Blog, Reviews

Blog Entry No. 43 – Maybe Not Tonight

Liebe Leser*innen,

eigentlich wollte ich diese Rezension schon längst veröffentlicht und in einer Podcast-Folge besprochen haben. Da aber einiges dazwischen kam, musste ich noch mal umplanen, deshalb jetzt die Review zu Maybe Not Tonight und wenn alles funktioniert, wie ich es mir im Moment vorstelle, dann werde ich auch im Oktober in einer Podcast-Folge noch einmal darüber reden.

Maybe Not Tonight ist der zweite Teil der Love is Queer Reihe von Alicia Zett. Der Roman der Frankfurterin erschien am 3. Mai 2021 im Droemer Knaur Verlag. Von NetGalley wurde mir die ungekürzte, 14 Stunden und 20 Minuten lange Ausgabe des Hörbuches im Austausch zu einer ehrlichen Rezension zur Verfügung gestellt. Dieses wurde von Oliver Kube und Oliver Erwin Schönfeld gesprochen, im Argon Verlag veröffentlicht und ihr findet es unter der ISBN 9783732455195.

Klappentext: Für den 19-Jährigen Luke fühlt sich die Zeit als Au pair in Vancouver an wie ein Traum: Jahrelang hat er sich nur darauf konzentriert, seinen Geschwistern den toten Vater zu ersetzen – jetzt, viele tausend Kilometer von Zuhause entfernt, scheint plötzlich alles möglich. Bei einem Theaterprojekt findet Luke schnell neue Freunde und lernt auch den Studenten Jackson kennen, der ihm zeigen könnte, was es bedeutet, wirklich lebendig zu sein. Doch Luke hat keine Ahnung, wie er mit seiner neuen Freiheit umgehen soll. Und in wenigen Monaten wird er in einem Flugzeug zurück nach Deutschland sitzen. Es wäre äußerst unklug, sich auf Jackson einzulassen – oder?

Da dies eines der wenigen Hörbücher ist, die ich rezensiere, direkt erst ein paar Worte zur Vertonung: Die Kapitel, die jeweils aus Lukes und Jacks Perspektive geschrieben wurden, wurden auch von verschiedenen Menschen gelesen. Das Hörbuch so zu gestalten war meiner Meinung nach eine großartige Entscheidung, da man dadurch Perspektivenwechsel deutlicher mitbekommt und außerdem mit den beiden Hauptpersonen unterschiedliche Stimmen verbindet, was das ganze Hörerlebnis etwas realistischer macht. Beide Sprecher hatten sehr angenehme Stimmen sodass man sich voll und ganz auf das Buch einlassen und an vielen Stellen nur so dahin schmelzen konnte. Mir persönlich ist besonders Billies (sollten Namen jetzt falsch geschrieben sein, seht es mir bitte nach, ich habe das Buch nicht als Textstück und somit auch keine sichere Kenntnis über die Schreibweise der Namen) wörtliche Rede noch sehr charakteristisch in Erinnerung geblieben.

Ich mochte sehr, wie sich die Personen in Maybe not Tonight entwickelt haben und wie ausgearbeitet die Nebencharaktere waren, besonders Jacks Schwester ist mir sehr ans Herz gewachsen. Obwohl vieles sehr vorhersehbar war (womit ich ehrlicherweise aber oft rechne, wenn ich Bücher diesen Genres lese) und es im Grunde auch nur eine weitere Liebesgeschichte ist, ist Lukes und Jacksons Geschichte wirklich süß und hat mir mehrfach ein Lächeln auf die Lippen gebracht.

Trotzdem gab es einige kritische Aspekte, über die dringend gesprochen werden muss: Zum einen gab es unzählige Harry Potter Bezüge. Ich möchte nicht behaupten, dass es schlecht wäre Harry Potter Fan zu sein, doch es sollte eindeutig sensibler damit umgegangen werden, welche Bühne man J. K. Rowling damit gibt. Die Harry Potter Bücher sind zweifelsohne schon weltberühmt und es gibt wahrscheinlich kaum jemanden der noch nie zumindest davon gehört hat, dennoch sind solche Erwähnungen in anderen Büchern ein weiterer Multiplikator der Bekanntheit, was wiederum auch besagter Autorin zugute kommt. Meiner Meinung nach gab es eindeutig zu viele Bezüge auf die Fantasy-Reihe, vor allem dafür, dass der Roman einen Teil der LGBTQIA+ Community repräsentiert. Einer Autorin, die sich der Art trans* feindlich äußert, sollte nicht noch mehr positive Aufmerksamkeit zuteil werden.

