Blog, Reviews

Blog Entry No. 38 – Kim Jiyoung, geboren 1982

Liebe Leser:innen,

obwohl die Thematik in diesem Buch immer wieder schockierend und unglaublich wichtig ist, wird das eine eher kurze Review. In diesem 37. Blog Eintrag soll es um “Kim Jiyoung, geboren 1982” gehen, ein Buch der koreanischen Autorin Nam-Joo Cho, das den extremen Sexismus, den der Hauptcharakter erdulden muss, scharf auf den Punkt bringt.
Die deutsche Übersetzung wurde am 11. Februar 2021 veröffentlicht und Ihr findet sie unter der ISBN 9783462053289. Mein Exemplar wurde mir von NetGalley.de im Austausch für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

Cover des Buches, Bild von: https://rdw.hgvcdn.de/
resources/FILENAME/9783462053289.jpg

“In einer kleinen Wohnung am Rande der Metropole Seoul lebt Kim Jiyoung. Die Mittdreißigerin hat erst kürzlich ihren Job aufgegeben, um sich um ihr Baby zu kümmern – wie es von koreanischen Frauen erwartet wird. Doch schon bald zeigt sie seltsame Symptome: Jiyoungs Persönlichkeit scheint sich aufzuspalten, denn die schlüpft in die Rollen ihr bekannter Frauen. Als die Psychose sich verschlimmert, schickt sie ihr unglücklicher Ehemann zu einem Psychiater. Nüchtern erzählt eben dieser Psychiater Jiyoungs Leben nach, ein Leben bestimmt von Frustration und Unterwerfung. Ihr Verhalten wird stets von den männlichen Figuren um sie herum überwacht – von Grundschullehrern, die strenge Uniformen für Mädchen durchsetzen; von Arbeitskollegen, die eine versteckte Kamera in der Damentoilette installieren und die Fotos ins Internet stellen. In den Augen ihres Vaters ist es Jiyoung’s Schuld, dass Männer sie spät in der Nacht belästigen; in den Augen ihres Mannes ist es Jiyoung’s Pflicht, ihre Karriere aufzugeben, um sich um ihn und ihr Kind zu kümmern.” [Kurzbeschreibung zitiert von NetGalley.de]

In “Kim Jiyoung, geboren 1982” wird treffend die unschöne Realität des starken Sexismus in Südkorea dargestellt und informativ mit Statistiken belegt. Die Thematik des Buches ist zweifelsohne extrem wichtig und stilistisch sehr gut verpackt. Mehrfach haben mich Situationen, Handlungen oder Äußerungen der Personen Frauen gegenüber sprachlos gemacht. Aber auch die Einstellung vieler Frauen selbst war schockierend. Die Lebensgeschichte Kim Jiyoungs wurde nüchtern und fast schon trocken beschrieben, was sehr gut zu dem Rahmen passt, dass die Geschichte von ihrem Psychiater erzählt wird. Dennoch ist es mir dadurch schwer gefallen, das Buch wirklich gern zu lesen, es konnte mich nicht fesseln, hat mich nicht in den Bann des Geschehens gezogen. Insgesamt ist “Kim Jiyoung, geboren 1982” von Nam-Joo Cho ein wirklich gutes und authentisches Buch, das man mal gelesen haben sollte.

Die nächsten Rezensionen werden wieder länger, bis dahin wünsche ich Euch eine wunderbare Zeit,
Aly

Blog

Blog Entry No. 25 – Blog Tour “Wir leuchten” – Sexismus

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich gestern noch einen Beitrag zu Daniel schreiben, weil ich seine rationalen Argumente an vielen Stellen sehr wertschätze, aber auch Äußerungen wie “Sonst wird noch gefordert, dass von jetzt an auch Männer operativ Babys austragen müssen, um die Frau von dieser Last zu befreien.” (S. 41) für sehr kritisch halte. Er vertritt häufig eine sehr konservative Meinung und nutzt in Gedankenspielen sehr drastische, verzweifelte, menschenfeindliche Mittel, aber ich würde ihn nicht, wie Isy es manchmal macht, als Nazi bezeichnen. Wie dem auch sei, ich wurde von Schulstress eingeholt und hab mir dann überlegt, dass sich die beiden Themen auch gut miteinander verbinden lassen.

Heute ist Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit. Nicht biologische Gleichheit.

