Blog, Reviews

Blog Entry No. 20 – Wir leuchten

Liebe Leser,

das Buch, um das es mir heute gehen soll, bedeutet für mich einige Erste-Male. Ich habe zum ersten Mal ein Buch vorbestellt (und es noch vor der offiziellen Veröffentlichung gelesen), es ist das erste persönlich und überhaupt signierte Buch in meinem Bücherregal und ich werde am 19. 02. 21 zum ersten Mal eine Lesung (wenn auch nur online) besuchen. Umso passender, dass es in eben diesem Roman unter anderem auch um Erste-Male geht: Der erste Roadtrip, das erste Mal betrunken, die erste Diskussion mit einem Ex-Nazi und die erste Freundschaft mit Pakistani, nur um ein paar wenige zu nennen. Wir leuchten ist außerdem der Debutroman Joe Rains, wie passend. ^^

Joe Rain fing während ihres Abiturs an, ihren ersten Roman zu schreiben. Gestern, nach etwas mehr als vier Jahren Überarbeitung, einer bestandenen Feuerprobe auf Wattpad und all dem was eben zu der Veröffentlichung eines Buches dazugehört, ist Wir leuchten endlich offiziell im Wreaders Verlag erschienen. Für alle, die noch überlegen, ob dieses Buch das richtige für sie ist, noch nie davon gehört haben oder es vielleicht schon gelesen haben und einfach noch andere Meinungen lesen wollen, hier meine Rezension und Weltsicht. Viel Spaß. 🙂

Wie immer, zuerst das Cover: Ich muss sagen, ich liebe die Stimmung, die es ausstrahlt. Die warmen Farben lassen es irgendwie gemütlich wirken und der Pick-up, die Berge, der Wald und die Sonne strahlen die pure Abenteurer-Atmosphäre aus. Außerdem passen der irgendwie fast schon minimalistische Comic-Zeichen-Stil und die schlichte Schriftart gut zueinander, was zusammen mit den harmonierenden Farben ein sehr angenehmes Bild ergibt. Ich muss aber leider zugeben, dass ich erstmal googlen musste, wie Pick-ups aussehen, weil im Buch eindeutig fünf Personen in das Auto passen und ich mir das bei dem Bild auf dem Cover wirklich nicht vorstellen konnte. 😅
Mittig am unteren Rand sieht man auch das Logo des Wreader Verlags und sonst verliere ich nicht besonders viele Worte über den betreffenden Verlag, aber dieses Logo ist einfach das schönste, das ich bisher irgendwo gesehen habe, weshalb es einfach eine extra Erwähnung verdient.

Wir leuchten wird von Estelles Perspektive erzählt. Estelle, die Meinungslose. Sie erzählt von ihrem durchschnittlichen Leben, von ihrer beendeten Beziehung und ihren schlechten Noten im Schulhalbjahr 12/1. Bis sie auf einer Party Isy kennenlernt und spontan entscheidet wegzulaufen. Irgendwohin, nur Hauptsache weg von ihrem alltäglichen, erdrückenden Leben.

Ab dem Punkt verändert sich alles. Ein Pick-up wird geklaut und der Besitzer mit einem High-heel K.O. geschlagen. Als dieser sich jedoch entscheidet, einfach mitzukommen, beginnt ein Roadtrip voller politischer Diskussionen, philosophischer Statements und neuer Freundschaften. Gemeinsam mit Estelle wird dem Leser, das Konfliktpotential von “Politik” näher gebracht. Man lernt, die Hauptperson begleitend, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu verteidigen und dass man auch erhobenen Hauptes nachgeben kann. Wir leuchten ist eine Geschichte von Fremden, die zu besten Freunden werden, auf ihrem Weg noch mehr fremde Freunde treffen und mit Musik und einem orangenen Pick-up vor ihrem alten Leben davon fahren.