Außerdem ist Maybe Not Tonight der zweite Teil einer Reihe. Ich habe den ersten Teil nicht gelesen und bin aber trotzdem sehr gut in der Geschichte rein gekommen, kann den Roman also auch all denjenigen empfehlen, die Not Your Type noch nicht kennen. Beim Lesen einiger Rezensionen bin ich aber auf eine Information gestoßen, die ich für den zweiten Teil doch sehr relevant finde: Jackson ist offenbar bisexuell (sollte ich falsche Informationen aus den anderen Rezensionen erhalten haben, kommentiert gern, wenn ihr Not Your Type gelesen habt und es besser wisst), was an sich erst einmal wenig relevant erscheint, da es ja in dieser Geschichte darum geht, dass er sich in Luke verliebt, unabhängig davon ob und wie er sich labelt. Problematisch finde ich nur den Umstand, dass er besonders am Anfang als Player porträtiert wird, der Luke das Herz brechen werde, weil er unzuverlässig sei und lieber feiere und flirte. Wenn man nun die Information aus Band 1 im Kopf hat – Jackson als bisexueller Charakter – und in Band 2 vermittelt bekommt, dass das Unrealistische an der möglichen Beziehung die Beziehungsfähigkeit Jacksons ist (und die Tatsache, dass Luke in einigen Monaten wieder nach Deutschland fliegt, wodurch sie eine Fernbeziehung über den Atlantik hinweg erhalten müssten), wird eines der typischsten Vorurteile gegenüber von bisexuellen Menschen reproduziert und ein Stückchen weiter in das Unterbewusstsein der Leser getragen: Sie würden in einer Beziehung betrügen, weil sie ja an mehreren Geschlechtern interessiert seien. Das ist natürlich Bullshit, denn ob man den Partner betrügt oder nicht hängt von der moralischen Einstellung und nicht von der Sexualität ab. So, dafür dass mein Wissen, auf dem dieser Kritikpunkt basiert, eher weniger fundiert ist (ich bin gern bereit Not Your Type zu lesen sobald ich an eine Ausgabe komme, um das zu ändern) und das auch ein vergleichsweise kleiner Aspekt des Buches ist, ist dieser Absatz doch recht lang geworden. Vielleicht wird es einige nerven, weil ich scheinbar “aus einer Mücke einen Elefanten mache”, aber Fakt ist, dass solche scheinbar irrelevanten, reproduzierten Vorurteile dazu beitragen, dass Menschen in unserer Gesellschaft nicht so akzeptiert und unterstützt werden, wie sie sind. Medien beeinflussen unser unbewusstes Denken mehr, als wir es wahrhaben wollen. Deshalb ist es wichtig auch über die kleinen, unschönen Details von Büchern zu reden.

Außerdem gab es eine Stelle im Buch, über die ich mich im ersten Moment riesig gefreut habe, die mich aber im Nachhinein nur sehr aufregt und nervt: Bei ca. 72% des Buches sagt Tayler: “Wenn ich an Sex denke, denke ich nur daran, wie viele Bücher ich in der Zeit lesen könnte.” Darauf reagiert wird in nur drei Sätzen und diese nicht einmal in wörtlicher Rede, sondern gewissermaßen in Lukes Gedanken, da die Situation aus seiner Perspektive geschildert wird. Gut ist, dass die Aussage, bzw. ihr outing positiv mit einer Solange-sie-damit-glücklich-ist-bin-ich-es-auch-Haltung aufgenommen wird. Allerdings wird dabei so unglaublich viel Potential für akkurate Repräsentation verschenkt, dass es mich einfach sauer macht. In einer Buch-Reihe mit dem Titel Love is Queer wird die einzige Ace-Repräsentation (die sowieso schon generell viel zu selten umgesetzt wird) am Rande erwähnt und dann mit drei Sätzen abgetan, als wäre nichts weiter passiert?! Warum reagiert niemand auf Taylers Outing? Warum wird die Thematik nicht an einer anderen Stelle noch mal aufgegriffen? Warum wird so viel Wert auf das Outing von Alex gelegt und Taylers wird gefühlt überhaupt nicht wahrgenommen. Auch Ace Menschen müssen mit dem unangenehmen Gefühl eines Outings umgehen und sich oft noch mehr unsensible Kommentare anhören als andere Teile der Community. Dies ist hier zwar zum Glück nicht der Fall, aber als gutes Vorbild sollte diese Art der Reaktion trotzdem auf keinen Fall dienen.

+++Achtung Spoiler!+++

Der letzte Aspekt, der mich ziemlich genervt hat, war wie unfassbar spät Jackson einfiel, dass auch in Deutschland zu studieren eine Option wäre. Nicht nur, dass er schon sehr lange vorher weiß, wann Luke wieder nach Deutschland muss und dementsprechend eigentlich wirklich viel Zeit hatte über die Möglichkeiten für ihre Beziehung nachzudenken, nein, nach drei Monaten schmerzhafter Fernbeziehung, muss ihm von seiner Schwester gesagt werden, dass er auch in Deutschland studieren könnte, was mehrere Vorteile mit sich bringen würde.

+++ Spoiler Ende +++

Alles in allem ist Maybe Not Tonight eine süße Romanze mit liebenswerten Nebencharakteren, die man sich gut zwischendurch anhören kann. Jedoch merkt man stark, dass das Buch für eine weibliche cis hetero Leserschaft geschrieben wurde. Wenn man es liest, sollte man es für die Liebesgeschichte lesen und nicht für einen spannenden Plot oder die queere Repräsentation, denn diesbezüglich wird man leider stark enttäuscht. Mehr als 2,5 Sterne kann ich leider nicht vergeben.

Liebe Grüße,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 42 – Gänseblümchen

Liebe Leser:innen,

es ist soweit, der Herbst hat begonnen und mit ihm auch eine neue Saison Rezensionen für die gemütliche Zeit des Jahres. Was gibt es besseres als Regenwetter, eine kuschlige Decke, ein Heißgetränk (meine persönlichen Favoriten: Chai Latte, Kakao und schwarzer Tee) und ein gutes Buch?
Starten werde ich direkt mit einem 5-Sterne Buch. Obwohl es im Herbst und Winter spielt, also perfekt passt, hat es mir eher ein Sommer-Gefühl vermittelt, was denk ich ganz gut zum September passt, denn noch hat das Regenwetter nicht wirklich angefangen.

