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Blog Entry No. 25 – Blog Tour “Wir leuchten” – Sexismus

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich gestern noch einen Beitrag zu Daniel schreiben, weil ich seine rationalen Argumente an vielen Stellen sehr wertschätze, aber auch Äußerungen wie “Sonst wird noch gefordert, dass von jetzt an auch Männer operativ Babys austragen müssen, um die Frau von dieser Last zu befreien.” (S. 41) für sehr kritisch halte. Er vertritt häufig eine sehr konservative Meinung und nutzt in Gedankenspielen sehr drastische, verzweifelte, menschenfeindliche Mittel, aber ich würde ihn nicht, wie Isy es manchmal macht, als Nazi bezeichnen. Wie dem auch sei, ich wurde von Schulstress eingeholt und hab mir dann überlegt, dass sich die beiden Themen auch gut miteinander verbinden lassen.

Heute ist Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit. Nicht biologische Gleichheit.

Diesen Aspekt hatte ich bereits bei Isys Argumentationen kritisiert, aber er passt genauso auf Daniels Aussage, die ich oben zitiert habe. Zu fordern, dass auch Männer Babys austragen, würde heißen, biologische Gleichheit zu fordern, nicht soziale Ungleichheiten ausgleichende Gerechtigkeit. So wie ich den Feminismus verstehe, fordert er diese Gerechtigkeit und keine generelle Gleichheit (wäre bei so vielen Individuen wohl auch echt ein wenig überzogen), womit Daniels Argument entkräftet wäre. Männer und Frauen sind nicht gleich, zumindest nicht in biologischer Hinsicht. Vor dem Gesetz beispielsweise sind sie es, bzw. sollten sie es sein. Obwohl wir nicht gleich sind und gerade weil wir nicht gleich sind, finde ich es umso wichtiger Gerechtigkeit zu fordern, um Unterschiede wertzuschätzen und auszugleichen und Gleichheit in Belangen zu fordern, in denen wir uns nicht wesentlich unterscheiden. Warum zum Beispiel können sich Männer oberkörperfrei in der Öffentlichkeit zeigen und Frauen nicht? Warum werden Frauen-Brüste zensiert und Männerbrüste nicht? Natürlich sind sie anatomisch nicht exakt gleich, was ist das schon, aber im wesentlichen sind sie nicht besonders verschieden. Warum sieht man in fast allen Vorständen großer Unternehmen mehr Männer als Frauen? Warum heißt es Krankenschwester und Oberarzt? Von mir aus könnte auch eine Bezeichnung für jeden Beruf als Allgemeingültige eingeführt werden und meinetwegen soll dann Arzt Arzt bleiben, aber warum gibt es dann immer noch Berufsgruppen, die direkt verweiblicht werden? Warum kann man nicht für alles einen gleichwertigen Namen finden, weil jeder jeden Beruf ausüben kann, egal welchen Geschlechts? Warum gibt es immer noch eine derartig statistisch hohe (sexualisierte und/oder häusliche) Gewalt gegen Frauen? Warum stellen Firmen immer noch bevorzugt Männer ein, nur weil sie kein Potential zur Schwangerschaft und somit zur temporären Arbeitsunfähigkeit haben? Warum wird immer noch blaues Spielzeug für Jungen und rosa Spielzeug für Mädchen vermarktet? Warum wird Männern von der Gesellschaft immer noch eingetrichtert, sie müssten ihre Frau beschützen, dürften nicht schwach sein? Warum darf nicht die Frau den Mann beschützen? Warum geht es eigentlich immer um Frauen und Männer? Es gibt noch so viele andere Möglichkeiten, sich selbst zu identifizieren, warum fangen wir nicht endlich an von Menschen zu reden? Menschen gleich zu berechtigen? Menschen kennenzulernen und nicht die Vorurteile, von denen die Gesellschaft behauptet, dass sie wahr wären?

