungen ungerecht gegenüber anderer Mitmenschen sind, um so eine annähernd gleiche Basis für alle zu schaffen. Ich schätze Isys Optimismus und vor allem ihren Willen eine Welt zu schaffen, in der es allen, unabhängig von all den Schubladen, in die man uns stecken könnte, gut geht. Aber eine konkrete Ausgestaltung einer solchen Welt ist eben um ein Vielfaches komplizierter, als sie das in “Wir leuchten” beschreibt, weil wir zwar im Großen und Ganzen alle nur Menschen sind, aber trotzdem jeder individuelle Bedürfnisse hat und mit unterschiedlichen Schicksalsschlägen leben muss. Außerdem frage ich mich als Vegetarier natürlich auch, ob sie ihren Willen zu einer stärkeren Gleichbehandlung auch auf die Tierwelt anwenden würde, was wiederum ein extremes Konfliktpotential birgt, aber auch sehr wichtig zu diskutieren ist.

Alles in allem, ist mir Isy einfach total sympathisch und ich glaube ich hätte riesigen Spaß daran gefunden, mit ihr zu diskutieren und vielleicht einen Weg zu finden, wie man realistisch wirklich etwas tun kann, um diese Welt ein kleines Stückchen besser machen kann. Denn sollte das nicht eigentlich unser aller Ziel sein?

Alles Liebe,
Aly

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Blog Entry No. 23 – Blog Tour “Wir leuchten” – Estelle und die Meinungsfreiheit

Liebe Leser,

in meiner Rezension zu “Wir leuchten” hatte ich es ja bereits angedeutet; ich habe einfach noch viel mehr zu diesem Buch zu sagen, schon einfach deshalb, weil es politisch, gesellschaftlich und menschlich wirklich interessant ist. Dementsprechend genial und passend finde ich es natürlich, dass Joe Rain nun eine Blog Tour vom 14. 2. bis zum 20. 2. 2021 zu ihrem Debutroman ins Leben gerufen hat, auf der es an jedem Tag um ein anderes Thema geht. Wenn ihr die Ausführungen der anderen Blogger lesen wollt, schaut euch gern die verlinkten Beiträge auf Instagram an.
Ich werde nicht zu jedem Thema etwas schreiben, weil ich nicht zu allem etwas Wichtiges zu sagen habe und außerdem zurzeit in den Vorprüfungen des Abiturs stecke.

Nachdem es gestern schon passend zum Valentinstag um Freundschaft und Liebe ging, steht heute Estelle und die Meinungsfreiheit im Mittelpunkt. Da ich mich in meiner Rezension bereits verstärkt mit dem Hauptcharakter auseinander gesetzt habe, werde ich versuchen, mich nicht allzu sehr zu wiederholen. Bitte beachtet, dass ich am Ende meines Beitrages (letzter Absatz) minimal spoilere, ich hoffe, ihr verzeiht mir das oder lest den Text einfach erst oder nochmal vollständig, wenn ihr “Wir leuchten” gelesen habt.

Estelle beginnt als “die Meinungslose”, als Person, die keine Meinung hat, die sie mittels Meinungsfreiheit teilen könnte. Ich muss zugeben, das hat sie mir zu Beginn sehr unsympathisch gemacht, auch weil sie nicht den Anschein erweckte, mehr erfahren zu wollen, um sich irgendwann eine Meinung bilden zu können. Über das Buch hinweg ändert sich das jedoch und man merkt immer mehr, wie sich auch Estelle an den Diskussionen beteiligt. Oft vermittelt sie hierbei zwischen den beiden Extremen Daniels und Isys, was ich sowohl für die Geschichte und Charakterentwicklung im Roman, als auch für menschliches, angemessenes Miteinander sehr wichtig finde.