Gänseblümchen – eine sehr queere Geschichte wurde von Elias Finley geschrieben und am 25. Juli diesen Jahres im Queer Pack Verlag veröffentlicht. Ihr findet es unter der ISBN 9783982202747 als Taschenbuch und ebook. Mir wurde es von NetGalley als ebook im Austausch gegen eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

Bevor ich zum Inhalt komme, kurz ein paar Worte zum Cover: So gut mir das Buch inhaltlich auch gefällt, mit dem Cover kann ich mich nur mäßig gut anfreunden. Es ist super bunt, was an sich gut zum sehr queeren Inhalt passt, jedoch wirkt es stark überladen. Durch die vielen verschiedenen, im Ton sehr kräftig leuchtenden Blumen fällt im ersten Moment gar nicht auf, dass auch die Schrift etwas viel ist. Auf den zweiten Blick fallen die drei verschiedenen Schriftarten in unterschiedlichen Größen und zum Teil verschiedenen Ausrichtungen dann aber doch auf. Positiv zu bemerken ist aber, wie gut sich das Verlagslogo einfügt.

Die Handlung wird aus Ricks Perspektive wiedergegeben, Rick der gerade 19 geworden ist, zur Schule geht und nebenbei im Baumarkt arbeitet, Rick, der Blumen, Rosa und Harmonie mag, von seinen Mitschüler:innen als schwul bezeichnet wird, obwohl er sich nicht sonderlich schwul fühlt und der in Gegenwart der beliebten Auri vor lauter Herzklopfen kein Wort über die Lippen bekommt. Mit Beginn des neuen Schuljahres kommt Bo neu in den Jahrgang und er scheint es auf Rick abgesehen zu haben. Nicht nur dass er ihn beklaut und provoziert, wo er nur kann, ausgerechnet Bo scheint auch einen besonderen Draht zu Auri zu haben. Doch als Rick Bo näher kennenlernt, beginnen sich die Ereignisse zu jagen.

Gänseblümchen ist sehr gut verständlich und vor allem nah am Hauptcharakter geschrieben. Der Schreibstil vermittelt das Gefühl, alles tatsächlich aus Ricks Gedanken heraus mit zu erleben, dadurch liest es sich zum einen sehr schnell und zum andern auch sehr emotional. Besonders gut finde ich außerdem, dass es eine sehr detaillierte Liste mit potentiellen Triggern gibt, durchgängig inklusive * gegendert wird und dass im Vorwort auf die Verwendung der Pronomen sier/sien eingegangen wird, denn genau diese Art der Kommunikation ermöglicht mehr Sensibilisierung für den respektvollen Umgang mit non-binären Menschen und Verständnis für den notwendigen Sprachwandel für mehr Repräsentation, dessen Notwendigkeit viele Menschen leider noch nicht sehen. Generell muss ich aber auch einfach sagen, dass das Buch schon allein durch die enorme Menge an queerer Repräsentation (vor allem der Teile der Community, die sonst leider viel zu oft übersehen werden) einen riesigen Pluspunkt bei mir hat.

Die Entwicklung des Plots hat mich schlicht umgehauen. Durch die Liste potentieller Trigger wurde zwar schon deutlich, dass viel passiert, aber es gab so viele Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte, dass es bis zum Epilog spannend und überraschend blieb. Bezeichnend hierfür ist mein Kommentar bei goodreads, als ich gerade 93% des Buches gelesen hatte: “Es sind noch 7% zu lesen und ich habe das ungute Gefühl, dass mir dieses Buch das Herz brechen wird. Ich hab so Angst um Bo. Er hat sich wie der letzte Arsch verhalten, aber er ist mir wirklich ans Herz gewachsen und ich habe irgendwie doch sehr Angst vor dem Ende des Buches.”

Letztlich kann ich vor allem eins sagen: Wow. Nur wenige Bücher schaffen es, mich mit allen Emotionen abzuholen, Charaktere zu schaffen, die absolut glaubwürdig und real geschrieben sind, und dabei noch wichtige politisch-moralische Botschaften zu vermitteln. Ich habe mindestens genauso oft gelacht (ja, auch laut, sehr zur Verwirrung der Menschen um mich herum) und mich für die beschriebenen Personen gefreut wie ich auch sauer auf Rick und Bo war und mitgelitten habe, wenn die Handlung unschöne Wendungen nahm. Die beschriebene Freundschaft zwischen Rick und Vhyn ist einfach großartig (ich würde die beiden so gern mal in der Realität treffen) und die Charakterentwicklung (die ich mir für Rick noch etwas mehr gewünscht hätte) von Bo ist der Wahnsinn. Es ist so schön zu lesen, wie Vhyn und Auri über sich hinauswachsen und mit allem Mut, den es dafür leider manchmal braucht, zu sich selbst stehen. Aber nicht zuletzt sind auch die Nebencharaktere einfach cool, ich brauche bitte mehr Personen wie Ricks Großeltern in meinen Büchern! 😀
5 von 5 absolut verdiente Sterne für diesen wunderbaren, queeren Young-Adult Roman, dessen Cover und Inhalt genauso unperfekt, bunt und liebenswert sind, wie das Leben.

Alles Liebe,
Aly

PS: Das Buch hat mir mein Herz übrigens nicht gebrochen, manchmal ist es unglaublich gut, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, denn dann kann man positiv überrascht werden, was hier eindeutig der Fall war.