Daniel meint an einer Stelle, dass differenziert werden müsse, zwischen dem Sexismus in Entwicklungsländern und dem in liberalen Industrienationen. Ich gebe ihm recht, natürlich ist es viel schlimmer, dass so viele Mädchen auf der Welt nicht mal zur Schule gehen dürfen, so viele Mädchen als Neugeborene umgebracht werden, weil sich die Familie eine Mitgift nicht leisten kann und ihrem Kind dieses Leben als Frau nicht antun will. Aber die bloße Existenz schlimmerer Situationen ist keine Rechtfertigung für die Vorurteile, Sexualisierung und Geringschätzung, die Frauen (und andere Geschlechter, die vom “gewohnten” Gesellschaftsbild abweichen) auch heute noch in Industrienationen erfahren müssen. Nur weil wir “nur” mit Äußerungen wie “Wow, ein Mädchen, das Skat spielen kann” oder “Ich brauche hier mal zwei starke Jungs, die diese Bank tragen können” leben und schwerer für unseren Lohn arbeiten müssen, heißt das nicht, dass wir nicht für all die unterdrückten und missachteten Frauen und Minderheiten in der Welt kämpfen sollten und müssen. Jeder hat ein Recht auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Jeder hat das Recht, von seinen Mitmenschen ohne Vorurteile kennengelernt zu werden, als das Individuum, das jeden von uns so einzigartig macht. Isys Aussage trifft den Nagel auf den Kopf: “Es gibt nicht genug Schubladen, um uns alle zu trennen.”(S. 217)

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, hoffe ihr wertschätzt den heutigen Welttag der sozialen Gerechtigkeit, wie an jedem anderen Tag, etwas mehr und versucht die Vorurteile, die in euren Gedanken auftauchen, wenn ihr jemanden trefft, zu ignorieren und den Menschen so zu sehen, wie er ist und nicht, wie ihn die Gesellschaft abgestempelt hat.

Sonnige Grüße,
Aly

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Blog Entry No. 24 – Blog Tour “Wir leuchten” – Isy

Liebe Leser,

das heutige Thema der Blog Tour ist eine weitere der drei Hauptfiguren: Isy, die Kommunistin, die Verrückte. Auf diesen Beitrag freue ich mich fast am meisten, da Isy eine sehr vielseitige Figur ist.

Sie ist die treibende Kraft für den Anfang des Buches. Hätte Estelle auf der Party nicht die verrückte Rothaarige getroffen, die offenbar genauso dringend aus ihrem Leben fliehen wollte, wie sie, hätte Estelle wahrscheinlich nie den Mut gefunden die ganze Reise wirklich durchzuziehen. Isy ist diejenige, die den Pick-up klaut und Daniel niederschlägt. Isy scheint die Mutige der Gruppe zu sein, die für ihre Meinung einsteht, die keine Angst vor einer Revolution für “das Richtige” hat, die einfach eine Gruppe Fremder anspricht und schnell neue Freunde findet. Besonders zu Beginn der Geschichte war mir Isy am sympathischsten, vielleicht auch weil ich manchmal gern ein kleines bisschen mehr wie sie wäre.

Aber im Verlauf der Reise, merkt man, dass auch die mutige Kommunistin Angst hat und nicht nur aus Spaß ihrem alltäglichen Leben entflieht. Bei Höhenangst angefangen, über die Krankheit ihrer Mutter bis hin zu der Angst verlassen zu werden und kein Glück zu finden, über das Buch hinweg erhält dieser Charakter immer mehr Tiefe. Diese Entwicklung ist, meiner Meinung nach, sogar interessanter als die des Hauptcharakters und macht Isy noch sympathischer und vor allem sehr real.