Beim Lesen sind mir vor allem zwei Aspekte aufgefallen: Estelle und ich würden uns wahrscheinlich ständig streiten und viele Charaktere haben einen Beinamen. Isy, die Kommunistin, die Verrückte. Estelle, die Meinungslose. Daniel, der Nazi, der Rechtsdenkende. Max, der Angeber. Jens, der Glatzkopf.

Angesichts dessen, dass ich zu den meisten politischen, gesellschaftlichen und historischen Themen eine Meinung habe und es liebe, diese auszudiskutieren und zu verteidigen, empfand ich Estelles Einstellung zu Beginn des Buchs als sehr anstrengend, da ich sie zwar verstehen, aber nicht nachvollziehen kann. Da es jedoch genau diese Unwissenheit, bzw. Meinungslosigkeit ist, die die politischen Diskussionen dem Leser näher bringt und “Politik” nahbar macht, kann ich gut mit Estelles Charakter leben. Schließlich sind es ja auch eben die verschiedenen Perspektiven und Grundlagen, die Diskussionen spannend machen, weshalb ich mir während des Lesens auch oft gewünscht habe, in den Roman reisen zu können, um meine Meinung mit den drei, später fünf Hauptcharakteren teilen zu können.
Unabhängig davon störe ich mich aber auch etwas an ihrer Vorstellung, Menschen ändern zu können. Estelle beschreibt mehrfach, wie gern sie Daniels Meinung ändern würde, meint an einer Stelle, sein Gedanke wäre nur wie eine Krankheit, die sie wegheilen könne und wünscht sich, er wäre mehr wie sie. Natürlich verstehe ich ihren Wunsch, ihn mit rationalen Argumenten von seinen grausam klingenden Theorien abzubringen und von einer “humaneren” Meinung zu überzeugen, schließlich ist es genau das, was jeder Diskutierende mit seinem Gegenüber versucht. Man will die eigene Ansicht vertreten und verbreiten, weil man sie, zumindest zu Beginn einer Diskussion, für richtiger hält. Jedoch glaube ich nicht, dass man eine Person von Grund auf ändern kann oder mit diesem Ziel an eine menschliche Interaktion herangehen sollte. Man kann dem Gegenüber mehr Informationen und Sichtweisen darlegen, aber welche Schlüsse Derjenige daraus zieht, kann man nicht beeinflussen, vor allem dann nicht, wenn man nicht weiß warum eine Person denkt und handelt, wie sie es tut. Umso besser finde ich es aber, dass Estelle in den meisten Diskussionen zwischen Isy und Daniel als Vermittlerin auftritt und die beiden daran erinnert, dass man manchmal auch einfach verschiedener Meinung ist und keinen zufriedenstellenden Kompromiss findet.
Ich fand einfach über das ganze Buch hinweg nicht wirklich einen Draht zu Estelle, weil sie durch ihre starke Entwicklung relativ schwer einzuschätzen ist und wir wahrscheinlich einfach eine völlig gegensätzliche Art haben, die Welt zu betrachten, was ja aber nicht unbedingt schlecht ist.

Die Verwendung von Beinamen, welche direkt dazu führt, dass man sich die Personen lebhafter vorstellen kann und sie besser im Gedächtnis bleiben, führt mich zum Schreibstil: Joe Rain gestaltete die Geschichte sehr bildlich. Während ich Wir leuchten gelesen habe, ließ mich das Buch jede Emotion mehrfach durchleben. Ich habe gelacht, geweint, geflucht, wurde verletzt und habe verziehen. Ich habe mich über Aussagen aufgeregt und manchmal kurz danach innerlich einem Charakter dafür gedankt, meinen Gedanken ausgesprochen zu haben. Ich hatte Angst und war verwirrt. Alles war vertreten. Diesen Roman zu lesen, war wie selbst auf diesen Roadtrip zu gehen und neue Freunde zu finden. Trotz aller Differenzen, die Debatten über Themen, wie sie hier angesprochen werden, immer offen legen, habe ich Estelle, Isy, Daniel, Tahreem und Majid in mein Herz geschlossen. Ich habe mit Arnold mitgefühlt und mich von der Dankbarkeit für Ellie durchströmen lassen. Es war eine spannende Reise, geleitet von der Idee eines Treffens zwischen einem Nazi und einer Kommunistin.