Ich persönlich erachte die Meinungsfreiheit als ein unglaublich wichtiges Menschenrecht und bin sehr dankbar, dass es in Deutschland in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert ist. Wir Menschen leben in einer Gesellschaft, für die die Regierung, aber auch jeder einzelne Mitbürger die Verantwortung trägt. Jede Handlung und jede Äußerung hat irgendwo einen Effekt, ein Echo (Kennt ihr den Butterfly-Effekt? Finde den total interessant, vielleicht schreibe ich demnächst mal einen Beitrag dazu), wodurch jeder betroffen ist und jeder etwas ändern kann. Demnach sollte auch jeder das Recht haben, seine Meinung zu äußern, seinen Mitmenschen zu sagen, wie er die Situation wahrnimmt und Unrecht, welches vielleicht nur aus seiner Perspektive deutlich wird, anzusprechen und dagegen anzukämpfen. Probleme lassen sich nicht im Alleingang lösen, aber um Hilfe zu erhalten, müssen Andere auch davon erfahren und das funktioniert nur mithilfe der Meinungsfreiheit. Außerdem leben Diskussionen im Wesentlichen von unterschiedlichen Meinungen und damit ein möglichst zufriedenstellender Kompromiss gefunden werden kann, muss natürlich diskutiert werden. Die Meinungsfreiheit ermöglicht eine Diversität, die spannende Diskussionen und eine demokratische, freie Teilhabe bewirkt.

Scheut euch nicht, euch eine eigene Meinung zu bilden und diese dann auch mit der Welt oder vielleicht auch nur einem engen Freund zu teilen. Wenn ihr Sachverhalte nicht versteht, dann fragt jemanden oder recherchiert, aber bitte lasst euch die Welt und die anderen Menschen nicht egal sein. Wir sind alle auf einander angewiesen, alles hängt von allem ab und jeder Mensch (jedes Lebewesen) zählt. Es existieren noch so viele Probleme auf diesem Planeten (unter anderem eben auch, dass nicht jedes Land die Meinungsfreiheit ausreichend schützt) und um diese zu lösen, um eine lebenswerte Erde und eine lebenswerte Gesellschaft zu schaffen, ist Kommunikation, Kompromissfindung und Zusammenhalt notwendig.

Ich bin der Meinung, dass jede Meinung akzeptiert, aber nicht einfach hingenommen werden sollte. Es ist unvermeidlich, dass nicht immer ein Kompromiss gefunden werden kann (das wird auch in “Wir leuchten” hin und wieder sehr gut deutlich), aber es sollte immer versucht werden, miteinander ins Gespräch zu kommen und mit Argumenten den Gegenüber zu überzeugen und vielleicht auch in der Diskussion mal eine andere Perspektive einzunehmen, um die entgegenstehenden Argumente zu verstehen. Im besten Fall lernen alle Beteiligten daraus. Eine Meinung ist schützenswertes Gedankengut und ich bin froh, dass auch Estelle sich ihre eigene Meinung bildete und somit eine metaphorische Stimme fand.

Ich wünsche euch einen angenehmen Montag,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 20 – Wir leuchten

Liebe Leser,

das Buch, um das es mir heute gehen soll, bedeutet für mich einige Erste-Male. Ich habe zum ersten Mal ein Buch vorbestellt (und es noch vor der offiziellen Veröffentlichung gelesen), es ist das erste persönlich und überhaupt signierte Buch in meinem Bücherregal und ich werde am 19. 02. 21 zum ersten Mal eine Lesung (wenn auch nur online) besuchen. Umso passender, dass es in eben diesem Roman unter anderem auch um Erste-Male geht: Der erste Roadtrip, das erste Mal betrunken, die erste Diskussion mit einem Ex-Nazi und die erste Freundschaft mit Pakistani, nur um ein paar wenige zu nennen. Wir leuchten ist außerdem der Debutroman Joe Rains, wie passend. ^^

Joe Rain fing während ihres Abiturs an, ihren ersten Roman zu schreiben. Gestern, nach etwas mehr als vier Jahren Überarbeitung, einer bestandenen Feuerprobe auf Wattpad und all dem was eben zu der Veröffentlichung eines Buches dazugehört, ist Wir leuchten endlich offiziell im Wreaders Verlag erschienen. Für alle, die noch überlegen, ob dieses Buch das richtige für sie ist, noch nie davon gehört haben oder es vielleicht schon gelesen haben und einfach noch andere Meinungen lesen wollen, hier meine Rezension und Weltsicht. Viel Spaß. 🙂

Wie immer, zuerst das Cover: Ich muss sagen, ich liebe die Stimmung, die es ausstrahlt. Die warmen Farben lassen es irgendwie gemütlich wirken und der Pick-up, die Berge, der Wald und die Sonne strahlen die pure Abenteurer-Atmosphäre aus. Außerdem passen der irgendwie fast schon minimalistische Comic-Zeichen-Stil und die schlichte Schriftart gut zueinander, was zusammen mit den harmonierenden Farben ein sehr angenehmes Bild ergibt. Ich muss aber leider zugeben, dass ich erstmal googlen musste, wie Pick-ups aussehen, weil im Buch eindeutig fünf Personen in das Auto passen und ich mir das bei dem Bild auf dem Cover wirklich nicht vorstellen konnte. 😅
Mittig am unteren Rand sieht man auch das Logo des Wreader Verlags und sonst verliere ich nicht besonders viele Worte über den betreffenden Verlag, aber dieses Logo ist einfach das schönste, das ich bisher irgendwo gesehen habe, weshalb es einfach eine extra Erwähnung verdient.