Aber sie würde natürlich nicht so real wirken, wenn man sich nicht auch über ihre Äußerungen und Handlungen hin und wieder aufgeregt hätte. Ich für meinen Teil habe das definitiv getan, was mich zu einigen gesellschaftlichen Themen bringt: Isy spricht sehr oft davon, wie sie sich ein besseres Staatssystem vorstellt und betont dabei immer wieder, dass wir alle gleich wären und auch so vom Staat behandelt werden sollten. Bei ihren Überlegungen sind mir drei wesentliche Aspekte aufgefallen. Zum einen wird sie von einem starken Idealismus geleitet und hat, obwohl sie ständig auf den derzeitigen Staat und somit auf dessen Bürger schimpft, ein sehr positives Menschenbild. Sie glaubt alle von einem gemeinschaftlichen, fairen Miteinander überzeugen zu können, einfach, weil es natürlich total super klingt. Sie vergisst dabei aber, dass es eben auch sehr viele Menschen gibt, denen es egal ist, wie sehr andere leiden, damit erstere zu ihrem Profit, ihrer Villa und ihrem Pool kommen. Die leitende Eigenschaft der menschlichen Natur ist nun mal der Egoismus, weil wir ohne ihn nicht überleben könnten, bzw. uns nicht so weit entwickelt hätten. Die menschliche Natur lässt sich nicht in derart wesentlichen Charakteristika ändern. Zum andern widerspricht sie sich dadurch auch hin und wieder selbst, weil sie durch Daniels Argumentation mit den Menschen, die vielleicht keinen Kommunismus wollen, gezwungen wird, darüber nachzudenken, wie sie mit den Gegnern ihres Systems umgehen würde und das dann eben nicht mehr ganz so freiheitlich und gleich sein würde. Was mich aber am meisten an Isys Argumentation gestört hat, ist die durchgehende Ignoranz gegenüber des Unterschieds zwischen Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie verwendet die beiden Begriffe wie Synonyme, aber das sind sie schlicht und einfach nicht. Gleichheit bedeutet, jeden, unabhängig seiner Voraussetzungen, gleich zu behandeln. Hat man zum Beispiel drei Menschen, die Äpfel pflücken wollen, aber unterschiedlich groß sind, würde man ihnen in einem von Gleichheit geprägten System drei gleich große Kisten geben, für jeden eine. Dass der Größte aber vielleicht gar keine und der Kleinste zwei Kisten bräuchte, um die Äpfel zu erreichen, wird nicht beachtet. Gerechtigkeit dagegen bedeutet, Ungleichheiten festzustellen, zu bewerten und gegebenenfalls auszuräumen. In unserem Beispiel würde man also letztendlich jedem so viele Kisten geben, wie er braucht, um die Äpfel zu pflücken. Sollte Isy also wirklich ein System der Gleichberechtigung aufbauen wollen, bräuchte sie trotzdem ein Äquivalent zu Richtern, um zu entscheiden, welche Vorgehensweisen und Handlungen ungerecht gegenüber anderer Mitmenschen sind, um so eine annähernd gleiche Basis für alle zu schaffen. Ich schätze Isys Optimismus und vor allem ihren Willen eine Welt zu schaffen, in der es allen, unabhängig von all den Schubladen, in die man uns stecken könnte, gut geht. Aber eine konkrete Ausgestaltung einer solchen Welt ist eben um ein Vielfaches komplizierter, als sie das in “Wir leuchten” beschreibt, weil wir zwar im Großen und Ganzen alle nur Menschen sind, aber trotzdem jeder individuelle Bedürfnisse hat und mit unterschiedlichen Schicksalsschlägen leben muss. Außerdem frage ich mich als Vegetarier natürlich auch, ob sie ihren Willen zu einer stärkeren Gleichbehandlung auch auf die Tierwelt anwenden würde, was wiederum ein extremes Konfliktpotential birgt, aber auch sehr wichtig zu diskutieren ist.

Alles in allem, ist mir Isy einfach total sympathisch und ich glaube ich hätte riesigen Spaß daran gefunden, mit ihr zu diskutieren und vielleicht einen Weg zu finden, wie man realistisch wirklich etwas tun kann, um diese Welt ein kleines Stückchen besser machen kann. Denn sollte das nicht eigentlich unser aller Ziel sein?