Wir leuchten ist ein weiteres Buch, welches ohne Notizen und Post-its in meine Hände fiel und mit zahlreichen markierten Zitaten und Szenen in mein Bücherregal einzieht. Meiner bisherigen Erfahrung nach, zeigen viele Klebezettel am Rand eines von mir gelesenen Werkes, wie tiefgründig, wunderschön und/oder diskutabel und somit wieder interessant es ist. Farblich unterschied ich dieses Mal zwischen “würde ich gern diskutieren/dazu würde ich gern meine Meinung mitteilen” in orange, “wunderschön, einfach durch und durch schön” in blau und “finde ich kritisch” in gelb, wobei ich meine gelb markierten Punkte in dieser Rezension schon beinahe vollständig genannt habe. Um euch zumindest ansatzweise an meiner Gedankenwelt zu einigen Textstellen teilhaben zu lassen, ohne einzelne Beiträge zu jedem Thema zu schreiben (vielleicht mach ich das im Laufe der Woche noch, je nachdem wie viel Zeit sich findet), werde ich einfach thesenartig meine Meinung oder meine Lieblingszitate auflisten.

Alf hat zwar an sich nichts mit dem Buch zu tun, aber ich fand dieses Bild einfach wirklich niedlich ^^

Meine Gedanken zu Orange:
Jemanden K.O. zu schlagen, sodass er für mehrere Minuten bewusstlos ist, hat, soweit ich weiß, schwere Hirnschäden zur Folge. (Selbst Boxer, die mehrfach sehr hart getroffen werden, bleiben selten bewusstlos liegen. Über Situationen des K.O. – Schlagens wundere ich mich in Büchern und Filmen häufiger, da sie für die Geschichte meist unerlässlich, aber fast nie realistisch sind, obwohl man natürlich argumentieren kann, dass das fiktive Werke sind.)
Es gibt keine richtige Meinung.
An mehreren Stellen ist mir aufgefallen, dass, besonders von Isy, aber auch von den anderen hin und wieder, so gut wie nie zwischen gleich und gerecht unterschieden wird. Diese Unterscheidung ist aber extrem wesentlich für viele ihrer Diskussionen.
“Angst und Liebe sind die beste Motivation, die es gibt.” Arnold hat recht.
Man hat nicht immer die Wahl.
In einer gerechten Gesellschaft kann nicht jeder das gleiche besitzen.
Das demokratisch bestimmte Gesetz definiert, was kriminell ist. Wenn Isy also für eine neue Gesellschaft den Widersachern ihre Menschenrechte absprechen will, wonach beurteilt sie dann, dass sie wirklich Kriminelle sind, mit welchem Recht entscheidet sie, wer es verdient hat bestraft zu werden? In dem Punkt gebe ich Daniel recht, sie widerspricht sich.
Ich stimme Daniel zwar zu, dass die Natur wertvoller sei als der zerstörerische Mensch, jedoch glaube ich, dass sich der Mensch selbst vernichtet, weil er unfähig ist das eigene, grundlegende Wesen zu verändern.
“Wir sind alle individuell. […] Es gibt nicht genug Schubladen, um uns zu trennen.” Isy spricht sehr wahre Worte an dieser Stelle.

Zwei kurze Sätze zu dem letzten übrigen gelben Zettel: Ich verstehe Menschen nicht, die Lebensmittel vernichten, nur weil sie auf feuchte Erde gefallen sind. Es ist nicht wahr, dass Schüler*innen mit einem 1,0er Abitur ihre ganze Freizeit mit dem Lernstoff verbringen.