Wir leuchten wird von Estelles Perspektive erzählt. Estelle, die Meinungslose. Sie erzählt von ihrem durchschnittlichen Leben, von ihrer beendeten Beziehung und ihren schlechten Noten im Schulhalbjahr 12/1. Bis sie auf einer Party Isy kennenlernt und spontan entscheidet wegzulaufen. Irgendwohin, nur Hauptsache weg von ihrem alltäglichen, erdrückenden Leben.

Ab dem Punkt verändert sich alles. Ein Pick-up wird geklaut und der Besitzer mit einem High-heel K.O. geschlagen. Als dieser sich jedoch entscheidet, einfach mitzukommen, beginnt ein Roadtrip voller politischer Diskussionen, philosophischer Statements und neuer Freundschaften. Gemeinsam mit Estelle wird dem Leser, das Konfliktpotential von “Politik” näher gebracht. Man lernt, die Hauptperson begleitend, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu verteidigen und dass man auch erhobenen Hauptes nachgeben kann. Wir leuchten ist eine Geschichte von Fremden, die zu besten Freunden werden, auf ihrem Weg noch mehr fremde Freunde treffen und mit Musik und einem orangenen Pick-up vor ihrem alten Leben davon fahren.

Beim Lesen sind mir vor allem zwei Aspekte aufgefallen: Estelle und ich würden uns wahrscheinlich ständig streiten und viele Charaktere haben einen Beinamen. Isy, die Kommunistin, die Verrückte. Estelle, die Meinungslose. Daniel, der Nazi, der Rechtsdenkende. Max, der Angeber. Jens, der Glatzkopf.

Angesichts dessen, dass ich zu den meisten politischen, gesellschaftlichen und historischen Themen eine Meinung habe und es liebe, diese auszudiskutieren und zu verteidigen, empfand ich Estelles Einstellung zu Beginn des Buchs als sehr anstrengend, da ich sie zwar verstehen, aber nicht nachvollziehen kann. Da es jedoch genau diese Unwissenheit, bzw. Meinungslosigkeit ist, die die politischen Diskussionen dem Leser näher bringt und “Politik” nahbar macht, kann ich gut mit Estelles Charakter leben. Schließlich sind es ja auch eben die verschiedenen Perspektiven und Grundlagen, die Diskussionen spannend machen, weshalb ich mir während des Lesens auch oft gewünscht habe, in den Roman reisen zu können, um meine Meinung mit den drei, später fünf Hauptcharakteren teilen zu können.
Unabhängig davon störe ich mich aber auch etwas an ihrer Vorstellung, Menschen ändern zu können. Estelle beschreibt mehrfach, wie gern sie Daniels Meinung ändern würde, meint an einer Stelle, sein Gedanke wäre nur wie eine Krankheit, die sie wegheilen könne und wünscht sich, er wäre mehr wie sie. Natürlich verstehe ich ihren Wunsch, ihn mit rationalen Argumenten von seinen grausam klingenden Theorien abzubringen und von einer “humaneren” Meinung zu überzeugen, schließlich ist es genau das, was jeder Diskutierende mit seinem Gegenüber versucht. Man will die eigene Ansicht vertreten und verbreiten, weil man sie, zumindest zu Beginn einer Diskussion, für richtiger hält. Jedoch glaube ich nicht, dass man eine Person von Grund auf ändern kann oder mit diesem Ziel an eine menschliche Interaktion herangehen sollte. Man kann dem Gegenüber mehr Informationen und Sichtweisen darlegen, aber welche Schlüsse Derjenige daraus zieht, kann man nicht beeinflussen, vor allem dann nicht, wenn man nicht weiß warum eine Person denkt und handelt, wie sie es tut. Umso besser finde ich es aber, dass Estelle in den meisten Diskussionen zwischen Isy und Daniel als Vermittlerin auftritt und die beiden daran erinnert, dass man manchmal auch einfach verschiedener Meinung ist und keinen zufriedenstellenden Kompromiss findet.
Ich fand einfach über das ganze Buch hinweg nicht wirklich einen Draht zu Estelle, weil sie durch ihre starke Entwicklung relativ schwer einzuschätzen ist und wir wahrscheinlich einfach eine völlig gegensätzliche Art haben, die Welt zu betrachten, was ja aber nicht unbedingt schlecht ist.