Blog, Reviews

Blog Entry No. 39 – Pictures of You

Liebe Leser:innen,

die Mittsommernacht und der Pride Month sind vergangen (ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht), aber ein großer Teil des Sommers liegt noch vor uns. In Vorfreude auf den CSD, der in meiner Nähe erst im September stattfindet, und mit dem Versprechen, dass ich in Zukunft noch etwas häufiger über queere Bücher schreiben werde, hier nun die Rezension zu Pictures of You von Tina Winter.

Cover des Buches: https://www.ullstein-buchverlage.de/uploads/tx_publisher/cover
/9783958186262_cover.jpg

Das ebook dieses Romans wurde mir von NetGalley im Austausch einer unabhängigen, ehrlichen Rezension zur Verfügung gestellt. Pictures Of You, geschrieben von der deutschen Autorin Tina Winter, erschien am 5. April 2021 in dem Verlag Forever by Ullstein. Ihr findet es unter der ISBN 9783958186262.
Ich persönlich finde das Cover total gelungen, auch wenn es nicht zu den Top-Cover-Favoriten in meinem Regal zählt. Der Titel sticht als das einzige, farblich nicht harmonisch passende Element hervor und der Hintergrund ist einfach durch und durch schön. Mir gefällt, dass die Kamera im Vordergrund steht und die beiden Hauptcharaktere einen nicht gleich anspringen, denn normalerweise bin ich kein Fan von realen Menschen auf Covern, vor allem bei Büchern der Genres Romantik, New Adult, Erotik etc. Irritierend finde ich es oft, wenn der Titel in einer anderen Sprache als der Originaltext ist, so wie hier (oder bspw. englische Titel zu anderen englischen Titeln bei der anderssprachigen Ausgabe “übersetzt” werden). Ebenfalls anmerken möchte ich noch, speziell auf Netgalley.de bezogen, dass ich es nicht gut finde, Bücher in Kategorien wie “Frauenunterhaltung” einzuteilen. Natürlich muss man das Angebot irgendwie sortieren, schon um es der Zielgruppe leichter zugänglich zu machen, jedoch bin ich der Meinung, dass sich dafür durchaus weniger sexistische Kategorien finden lassen.

Aber nun zum Inhalt: Die Geschichte wird aus Jays Perspektive erzählt. Der junge BWL-Student studiert nur deshalb BWL, um dem Willen seines Vaters zu folgen und in das Familienunternehmen einzusteigen. Seine Freizeit gestaltet er dagegen hauptsächlich mit Fotografie und One-Night-Stands, mit keinem Mann schläft er mehr als einmal. Seine Familie hat keine Ahnung von Jays wirklichen Interessen und Alles würde nach Plan verlaufen, hätte er nicht den verschlossenen, neuen Bibliothekar Konstantin kennengelernt, der Jay nicht mehr aus dem Kopf geht.

In Pictures of You beschreibt Tina Winter eine wirklich schöne, romantische Geschichte, durch deren Seiten man nur so fliegt. Einmal angefangen ist das Buch schwer aus der Hand zu legen, da zum einen der Schreibstil absolut angenehm ist und zum anderen auch die Handlung immer die richtige Balance zwischen fesselnder Spannung mit offenen Fragen und Romantik zum Dahinschmelzen fand. Beeindruckend ist Jays Entwicklung. Während die meisten Nebencharaktere nur selten mit Details und Entwicklung versehen wurden und ich mir auch bei Konstantin gern noch mehr Tiefe gewünscht hätte, wurde im Gegensatz dazu Jays Gefühls- und Gedankenwelt genial beschrieben. Er wächst mit jeder Herausforderung, macht Fehler und lernt dazu, aber vor allem findet er im Laufe des Romans immer mehr zu sich selbst und das “miterleben” zu können ist einfach wundervoll.
Mein absoluter Lieblingsnebencharakter ist die Mitbewohnerin der Hauptperson: die rothaarige Jurastudentin und Bloggerin Maren. Getoppt wird das ganze nur noch von der Szene als Maren und Jay gemeinsam Suits (eine meiner Lieblingsserien) schauen und sie sich darüber beschwert, ständig mit Donna verglichen zu werden. Obwohl ich sagen muss, dass ich mir immer noch nicht ganz sicher bin, ob die im Buch beschriebenen Szenen der Serie nicht doch ein paar Spoiler enthalten haben.

Alles in Allem ist Pictures Of You ein wirklich schöner, romantischer Roman mit LGBTQIA+ Repräsentation und expliziten sexuellen Schilderungen.
Thematisiert wird dieses Buch auch in meiner neuen Podcastfolge: Folge 2 – Bücher mit LGBTQIA+ Repräsentation.