Ein paar blau markierte Zitate:
“Ob diese Gefühle jetzt jemand anderen befallen? Oder lösen sie sich einfach so auf? Verschwinden sie in der Luft, mischen sich unter die dunklen Bäume und die abgefallenen Herbstblätter, fliegen hoch in den Himmel und werden von Galaxien und Sonnensystemen verbrannt, verwandeln sich in Sternenstaub?” – Estelle
“Wir sind wie dieser Ast. Wir sind genauso zerbrechlich und trotzdem stark. Wir lieben das Risiko, ins Wasser zu fallen. Trotzdem versuchen wir immer wieder aufzusteigen und nach oben zu wachsen. Unsere Gedanken sind unsere Zweige, die oben und unten austasten, bevor wir uns entscheiden.” – Daniel
“Sie strahlt mich an und ich strahle zurück. Sind wir nicht alle wie vereinzelte Sonnen? Alle in diesem Raum einzelne Sterne, die sich zu einem Universum zusammenfinden? Der Mond ist die Musik, die Erde unser Licht, das Dunkel der alles übertönende Bass, der unsere Herzen zusammenbringt.” – Estelle

Dieses Buch, Wir leuchten, ist großartig. Es vereint Gefühle, Philosophie und Menschenliebe mit spannenden politischen und historischen Debatten. Es bringt mich dazu, die Charaktere immer und immer wieder zu hinterfragen und trotzdem ihre Erlebnisse und Emotionen zu teilen. Es ist ein Buch mit Tiefe, eines das zum Nachdenken anregt, genauso wie es eines der Romantik und Freundschaft ist. Es lädt dazu ein, dem eigenen Leben hin und wieder zu entfliehen und sich trotzdem seinen Ängsten zu stellen. Wir leuchten ist wahrscheinlich das erste Buch, bei dem ich mich genauso oft über Aussagen oder Verhaltensweisen aufgeregt habe, wie ich mit den Menschen mitgefühlt habe. Genau diese Mischung macht es real, es fühlt sich echt an.

Das Buch kam zusammen mit vielen supersüßen Extras an. Einige seht ihr hier auf dem Bild (ich habe mich sofort in den kleinen Tintenfischsticker vom Wreaders Verlag verliebt). Doch das Beste waren nicht die Sticker oder die Lesezeichen, das Beste waren die lieben Worte im beigelegten Brief der Autorin. Liebe Joe, ich danke dir von Herzen für die kleine Geschichte. Manchmal ist es eine Fremde, die einem genau das sagt, was man gerade hören muss.

Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass Wir leuchten das erste signierte Buch in meinem Bücherregal ist. Die Vorfreude und Ungeduld nach der Bestellung hat sich für jede Seite gelohnt und ich freue mich schon darauf, es in Zukunft aus dem Regal nehmen und jeder Zeit noch einmal lesen zu können. Meiner Meinung nach, sollte jeder, ganz besonders die politikverdrossenen Meine-Stimme-macht-doch-sowieso-keinen-Unterschied-Nicht-Wähler, Joe Rains Wir leuchten mindestens einmal gelesen haben.

Zum Schluss noch eins: Während des Lesens habe ich eine Spotify-Playlist mit allen erwähnten Liedern (ich hoffe ich hab keins vergessen) erstellt, weil ich finde, dass Musik die Stimmung auf eine besondere Weise wiedergibt. Wenn ihr also Lust habt, hört gern mal rein. 😉

Ich hoffe, euch geht es gut,
Aly

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Blog Entry No. 2 – Corpus Delicti

Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.

Juli Zeh: Corpus Delicti (Aus dem Vorwort zu: Heinrich Kramer, “Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation”, Berlin, München, Stuttgart, 25. Auflage)

Zugegeben, ich hätte das Buch wohl nie gelesen, wenn wir es nicht im Unterricht behandelt hätten, aber rückblickend war es jede Sekunde wert. Besonders in der aktuellen Krisen-Lage, ist die Thematik von höchster Präsenz und jeder sollte zumindest einmal darüber nachgedacht haben. Nutzt den Verstand, der euch gegeben wurde und bildet eure eigene Meinung!