Die Verwendung von Beinamen, welche direkt dazu führt, dass man sich die Personen lebhafter vorstellen kann und sie besser im Gedächtnis bleiben, führt mich zum Schreibstil: Joe Rain gestaltete die Geschichte sehr bildlich. Während ich Wir leuchten gelesen habe, ließ mich das Buch jede Emotion mehrfach durchleben. Ich habe gelacht, geweint, geflucht, wurde verletzt und habe verziehen. Ich habe mich über Aussagen aufgeregt und manchmal kurz danach innerlich einem Charakter dafür gedankt, meinen Gedanken ausgesprochen zu haben. Ich hatte Angst und war verwirrt. Alles war vertreten. Diesen Roman zu lesen, war wie selbst auf diesen Roadtrip zu gehen und neue Freunde zu finden. Trotz aller Differenzen, die Debatten über Themen, wie sie hier angesprochen werden, immer offen legen, habe ich Estelle, Isy, Daniel, Tahreem und Majid in mein Herz geschlossen. Ich habe mit Arnold mitgefühlt und mich von der Dankbarkeit für Ellie durchströmen lassen. Es war eine spannende Reise, geleitet von der Idee eines Treffens zwischen einem Nazi und einer Kommunistin.

Wir leuchten ist ein weiteres Buch, welches ohne Notizen und Post-its in meine Hände fiel und mit zahlreichen markierten Zitaten und Szenen in mein Bücherregal einzieht. Meiner bisherigen Erfahrung nach, zeigen viele Klebezettel am Rand eines von mir gelesenen Werkes, wie tiefgründig, wunderschön und/oder diskutabel und somit wieder interessant es ist. Farblich unterschied ich dieses Mal zwischen “würde ich gern diskutieren/dazu würde ich gern meine Meinung mitteilen” in orange, “wunderschön, einfach durch und durch schön” in blau und “finde ich kritisch” in gelb, wobei ich meine gelb markierten Punkte in dieser Rezension schon beinahe vollständig genannt habe. Um euch zumindest ansatzweise an meiner Gedankenwelt zu einigen Textstellen teilhaben zu lassen, ohne einzelne Beiträge zu jedem Thema zu schreiben (vielleicht mach ich das im Laufe der Woche noch, je nachdem wie viel Zeit sich findet), werde ich einfach thesenartig meine Meinung oder meine Lieblingszitate auflisten.

Alf hat zwar an sich nichts mit dem Buch zu tun, aber ich fand dieses Bild einfach wirklich niedlich ^^

Meine Gedanken zu Orange:
Jemanden K.O. zu schlagen, sodass er für mehrere Minuten bewusstlos ist, hat, soweit ich weiß, schwere Hirnschäden zur Folge. (Selbst Boxer, die mehrfach sehr hart getroffen werden, bleiben selten bewusstlos liegen. Über Situationen des K.O. – Schlagens wundere ich mich in Büchern und Filmen häufiger, da sie für die Geschichte meist unerlässlich, aber fast nie realistisch sind, obwohl man natürlich argumentieren kann, dass das fiktive Werke sind.)
Es gibt keine richtige Meinung.
An mehreren Stellen ist mir aufgefallen, dass, besonders von Isy, aber auch von den anderen hin und wieder, so gut wie nie zwischen gleich und gerecht unterschieden wird. Diese Unterscheidung ist aber extrem wesentlich für viele ihrer Diskussionen.
“Angst und Liebe sind die beste Motivation, die es gibt.” Arnold hat recht.
Man hat nicht immer die Wahl.
In einer gerechten Gesellschaft kann nicht jeder das gleiche besitzen.
Das demokratisch bestimmte Gesetz definiert, was kriminell ist. Wenn Isy also für eine neue Gesellschaft den Widersachern ihre Menschenrechte absprechen will, wonach beurteilt sie dann, dass sie wirklich Kriminelle sind, mit welchem Recht entscheidet sie, wer es verdient hat bestraft zu werden? In dem Punkt gebe ich Daniel recht, sie widerspricht sich.
Ich stimme Daniel zwar zu, dass die Natur wertvoller sei als der zerstörerische Mensch, jedoch glaube ich, dass sich der Mensch selbst vernichtet, weil er unfähig ist das eigene, grundlegende Wesen zu verändern.
“Wir sind alle individuell. […] Es gibt nicht genug Schubladen, um uns zu trennen.” Isy spricht sehr wahre Worte an dieser Stelle.