Ich wünsche Euch noch ein wundervolles Wochenende,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 38 – Kim Jiyoung, geboren 1982

Liebe Leser:innen,

obwohl die Thematik in diesem Buch immer wieder schockierend und unglaublich wichtig ist, wird das eine eher kurze Review. In diesem 37. Blog Eintrag soll es um “Kim Jiyoung, geboren 1982” gehen, ein Buch der koreanischen Autorin Nam-Joo Cho, das den extremen Sexismus, den der Hauptcharakter erdulden muss, scharf auf den Punkt bringt.
Die deutsche Übersetzung wurde am 11. Februar 2021 veröffentlicht und Ihr findet sie unter der ISBN 9783462053289. Mein Exemplar wurde mir von NetGalley.de im Austausch für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

Cover des Buches, Bild von: https://rdw.hgvcdn.de/
resources/FILENAME/9783462053289.jpg

“In einer kleinen Wohnung am Rande der Metropole Seoul lebt Kim Jiyoung. Die Mittdreißigerin hat erst kürzlich ihren Job aufgegeben, um sich um ihr Baby zu kümmern – wie es von koreanischen Frauen erwartet wird. Doch schon bald zeigt sie seltsame Symptome: Jiyoungs Persönlichkeit scheint sich aufzuspalten, denn die schlüpft in die Rollen ihr bekannter Frauen. Als die Psychose sich verschlimmert, schickt sie ihr unglücklicher Ehemann zu einem Psychiater. Nüchtern erzählt eben dieser Psychiater Jiyoungs Leben nach, ein Leben bestimmt von Frustration und Unterwerfung. Ihr Verhalten wird stets von den männlichen Figuren um sie herum überwacht – von Grundschullehrern, die strenge Uniformen für Mädchen durchsetzen; von Arbeitskollegen, die eine versteckte Kamera in der Damentoilette installieren und die Fotos ins Internet stellen. In den Augen ihres Vaters ist es Jiyoung’s Schuld, dass Männer sie spät in der Nacht belästigen; in den Augen ihres Mannes ist es Jiyoung’s Pflicht, ihre Karriere aufzugeben, um sich um ihn und ihr Kind zu kümmern.” [Kurzbeschreibung zitiert von NetGalley.de]

In “Kim Jiyoung, geboren 1982” wird treffend die unschöne Realität des starken Sexismus in Südkorea dargestellt und informativ mit Statistiken belegt. Die Thematik des Buches ist zweifelsohne extrem wichtig und stilistisch sehr gut verpackt. Mehrfach haben mich Situationen, Handlungen oder Äußerungen der Personen Frauen gegenüber sprachlos gemacht. Aber auch die Einstellung vieler Frauen selbst war schockierend. Die Lebensgeschichte Kim Jiyoungs wurde nüchtern und fast schon trocken beschrieben, was sehr gut zu dem Rahmen passt, dass die Geschichte von ihrem Psychiater erzählt wird. Dennoch ist es mir dadurch schwer gefallen, das Buch wirklich gern zu lesen, es konnte mich nicht fesseln, hat mich nicht in den Bann des Geschehens gezogen. Insgesamt ist “Kim Jiyoung, geboren 1982” von Nam-Joo Cho ein wirklich gutes und authentisches Buch, das man mal gelesen haben sollte.

Die nächsten Rezensionen werden wieder länger, bis dahin wünsche ich Euch eine wunderbare Zeit,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 31 – Mädchen, Frau etc.

Liebe Leser*innen,

in der letzten Woche haben Bernadine Evaristos Worte nicht nur mein elektronisches Bücherregal (an dieser Stelle vielen Dank an NetGalley, wodurch ich dieses großartige Buch als eBook lesen durfte), sondern auch mein Bewusstsein und meinen Geist bereichert. Solltet Ihr noch überlegen, ob Ihr Mädchen, Frau etc. kaufen wollt, kann ich euch versichern, dass die darin geschilderten Perspektiven jeden Cent wert sind.

Das Cover ist mit Abstand eines der farbenfrohsten meines Regals und die starken, gesättigten Farben stehen im Kontrast zu der schwarz-weißen Gestaltung der Schrift und der Silhouette. Trotz der zahlreichen Kontraste (Schwarz/Weiß; Komplementärfarben Violett/Gelb; verschiedenste Formen, usw.), den klaren Linien und den satten Farben, was insgesamt sehr viel Energie und Kraft ausstrahlt, erscheint das Cover harmonisch und ist angenehm zu betrachten. Meiner Meinung nach passt diese Gestaltung perfekt zum Inhalt des Buches, zu den vielen verschiedenen Geschichten von starken, unabhängigen, wundervollen Frauen. Müsste ich nur nach dem Cover entscheiden, welche Bücher ich lese, hätte dieses auch dann den Weg in meine Hände gefunden.

Mädchen, Frau etc. von Bernadine Evaristo erschien am 23. Januar 2021 im Klett-Cotta Verlag, nachdem das britische Original bereits am 2. Mai 2019 veröffentlicht wurde und noch im selben Jahr, neben weiteren, späteren Preisen, den Booker Prize erhielt. Ihr findet das Buch unter der ISBN 978-3-608-50484-2.

Evaristo beschreibt in ihrem Roman die Lebensgeschichten von 11 Frauen und einer Person, welche sich als non-binary identifiziert und in einem weiblichen Körper geboren wurde. Jede Person erhielt ihr eigenes Unterkapitel, in welchem dann die Ereignisse aus der Perspektive dieses Menschen geschildert wurden, oft auch in einer für diesen typischen Sprache, wodurch die Charaktere authentisch wirkten. Jedoch standen alle Kapitel in einem Zusammenhang: Zentrum der Handlung war im wesentlichen die Premiere des von Amma inszenierten Stücks: “Die letzte Amazone von Dahomey”. Alle Personen, welche für ein Unterkapitel die Hauptperson waren, waren entweder bei der Premiere anwesend, lasen davon oder waren mit jemandem verwandt, der dort war. Abgesehen von Penelope identifizierte sich auch kein Charakter als weiß, alle wurden entweder selbst auf dem afrikanischen Kontinent geboren oder hatten enge Verwandtschaft, für die das zutraf.