Das Werk der Betrachtung wurde 2009 von Juli Zeh veröffentlicht. Die Autorin wurde 1974 in Bonn geboren und studierte auch in Deutschland Rechtswissenschaften. Nach weiteren Abschlüssen im juristischen Bereich und unter anderem einem Praktikum bei der UNO in New York, lebt sie nun in Brandenburg und arbeitet als Richterin im Verfassungsgericht von Brandenburg. Zudem schrieb sie mehrere Romane, einige Kurzgeschichten, Theaterstücke, Kinder- und Sachbücher und rechtswissenschaftliche Monographien. Für ihre Werke erhielt sie vielzählige Auszeichnungen, unter anderem den deutschen Bücherpreis, den Thomas-Mann-Preis und den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik.
Corpus Delicti – Ein Prozess wurde ursprünglich als Theaterstück mit der Thematik des Mittelalters als Grundgedanken geschrieben und 2007 in Essen uraufgeführt. Obwohl es mit eben genannten Grundgedanken geschrieben wurde, handelt die beschriebene Geschichte in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts, also in der Zukunft. Obwohl Juli Zeh eine Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis ablehnte, ist dieses Buch eindeutig dem Genre Science-Fiction oder Dystopie zuzuordnen und wie so viele andere Werke in diesem Genre, findet man auch in diesem die Warnung vor einem Überwachungsstaat und den Appell an den eigenen Verstand und das Mitspracherecht, von welchem man in unserer Gesellschaft Gebrauch machen kann und sollte.

Bei Corpus Delicti beginnt der weite Interpretationsraum bereits im Titel: Corpus Delicti – aus dem Latein übersetzt “Körper des Verbrechens” und zudem eine umgangssprachliche Redewendung aus der frühen Neuzeit für einen Beweisgegenstand im juristischen Prozess. Auch der Untertitel “Ein Prozess” ist nicht weniger interessant. Man verwendet Prozess meist in zwei Bedeutungen: der Prozess als etwas Voranschreitendes, etwas sich Entwickelndes und der Prozess im Sinne von einem Gerichtsprozess. Was also vermutet man von einem Buch, wenn man nur diese vier Wörter kennt? Man vermutet vielleicht einen juristisch komplexen Inhalt, der sehr trocken enden könnte, weil es hauptsächlich um Gerichtsverhandlungen geht. Oder aber man betrachtet Körper und Prozess eher im Fokus und fragt sich was wohl mit dem Körper, der scheinbar ein Verbrechen beging, passiert, wie er sich entwickelt. Vielleicht ist ein Körper aus Fleisch und Blut zum Beweismittel geworden und erlebt nun beide Arten der Prozess-Bedeutung. Es gibt unendlich viele verschiedene Varianten, welche Erwartungen man aus dem Titel schöpfen kann, denn den ersten Eindruck nimmt jeder anders wahr.