Diesen Aspekt hatte ich bereits bei Isys Argumentationen kritisiert, aber er passt genauso auf Daniels Aussage, die ich oben zitiert habe. Zu fordern, dass auch Männer Babys austragen, würde heißen, biologische Gleichheit zu fordern, nicht soziale Ungleichheiten ausgleichende Gerechtigkeit. So wie ich den Feminismus verstehe, fordert er diese Gerechtigkeit und keine generelle Gleichheit (wäre bei so vielen Individuen wohl auch echt ein wenig überzogen), womit Daniels Argument entkräftet wäre. Männer und Frauen sind nicht gleich, zumindest nicht in biologischer Hinsicht. Vor dem Gesetz beispielsweise sind sie es, bzw. sollten sie es sein. Obwohl wir nicht gleich sind und gerade weil wir nicht gleich sind, finde ich es umso wichtiger Gerechtigkeit zu fordern, um Unterschiede wertzuschätzen und auszugleichen und Gleichheit in Belangen zu fordern, in denen wir uns nicht wesentlich unterscheiden. Warum zum Beispiel können sich Männer oberkörperfrei in der Öffentlichkeit zeigen und Frauen nicht? Warum werden Frauen-Brüste zensiert und Männerbrüste nicht? Natürlich sind sie anatomisch nicht exakt gleich, was ist das schon, aber im wesentlichen sind sie nicht besonders verschieden. Warum sieht man in fast allen Vorständen großer Unternehmen mehr Männer als Frauen? Warum heißt es Krankenschwester und Oberarzt? Von mir aus könnte auch eine Bezeichnung für jeden Beruf als Allgemeingültige eingeführt werden und meinetwegen soll dann Arzt Arzt bleiben, aber warum gibt es dann immer noch Berufsgruppen, die direkt verweiblicht werden? Warum kann man nicht für alles einen gleichwertigen Namen finden, weil jeder jeden Beruf ausüben kann, egal welchen Geschlechts? Warum gibt es immer noch eine derartig statistisch hohe (sexualisierte und/oder häusliche) Gewalt gegen Frauen? Warum stellen Firmen immer noch bevorzugt Männer ein, nur weil sie kein Potential zur Schwangerschaft und somit zur temporären Arbeitsunfähigkeit haben? Warum wird immer noch blaues Spielzeug für Jungen und rosa Spielzeug für Mädchen vermarktet? Warum wird Männern von der Gesellschaft immer noch eingetrichtert, sie müssten ihre Frau beschützen, dürften nicht schwach sein? Warum darf nicht die Frau den Mann beschützen? Warum geht es eigentlich immer um Frauen und Männer? Es gibt noch so viele andere Möglichkeiten, sich selbst zu identifizieren, warum fangen wir nicht endlich an von Menschen zu reden? Menschen gleich zu berechtigen? Menschen kennenzulernen und nicht die Vorurteile, von denen die Gesellschaft behauptet, dass sie wahr wären?

Daniel meint an einer Stelle, dass differenziert werden müsse, zwischen dem Sexismus in Entwicklungsländern und dem in liberalen Industrienationen. Ich gebe ihm recht, natürlich ist es viel schlimmer, dass so viele Mädchen auf der Welt nicht mal zur Schule gehen dürfen, so viele Mädchen als Neugeborene umgebracht werden, weil sich die Familie eine Mitgift nicht leisten kann und ihrem Kind dieses Leben als Frau nicht antun will. Aber die bloße Existenz schlimmerer Situationen ist keine Rechtfertigung für die Vorurteile, Sexualisierung und Geringschätzung, die Frauen (und andere Geschlechter, die vom “gewohnten” Gesellschaftsbild abweichen) auch heute noch in Industrienationen erfahren müssen. Nur weil wir “nur” mit Äußerungen wie “Wow, ein Mädchen, das Skat spielen kann” oder “Ich brauche hier mal zwei starke Jungs, die diese Bank tragen können” leben und schwerer für unseren Lohn arbeiten müssen, heißt das nicht, dass wir nicht für all die unterdrückten und missachteten Frauen und Minderheiten in der Welt kämpfen sollten und müssen. Jeder hat ein Recht auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Jeder hat das Recht, von seinen Mitmenschen ohne Vorurteile kennengelernt zu werden, als das Individuum, das jeden von uns so einzigartig macht. Isys Aussage trifft den Nagel auf den Kopf: “Es gibt nicht genug Schubladen, um uns alle zu trennen.”(S. 217)

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, hoffe ihr wertschätzt den heutigen Welttag der sozialen Gerechtigkeit, wie an jedem anderen Tag, etwas mehr und versucht die Vorurteile, die in euren Gedanken auftauchen, wenn ihr jemanden trefft, zu ignorieren und den Menschen so zu sehen, wie er ist und nicht, wie ihn die Gesellschaft abgestempelt hat.

Sonnige Grüße,
Aly