Inhaltlich stellt Mädchen, Frau etc. einen herausragenden, wichtigen und längst überfälligen Einblick in das Leben von Frauen dar, die mit sehr viel Leid, Verlust und Diskriminierung leben mussten und müssen. Außerdem wird mehr als deutlich gezeigt, wie unterschiedlich die Haltung von Menschen sein kann, die eigentlich das Gleiche erreichen wollen. Besonders gut hat mir aber die Gegenüberstellung der verschiedenen Generationen gefallen, die zum einen die Entwicklung der Gesellschaft sehr deutlich gemacht hat, aber zum andern auch darauf aufmerksam macht, den älteren Generationen zuzuhören, aus ihren Erfahrungen zu lernen und zu versuchen sie zu verstehen. Meiner Meinung nach schuf Evaristo mit diesem Roman ein hochpolitisches Werk, das Augen öffnet und dazu aufruft, den Fokus auf die wesentlichen Werte, auf deren Herstellung und Wahrung fast alle Bewegungen hinarbeiten, nicht zu verlieren.

Obwohl dieses Werk inhaltlich großartig und schwer von Bedeutung ist, kann ich leider trotzdem keine 5 von 5 Sterne vergeben. Der Schreibstil hat mir besonders zu Anfang Probleme bereitet. Man findet außer Kommas, Frage- und Ausrufezeichen keinerlei Satzzeichen. Sätze sind als Absätze gekennzeichnet und wörtliche Rede war lediglich am Wechsel der verwendeten Personalpronomen zu erkennen. Natürlich zeigt dies eine spezielle, fast schon poetische Stilistik, jedoch habe ich mich bis zum Ende nicht völlig daran gewöhnen können. Deshalb konnte ich während des Lesens nicht so in die jeweilige Geschichte eintauchen, wie es bei anderen Büchern möglich ist und brauchte mehrere Anläufe mich zu motivieren, weiter zu lesen. Das ist bei einem Buch mit so wichtigem Inhalt extrem schade.

Dennoch bleibt Mädchen, Frau etc. ein sehr gutes Buch mit einer zweifellos wirklich wichtigen Thematik. Trotz des anstrengenden Schreibstils, sollte jeder diesen Roman mindestens einmal gelesen haben und sich die Bedeutung dieser keineswegs selten vorkommenden Geschichten und Ereignisse bewusst machen. Diese Worte Bernadine Evaristos sind eine Bereicherung für jedes Bücherregal.

Ich hoffe Euch geht es gut und ihr könnt die kommende Woche genießen,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 26 – Between Your Words

Liebe Leser,

die Rezension dieser Woche dreht sich um einen Roman des Lyx Verlages. Soweit ich mich erinnern kann, ist dieses Buch das erste, welches ich aus diesem Verlag gelesen habe und es hat definitiv einen sehr positiven ersten Eindruck hinterlassen. Between Your Words von Emma Scott wurde mir als eBook von Netgalley.de als Gegenleistung für eine Rezension bereitgestellt. Wie immer könnt ihr meine Rezension auch auf dieser Website lesen.

Das Cover ist relativ nichtssagend und schlicht, aber dennoch sehr harmonisch und schön. Man kann die Streifen, die mich zumindest irgendwie an glänzende Stoffbahnen erinnern, relativ gut mit der Amnesie in Verbindung bringen, indem man sie als die, die Erinnerung verwischende, Leere interpretiert. Wobei ein Cover ja nicht immer etwas aussagen muss; es ist wirklich schön und wenn ich ein Buch nur nach dem Cover aussuchen müsste, hätte ich dieses wahrscheinlich auch so gelesen.

Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt, die den Inhalt meiner Meinung nach sehr gut gliedern. Der erste befasst sich mit der grundlegenden Handlung, deren Basis man auch nur kennen muss, um sich für dieses Buch zu entscheiden. Thea ist der weltweit zweitschlimmste, dokumentierte Amnesie Fall und es scheint keine Hoffnung auf Heilung zu geben. Ihre Pflege ist darauf ausgerichtet, dass sie alle 5 Minuten ihre Erinnerung verliert und keine Langzeiterinnerungen abrufen oder speichern kann. Es wird also angenommen, dass sie nur durch Routine und Ruhe ein scheinbar friedliches und glückliches Leben führt und Freuden an Tätigkeiten wie dem Malen unwesentlich sind, weil sie sich am nächsten Tag sowieso nicht mehr daran erinnern könne, gemalt zu haben.
Nachdem sie bereits zwei Jahre mit diesem Zustand im Blue Ridge Senatorium lebt, fängt ein neuer Hilfspfleger an dort zu arbeiten: James Whelan. Als sich Thea und Jim, wie er die meiste Zeit genannt wird, das erste Mal treffen, ahnt er noch nicht, dass sie Patientin an seinem neuen Arbeitsplatz ist, geschweige denn der zweitschlimmste Fall von Amnesie. Diese Begegnung ist beinahe magisch, Jim, der normalerweise nicht gern redet, weil er unter seinem Stottern leidet, fällt es zum ersten Mal in seinem Leben wieder leicht zu reden, viel zu reden. Thea, die in ihren 5 Minuten Phasen ein leuchtender, durch und durch fröhlicher Mensch ist, wie sie es in ihrem Leben vor der Amnesie war, lässt Jim nicht mehr los und es entwickelt sich eine der ungewöhnlichsten Liebesgeschichten, die ich bisher lesen durfte.