Wenn man das Buch dann tatsächlich aufschlägt und zu lesen beginnt, wird schnell klar, es geht tatsächlich um Gerichtsprozesse. Zu Anfang tritt man in eine scheinbar perfekte Welt ein. Die Geschichte beginnt Mitten am Tag, mitten im 21. Jahrhundert. In dieser Welt ist die Klimakrise besiegt, man weiß bei welcher Temperatur der Mensch am besten denken kann und wie man Erkältungen ausrottet. Diese Welt scheint mit sich selbst und dem Planeten in Einklang zu leben, alle scheinen ein gutes Leben zu führen. Auf die Beschreibung folgen bald die ersten Gerichtsprozesse. Man erfährt von einem Mann der sein Kind vernachlässigt hat und von der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Hauptperson Mia Holl. Ersterer erhält zwei Jahre offenen Maßregelvollzug und verschiedene Hygienische Fortbildungen, sowie einen medizinischen Vormund für seine Tochter, weil er bestimmte Untersuchungen an ihr unterließ und so bestimmte Krankheiten oder fehlerhafte Entwicklungsprozesse nicht ausgeschlossen werden konnten, es heißt er habe private Probleme und sei alleinerziehend. Ob diese Maßnahme aus heutiger, moralischer Sicht verhältnismäßig ist, lässt sich sehr gut diskutieren.
Auch Mia Holls Vergehen besteht lediglich in der Vernachlässigung von Meldepflichten, doch weil sie eine erfolgreiche Biologin mit Idealbiographie ist und keine Vorbelastungen aufweist, wird sie lediglich zu einem Klärungsgespräch eingeladen. In dieser Szene der ersten Gerichtsverhandlung lernt man auch schon die zweite wichtige Hauptfigur kennen: Heinrich Kramer. Ganz offensichtlich ist er kein offizielles Mitglied des Gerichtes und mit der Aussage: “Das Auge der vierten Gewalt schläft nie.” erweist er sich dem Leser als Medienvertreter. Er scheint etwas mehr über bestimmte Zusammenhänge zu wissen als die Richterin Sophie selbst. Auffällig ist außerdem, dass er der Einzige zu sein scheint, der tatsächlich regelmäßig “Santé”(französisch für Gesundheit)als Begrüßung verwendet. Auch der hier noch unscheinbare Anwalt Rosentreter, sowie der Staatsanwalt Bell werden noch wichtige Rollen spielen.

In den nächsten Kapiteln lernt man zunächst Mias Nachbarinnen Lizzie, Driss und die Pollsche kennen. Sie sind unglaublich stolz darauf in einem sogenannten Wächterhaus zu leben, denn dadurch zeichnet sich besondere Zuverlässigkeit der Hygiene aus. Anfangs scheint Mia perfekt in ein solches Wächterhaus zu passen: eine erfolgreiche, systemtreue Biologin, welche die METHODE befürwortete. Ganz recht, ich schreibe diesen Satz in der Vergangenheitsform, denn wie die Interpretationen des Titels zeigten, kann man Prozess auch als einen Persönlichen verstehen und einen solchen Charakterprozess erlebt man bei Mia sehr deutlich.
Eine Schlüsselrolle bei dieser Entwicklung hat die ideale Geliebte inne. Zu Anfang könnte man noch vermuten, dass diese eine reale Person ist, denn Mia unterhält sich mit ihr und legt sich in ihre Arme als würde erstere wirklich bei ihr auf dem Sofa liegen. Doch sehr schnell wird klar, dass die ideale Geliebte nur eine Wahnvorstellung in Mias Kopf ist, die niemand außer ihr selbst sieht. Rosentreter scheint nicht einmal zu bemerken, dass Mia zeitweise nicht mit ihm, sondern mit der idealen Geliebten redet, wohingegen Kramer sofort realisiert, dass Mia mit sich selbst spricht. Im Verlauf des Buches erfährt man, dass Mia diese Wahnvorstellung von ihrem Bruder Moritz kurz vor seinem Tod geschenkt bekommen hat.

Mia Holl – Eine Person der Wirklichkeit

Maria Holl wurde ca. 1549 in Altenstadt bei Geislingen an der Steige geboren und 1593 in Nördlingen als angebliche Hexe inhaftiert. Sie wurde insgesamt 62 mal gefoltert, bekannte sich aber stets zu Gott. Viele Bürger setzten sich für sie ein und am 11. Oktober 1594 wurde sie schließlich freigesprochen. Ihre Standhaftigkeit bewirkte ein Abklingen des Hexenwahns in Nördlingen.

Von Tobi Merk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57844106

Maria-Holl-Brunnen am Nördlinger Weinmarkt

Heinrich Kramer – Ein Mann der Realität

Heinrich Kramer (um 1430-1505) war ein Dominikanermönch, mächtiger Inquisitor und einer der bedeutendsten Wegbereiter der Hexenverfolgung. Mit dem “Hexenhammer”, latinisiert Malleus Maleficarum genannt, veröffentlichte er ein Werk mit unzähligen frauenfeindlichen, umgedeuteten oder gänzlich falschen Fakten, welche der Erkennung von Hexen dienen sollte und erklärte wie mit jenen weiter zu Verfahren sei. Mit der Absegnung und Veröffentlichung Kramers Text “Hexenbulle” erkennt die Kirche zum ersten Mal die Existenz der Hexerei an, legalisiert die Verfolgung und gibt den Inquisitoren damit ein mächtiges Instrument an die Hand.

