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Blog Entry No. 36 – Fragen zu Corpus Delicti

Liebe Leser*innen,

meine schriftlichen Abitur-Prüfungen sind geschrieben und zumindest in meiner Deutsch-Prüfung hatte ich sehr viel Spaß an dem was ich da tat, DENN: ich konnte meine Liebe zu Corpus Delicti ausleben und über 4 Stunden lang erörtern, inwiefern die Diskrepanz zwischen Recht und Rechtsgefühl dargestellt wird und wie sinnvoll das “unversöhnliche” Ende (meiner Meinung nach eins der besten Enden von Büchern, die ich bisher gelesen habe) solcher Werke ist. Ich gebe zu, dadurch, dass Corpus Delicti zu meinen Lieblingsbüchern gehört und eins der wirklich wenigen Werke ist, aus denen ich nahezu fehlerfrei wortwörtlich zitieren kann, habe ich mich natürlich besonders auf dieses Buch vorbereitet, da es mir einfach immer und immer wieder Freude bereitet, es zu lesen und darüber zu reden. Passend dazu (aber leider zu spät, um es noch zur Prüfungsvorbereitung zu verwenden) habe ich gestern Fragen zu Corpus Delicti in der Bibliothek gefunden, direkt gelesen und immer wieder festgestellt, dass es zum einen ein unglaublich gutes Begleitbuch zu Corpus Delicti ist und zum andern gefüllt von inspirierenden wie kontroversen Gedanken ist, verpackt in einen sehr angenehmen Schreibstil. Ich habe es von der ersten bis zur letzten Seite geliebt, verschlungen und jedem empfohlen der mir begegnet ist.

Schon am Cover erkennt man zu welchem Werk dieses Buch gehört: Diese beiden Ausgaben des btb Verlags sind sich extrem ähnlich. Der auffälligste Unterschied ist die Farbe des Buchrückens und die fehlende Nummer der Zellentür. Da die Bücher auch direkt miteinander in Verbindung stehen, ist diese gleiche Gestaltung, meiner Meinung nach, absolut positiv zu bewerten.

Inhaltlich ist Fragen zu Corpus Delicti wie ein Interview aufgebaut, das in thematische Untereinheiten wie “Die Protagonisten” oder “Politische Literatur” geteilt ist. Juli Zeh beantwortet sehr viele und vor allem sehr verschiedene Frage zum Inhalt, zur Entstehung und zum Kontext des Buches, aber auch zu ihrem schriftstellerischen und juristischen Werdegang sowie die Zusammenhänge zwischen diesen Themen.

Das Lesen hat mir nicht nur sehr viel Freude bereitet, weil ich Juli Zehs Schreibstil sehr mag, sondern auch, weil ich einiges dazu gelernt habe und über einige Zusammenhänge des Lebens noch einmal genauer und tiefgründiger nachgedacht habe. So spricht Zeh beispielsweise über spannende Werke, die ihr zur Inspiration dienten und die sie zum Teil auch unbewusst in Corpus Delicti sinngemäß zitierte, die ich bisher noch nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Die Probleme der Biopolitik, Prävention und Selbstoptimierung nehmen außerdem eine verdient wichtige Rolle ein und obwohl das dem zugrundeliegende Buch genau diese Zusammenhänge behandelt, wurde mir erst durch Fragen zu Corpus Delicti bewusst, wie viele Bezüge man schon in der aktuellen Gesellschaft wiederfindet, was schlicht schockierend, aber nur schwer vermeidlich ist.

Es gibt im Grunde keine negativen Aspekte an diesem Buch, auch wenn es ein eher untypisches Format ist. Ich möchte allen, vor allem denjenigen die Corpus Delicti bereits kennen (wenn nicht: lest es, es ist ein unglaublich gutes Buch und wenn ihr es nicht lesen wollt, lest Fragen zu Corpus Delicti trotzdem, das Wichtigste wird nochmal erklärt und zitiert), ans Herz legen, dieses Buch unbedingt zu lesen und im besten Fall anschließend mit anderen Menschen darüber zu diskutieren, denn davon lebt unsere Demokratie: Von Debatten, einem Austausch und der Kompromissfindung, die es ohne erstere nicht geben könnte.

Ich werde jetzt direkt das nächste Zeh-Buch beginnen (ihre aktuellste Veröffentlichung: “Über Menschen”) und vielleicht nebenbei noch “Kim Jiyoung, geboren in 1982” beenden. Ich hoffe ihr findet auch etwas Zeit zum Lesen und zum Entspannen.

Ihr hört von mir,
Aly 🙂

PS: Hier noch eins meiner Lieblingszitate: “Die Fähigkeit zum Schmerz macht uns zu Menschen und bringt uns immer wieder ins Zentrum unserer Kraft zurück. Auch wenn die Schrecken der Weltgeschichte etwas anderes vermuten lassen – der Mensch ist ein soziales, moralfähiges, auf das Gute gerichtetes Wesen. Das Schädigen von anderen beruht beim Menschen in den allermeisten Fällen nicht auf einem Willen zum Bösen, sondern auf einem eklatanten Mangel an Empathie.”
– Juli Zeh: “Fragen zu Corpus Delicti”, Seite 57