Zwei kurze Sätze zu dem letzten übrigen gelben Zettel: Ich verstehe Menschen nicht, die Lebensmittel vernichten, nur weil sie auf feuchte Erde gefallen sind. Es ist nicht wahr, dass Schüler*innen mit einem 1,0er Abitur ihre ganze Freizeit mit dem Lernstoff verbringen.

Ein paar blau markierte Zitate:
“Ob diese Gefühle jetzt jemand anderen befallen? Oder lösen sie sich einfach so auf? Verschwinden sie in der Luft, mischen sich unter die dunklen Bäume und die abgefallenen Herbstblätter, fliegen hoch in den Himmel und werden von Galaxien und Sonnensystemen verbrannt, verwandeln sich in Sternenstaub?” – Estelle
“Wir sind wie dieser Ast. Wir sind genauso zerbrechlich und trotzdem stark. Wir lieben das Risiko, ins Wasser zu fallen. Trotzdem versuchen wir immer wieder aufzusteigen und nach oben zu wachsen. Unsere Gedanken sind unsere Zweige, die oben und unten austasten, bevor wir uns entscheiden.” – Daniel
“Sie strahlt mich an und ich strahle zurück. Sind wir nicht alle wie vereinzelte Sonnen? Alle in diesem Raum einzelne Sterne, die sich zu einem Universum zusammenfinden? Der Mond ist die Musik, die Erde unser Licht, das Dunkel der alles übertönende Bass, der unsere Herzen zusammenbringt.” – Estelle

Dieses Buch, Wir leuchten, ist großartig. Es vereint Gefühle, Philosophie und Menschenliebe mit spannenden politischen und historischen Debatten. Es bringt mich dazu, die Charaktere immer und immer wieder zu hinterfragen und trotzdem ihre Erlebnisse und Emotionen zu teilen. Es ist ein Buch mit Tiefe, eines das zum Nachdenken anregt, genauso wie es eines der Romantik und Freundschaft ist. Es lädt dazu ein, dem eigenen Leben hin und wieder zu entfliehen und sich trotzdem seinen Ängsten zu stellen. Wir leuchten ist wahrscheinlich das erste Buch, bei dem ich mich genauso oft über Aussagen oder Verhaltensweisen aufgeregt habe, wie ich mit den Menschen mitgefühlt habe. Genau diese Mischung macht es real, es fühlt sich echt an.

Das Buch kam zusammen mit vielen supersüßen Extras an. Einige seht ihr hier auf dem Bild (ich habe mich sofort in den kleinen Tintenfischsticker vom Wreaders Verlag verliebt). Doch das Beste waren nicht die Sticker oder die Lesezeichen, das Beste waren die lieben Worte im beigelegten Brief der Autorin. Liebe Joe, ich danke dir von Herzen für die kleine Geschichte. Manchmal ist es eine Fremde, die einem genau das sagt, was man gerade hören muss.

Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass Wir leuchten das erste signierte Buch in meinem Bücherregal ist. Die Vorfreude und Ungeduld nach der Bestellung hat sich für jede Seite gelohnt und ich freue mich schon darauf, es in Zukunft aus dem Regal nehmen und jeder Zeit noch einmal lesen zu können. Meiner Meinung nach, sollte jeder, ganz besonders die politikverdrossenen Meine-Stimme-macht-doch-sowieso-keinen-Unterschied-Nicht-Wähler, Joe Rains Wir leuchten mindestens einmal gelesen haben.

Zum Schluss noch eins: Während des Lesens habe ich eine Spotify-Playlist mit allen erwähnten Liedern (ich hoffe ich hab keins vergessen) erstellt, weil ich finde, dass Musik die Stimmung auf eine besondere Weise wiedergibt. Wenn ihr also Lust habt, hört gern mal rein. 😉

Ich hoffe, euch geht es gut,
Aly