Von Sprenger, Jakob – Verfügbar in der digitalen Bibliothek BEIC und hochgeladen in Partnerschaft., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50373089

Malleus Maleficarum (Edition aus 1669)

Ihr opfert mich auf dem Altar eurer Verblendung.

Moritz Holl
Juli Zeh: Corpus Delic

An diesem Punkt wird es interessant: Mias Bruder ist tot, weil er einem Verbrechen beschuldigt und scheinbar eindeutig überführt wurde. Warum?
Moritz soll eine Vergewaltigung mit anschließendem Mord begangen haben. In einer rationalen Welt wie in der der METHODE gibt es natürlich auch eindeutige, unwiderlegbare Beweise – die DNA des Spermas stimmt mit der Seinen überein. Trotzdem bestreitet Moritz bis zu Letzt seine Schuld. Dieser Umstand macht diesen Gerichtsprozess zu einem Presseskandal, denn “kein Mörder der jüngeren Rechtsgeschichte hatte sich jemals so verhalten.” Obwohl Mia als Biologin ebenfalls nur auf rationale Tatsachen vertraut, glaubt sie in ihrem Innern immer an Moritz’ Unschuld und verhilft ihm schließlich mit einer Angelschnur zum Selbstmord, um dem Einfrieren durch die METHODE zu entgehen. Ein System, welches sich auf die absolute Gesundheit des Menschen stützt, kann natürlich nicht die Todesstrafe als schwerste Strafe einsetzten, weswegen Schwerverbrechern stattdessen das Einfrieren auf unbestimmte Zeit und die damit unvermeidliche Erblindung droht. Der Gedanke dahinter ist, dass diese irgendwann in einer neuen Gesellschaft mit anderen Umständen, fern von alten Kontakten aufwachen und so ein neues, besseres Leben beginnen können. Allerdings erfährt man natürlich nie wie lang die unbestimmte Zeit ist, daher ist es auch gut möglich, dass die einmal Eingefrorenen nie wieder erwachen und die METHODE somit einen legitimen Weg gefunden hätte, die Todesstrafe doch zu integrieren.
Interessant bei Moritz’ Selbstmord ist die Tatsache, dass er sich mit einer Angelschnur aufhing. In einigen rückblendenden Kapiteln wird deutlich, dass er sehr gern in den Wald zum Angeln ging. Fern von all den Kunstblumen und Dauerdesinfektionen. Das Ende vom Fisch ist eines dieser Kapitel, in denen man erfährt wie Moritz und Mia oft zusammen im Wald waren und über ihre Grundsätze debattierten. Da Moritz ein Philosophie-Student war, sind diese Gespräche oft voller Metaphern und Vergleiche, was es meiner Meinung nach sehr interessant macht sie zu lesen. Im eben genannten Kapitel kommt es zur Thematisierung des Todes: “Um frei zu sein, darf man den Tod nicht als Gegenteil des Lebens begreifen. Oder ist das Ende einer Angelschnur das Gegenteil der Angelschnur?” so Moritz.

So bleibt die Frage bestehen, ob Moritz tatsächlich unschuldig war und auf dem Altar der Verblendung geopfert wurde oder ob er doch nicht so friedlich und harmlos war, wie er allen glauben machen wollte. Die Beweise sprechen gegen ihn und doch weigert sich die rationalistische Biologin Mia Holl an seine Schuld zu glauben. Die Klärung dieser Frage, war einer der beeindruckendsten Szenen, die ich je gelesen habe. Aus diesem Grund werde ich auch nichts vorweg nehmen, jeder sollte dieses Buch mindestens einmal selbst gelesen haben.