Da das Buch im Sommer spielt, passt dieses Bild eigentlich nicht besonders gut, aber Sommerbücher im Winter zu lesen bewirkt fast immer eine gewisse Wärme im Innern.

Emma Scott ist bereits eine für ihren emotionalen, fesselnden Schreibstil bekannte Autorin und genau diese Fähigkeit hat sie in Between your Words eindeutig bewiesen. Der Roman hat mich gewissermaßen hineingesogen und es fiel mir wirklich schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Die Geschichte der beiden Protagonisten ist unglaublich gefühlvoll und wurde auch so geschrieben. Außerdem war es auch keine 08/15 Liebesgeschichte, deren Ausgang man schon nach den ersten Seiten voraussehen kann. Im Gegenteil, ich habe mich bis zu den letzten Kapiteln gefragt, wie die Geschichte enden wird und ob Thea und Jim eine Zukunft haben werden.
Besonders nachdem ich so schockiert von Die Wunderbare Kälte war, weil es eben keine Triggerwarnung gab, war ich sehr froh hier eine zu finden, die meiner Meinung nach dem Geschehen auch gerecht wird.

Emma Scotts Between Your Words ist ein absolutes Muss für jeden Romantik-Liebhaber. Wenn ihr gern emotionale Bücher lest, die noch dazu interessant sind (Wie wird mit einem solchen Amnesie-Fall umgegangen? Was macht das mit den Angehörigen? Wie geht es den Menschen mit Amnesie? etc.) und deren Nebencharaktere einfach durch und durch liebenswert sind, dann sollte dieser Roman definitiv in euer Bücherregal einziehen.

Alles Liebe,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 22 – Die wunderbare Kälte

Liebe Leser,

In der letzten Woche hat mich besonders ein Buch in meinem Alltag begleitet: Die wunderbare Kälte von Elisabeth Rettelbach. Ich bekam die ePUB Version des Buches von Netgalley für eine Rezension bereitgestellt. Soeben habe ich die letzte Seite eben diesen Buches gelesen und muss ehrlich sagen, es ist zwar einzigartig und definitiv außergewöhnlich, aber wirklich gut gefallen hat es mir nicht.

Am 01.12.2020 wurde das Buch der Diplom-Übersetzerin und Texterin im Kirschbuch Verlag veröffentlicht. Elisabeth Rettelbach spricht verschiedene Sprachen, unter anderem Englisch, Französisch und Schwedisch, und lebt nun nach vielen Jahren in den USA wieder in Deutschland. Sie gewann mit Die wunderbare Kälte, ihrem Debüt, den Preis “Bestseller von morgen”.

Cover der ePUB und Taschenbuch Version der ersten Veröffentlichung

Am Cover gefällt mir besonders die farbliche Harmonie der Blau- und Violetttöne, zumal die kalten Farben natürlich auch das Thema und die Stimmung des Romans sehr gut treffen. Ich persönlich bin auch ein Fan von Schreibmaschinenschriftarten, wie die, in welcher der Titel und der Name der Autorin gestaltet wurden. Im Hintergrund erkennt man gut die vereinzelten Schneeflocken, die wiederum natürlich zu dem Winter passen, in welchem die Geschichte handelt. Was genau der restliche Hintergrund darstellt, kann ich jedoch nicht mit Sicherheit sagen. Meine Vermutung ist etwas pelz- oder stoffähnliches, passend zu den vielen Kostümen, welche einen wesentlichen Einfluss auf die Handlung haben. Auch zwischen dem, im Vordergrund prangenden, vergleichsweise sehr großen, Schmetterling und dem Inhalt des Buches kann ich keine gute Verbindung herstellen, aber vielleicht erkenne ich nur gerade den Interpretationsansatz nicht. Falls ihr Ideen habt, wie man diesen interpretieren könnte, schreibt es gern in die Kommentare.

Im Mittelpunkt der Handlung von Die wunderbare Kälte steht Kai, eine einzelgängerische Maskenbildnerin, die den Winter liebt. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten damit, Fremde zu stalken, ihnen Zettel mit einer Telefonnummer oder E-Mail-Adresse zuzustecken und sie dann wie Figuren in einem Drehbuch zu manipulieren. Bei einer Lesung, die sie nur ihrer Schwester zuliebe besucht, trifft sie auf Milo und Tama. Zwei Fremde, deren Geschichte Kai stärker als je eine zuvor fasziniert. Sie beginnt sich in das Leben der beiden einzumischen und ein psychedelischer Albtraum beginnt.

Rettelbach verwendet einen sehr leichten, aber zugleich auch komplexen Schreibstil. Das Buch ließ sich, nach einiger Gewöhnung, sehr leicht und schnell lesen (rein vom Vokabular und der Grammatik her, zum Inhalt später mehr) aber mir sind auch sehr viele Stilmittel aufgefallen. Besonders stark arbeitete die Autorin mit Wiederholungen, welche die Stimmung der Situation sowie die Gedanken und Gefühle von Kai gut verdeutlichten. Die meiste Zeit über erzählte die Protagonistin aus ihrer Perspektive, also der ersten Person Singular, die Geschichte. Hin und wieder wechselte sie aber auch plötzlich zur dritten Person Singular, wodurch das Gefühl Kais, von außen auf sich drauf zu blicken unglaublich deutlich gemacht wurde. Außerdem nutzte Rettelbach zweimal die lateinische Phrase “Hic sunt dracones”, welche bei alten Seefahrerkarten meist an den Rand geschrieben war, also an die Stellen der Welt, welche noch unentdeckt waren, wo die Welt für die damaligen Menschen endete. Die Phrase meint im Wesentlichen also unerforschte Gebiete, was in den jeweiligen Szenen sehr gut passt. Obwohl ich mich erst an den Schreibstil gewöhnen musste, ist er, besonders wenn man genauer darüber nachdenkt, bemerkenswert gut.