Ein weiterer sehr interessanter Prozess in diesem Buch ist die Entwicklung der Beziehung zwischen Kramer und Mia, dem Inquisitor und der Hexe. Bei jedem Schritt, den Mia in ihrem Wandel von der unentschlossenen Zaunreiterin, die einfach nur ihre Ruhe haben wollte, hin zu einer erbitterten Kämpferin für die Freiheit macht, ist Kramer in der Nähe, provoziert sie dazu eine Seite zu wählen und konfrontiert sie mit gleicher rhetorischer Geschicklichkeit mit den Funktionsweisen der vergangenen und der gegenwärtigen Welt, wie sie. Am Anfang scheint Kramer deutlich überlegen zu sein, er weiß wofür er kämpft und was er erreichen will, während Mia nur versucht mit ihrem Verlust umzugehen. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, umso mehr wird sich auch Mia ihrer Fähigkeiten bewusst und konfrontiert Kramer immer häufiger mit eigenen Kontroversen. Vom ersten Moment an verbindet diese beiden Figuren eine tiefe Hass-Liebe, die bis zum Ende beständig anhält. Ihre erste Begegnung ist wie eine Liebe auf den ersten Blick in einer sehr langen Szene beschrieben, was die Wichtigkeit und die Enge dieser Bindung nur noch deutlicher macht.

So umfangreich wie ich den Anfang des Buches beschrieben habe, so kurz will ich das Ende halten. Natürlich gibt es noch unzählige weitere Besonderheiten und philosophische Gedankenspiele, die man in jedem kleinen Gespräch findet, doch die alle zu besprechen würde den Anreiz nehmen das Buch tatsächlich selbst zu lesen. Man kann kein Buch beurteilen, wenn man das Ende nicht kennt. Auch bei diesem Buch ist das Ende eines der Schlüsselelemente, die es in sich schlüssig und passend zu der Welt die es behandelt macht. Für mich persönlich war das Ende zuerst genau das was ich erwartet habe, bis ich dann geschockt vor den letzten Zeilen saß und mich fragte, wie man ein so gutes Buch so enden lassen kann. Aber nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass dieses Ende das einzige war, was dem Wesen, dem Appell und der Geschichte des Buches gerecht werden konnte. Jedes andere Ende hätte wohl die Logik des Systems zerstört. Aus diesem Grund kann ich guten Gewissens sagen, dass dieses Buch ein rundum zufriedenstellendes und zum Nachdenken anregendes Werk ist, bei dem überraschende Wendungen nicht zu kurz kamen und sehr viele sprachliche Bilder sowie philosophische Denkansätze eingebaut wurden. Jede Sekunde, die ich mit diesem Buch verbracht habe, war eine Bereichernde.

Ich hoffe ihr werdet mindestens genauso viel aus Corpus Delicti mitnehmen und vielleicht über das ein oder andere nachdenken, was angesprochen wird und auf die heutige Welt bereits angewendet werden kann.

Viel Spaß beim Lesen,
Aly

Weißt du wann unsere Welt endlich sicher sein wird? Wenn alle Menschen in Reagenzgläsern liegen, eingebettet in Nährlösung und ohne die Möglichkeit, einander zu berühren! Was soll denn das Ziel dieser Sicherheit sein? Ein Dahinvegetieren im Zeichen einer falsch verstandenen Normalität?

Moritz Holl
Juli Zeh: Corpus Delicti

Die Unfähigkeit, sich mit dem Bestehenden zufriedenzugeben, fordert mindestens einmal pro Epoche ein paar Hunderttausend, wenn nicht gleich Millionen von Toten.

Heinrich Kramer
Juli Zeh: Corpus Delicti

Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, dass seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat.

Mia Holl
Juli Zeh: Corpus Delicti

Erkältung ist seit den zwanziger Jahren ausgestorben.

Driss
Juli Zeh: Corpus Delicti