Inhaltlich hat mich Die wunderbare Kälte leider nicht so überzeugt wie der Stil der Autorin. Ich persönlich hätte mir zuvor eine Triggerwarnung bezüglich Panikattacken gewünscht, da mich die Beschreibung dieser innerlich sehr aufgewühlt hat und ein positives Leseerlebnis deutlich beeinträchtigte. Obwohl sie nur in geringem Maße vorkommt, bin ich der Meinung, dass auch vor der beschriebenen Gewalt in irgendeiner Form zuvor gewarnt werden sollte (vielleicht in einer Anpassung des Genres oder einer Altersempfehlung), da ich mir vorstellen kann, dass man nicht unbedingt damit rechnet, wenn man im Klappentext etwas von einer Stalkerin ließt.
Diesen Roman zu lesen war durch und durch ein interessantes Erlebnis, welches ich von keinem anderen Buch so kennengelernt habe. Man erlebt alles aus der Perspektive einer Stalkerin mit immer offensichtlicher werdenden psychischen Problemen, wodurch man faszinierend und beunruhigend nah dran an ihren Emotionen und ihren Gedanken ist, welche ihr Handeln letztendlich ja bewirken. Mehr als einmal habe ich überlegt, aufzuhören dieses Buch zu lesen, weil es mich in gewisser Hinsicht einfach häufig verstört hat. Doch weil die Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, sehr positiv berichteten, habe ich weiter gelesen mit dem Gedanken, dass es vielleicht noch eine spannende Wendung gibt. Außerdem interessierte es mich brennend, wie man so einen Roman zu Ende bringt. Ich konnte mir einfach kein Ende der Handlung vorstellen, weil es eben kein Buch wie jedes andere ist.

+++Achtung, mögliche Spoilergefahr+++

Um zu verstehen, warum Die wunderbare Kälte einen so fahlen Nachgeschmack hinterlässt und ich nur 2 von 5 Sternen auf Plattformen wie Goodreads und Netgalley geben kann, muss ich das Ende ansprechen. Neben dem Fakt, dass mich die Handlung und die Gedanken der Protagonistin nicht nur einmal verstört haben und ich das Buch wahrscheinlich nicht gelesen hätte, wenn ich um das Triggerpotential gewusst hätte (trotzdem bereue ich nicht, es gelesen zu haben, was aber eigentlich nur an dem Schreibstil der Autorin und der Tatsache, dass ich mit jedem Buch, das ich lese, für mein Leben lerne, liegt), hat mich auch das Ende des Romans sehr enttäuscht. Ich hatte wahrscheinlich auf irgendeine Art der Charakterentwicklung im Sinne eines Lernprozesses gehofft. Aber die einzige spürbare Entwicklung der Protagonistin ist die Steigerung ins Extreme ihrer Handlungen und der Verschlechterung ihrer psychischen Verfassung während ihrer Geschichte mit Milo und Tama. Als diese aber vorbei ist, ist eben diese nur noch eine Geschichte für sie und Kai macht wieder so weiter, wie sie vor der Begegnung mit den beiden gelebt hatte. Nicht nur dass eine Art Lernprozess ausbleibt, auch fehlt jegliche Konsequenz ihres Handelns. Sie wird nie direkt mit der Polizei konfrontiert, obwohl mehrere Straftaten bekannt sind und sie erhält auch nie psychologische oder psychiatrische Hilfe, die sie aber offensichtlich dringend nötig hat. Die Botschaft, die das Buch damit sendet, mag zwar interessant, aber keinesfalls gut oder gesund sein.

+++ Ende des Absatzes mit Spoilergefahr+++


Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass ich die zwei von fünf Sternen (Netgalley, Goodreads, etc.) vor allem für den Schreibstil vergebe. Inhaltlich ist Die wunderbare Kälte zwar besonders und anregend, weil man diese Perspektive sehr selten zu lesen bekommt, aber, meiner Meinung nach, deshalb noch lange nicht gut. Mich hat der Inhalt an einigen Stellen einfach zu sehr enttäuscht und beunruhigt, um mehr Sterne zu vergeben. Wenn ich an diesen Roman denke, erinnere ich mich schlicht nicht an ein angenehmes Leseerlebnis. Solltet Ihr aber kein Problem mit der Schilderung von Panikattacken, Gewalthandlungen und psychischer Manipulation haben und die Perspektive einer Stalkerin interessant finden, ist Die wunderbare Kälte vielleicht eine optimale Bereicherung für Euer Bücherregal. In dem Fall, wünsche ich Euch natürlich viel Spaß beim Lesen!

Mit lieben Grüßen,
Aly

PS: Ihr findet Die wunderbare Kälte unter der ISBN 9783948736125 für 12€ (Taschenbuch) oder 6,99€ (ePUB) im Buchhandel.