Alles Liebe,
Aly

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Blog Entry No. 23 – Blog Tour “Wir leuchten” – Estelle und die Meinungsfreiheit

Liebe Leser,

in meiner Rezension zu “Wir leuchten” hatte ich es ja bereits angedeutet; ich habe einfach noch viel mehr zu diesem Buch zu sagen, schon einfach deshalb, weil es politisch, gesellschaftlich und menschlich wirklich interessant ist. Dementsprechend genial und passend finde ich es natürlich, dass Joe Rain nun eine Blog Tour vom 14. 2. bis zum 20. 2. 2021 zu ihrem Debutroman ins Leben gerufen hat, auf der es an jedem Tag um ein anderes Thema geht. Wenn ihr die Ausführungen der anderen Blogger lesen wollt, schaut euch gern die verlinkten Beiträge auf Instagram an.
Ich werde nicht zu jedem Thema etwas schreiben, weil ich nicht zu allem etwas Wichtiges zu sagen habe und außerdem zurzeit in den Vorprüfungen des Abiturs stecke.

Nachdem es gestern schon passend zum Valentinstag um Freundschaft und Liebe ging, steht heute Estelle und die Meinungsfreiheit im Mittelpunkt. Da ich mich in meiner Rezension bereits verstärkt mit dem Hauptcharakter auseinander gesetzt habe, werde ich versuchen, mich nicht allzu sehr zu wiederholen. Bitte beachtet, dass ich am Ende meines Beitrages (letzter Absatz) minimal spoilere, ich hoffe, ihr verzeiht mir das oder lest den Text einfach erst oder nochmal vollständig, wenn ihr “Wir leuchten” gelesen habt.

Estelle beginnt als “die Meinungslose”, als Person, die keine Meinung hat, die sie mittels Meinungsfreiheit teilen könnte. Ich muss zugeben, das hat sie mir zu Beginn sehr unsympathisch gemacht, auch weil sie nicht den Anschein erweckte, mehr erfahren zu wollen, um sich irgendwann eine Meinung bilden zu können. Über das Buch hinweg ändert sich das jedoch und man merkt immer mehr, wie sich auch Estelle an den Diskussionen beteiligt. Oft vermittelt sie hierbei zwischen den beiden Extremen Daniels und Isys, was ich sowohl für die Geschichte und Charakterentwicklung im Roman, als auch für menschliches, angemessenes Miteinander sehr wichtig finde.

Ich persönlich erachte die Meinungsfreiheit als ein unglaublich wichtiges Menschenrecht und bin sehr dankbar, dass es in Deutschland in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert ist. Wir Menschen leben in einer Gesellschaft, für die die Regierung, aber auch jeder einzelne Mitbürger die Verantwortung trägt. Jede Handlung und jede Äußerung hat irgendwo einen Effekt, ein Echo (Kennt ihr den Butterfly-Effekt? Finde den total interessant, vielleicht schreibe ich demnächst mal einen Beitrag dazu), wodurch jeder betroffen ist und jeder etwas ändern kann. Demnach sollte auch jeder das Recht haben, seine Meinung zu äußern, seinen Mitmenschen zu sagen, wie er die Situation wahrnimmt und Unrecht, welches vielleicht nur aus seiner Perspektive deutlich wird, anzusprechen und dagegen anzukämpfen. Probleme lassen sich nicht im Alleingang lösen, aber um Hilfe zu erhalten, müssen Andere auch davon erfahren und das funktioniert nur mithilfe der Meinungsfreiheit. Außerdem leben Diskussionen im Wesentlichen von unterschiedlichen Meinungen und damit ein möglichst zufriedenstellender Kompromiss gefunden werden kann, muss natürlich diskutiert werden. Die Meinungsfreiheit ermöglicht eine Diversität, die spannende Diskussionen und eine demokratische, freie Teilhabe bewirkt.

Scheut euch nicht, euch eine eigene Meinung zu bilden und diese dann auch mit der Welt oder vielleicht auch nur einem engen Freund zu teilen. Wenn ihr Sachverhalte nicht versteht, dann fragt jemanden oder recherchiert, aber bitte lasst euch die Welt und die anderen Menschen nicht egal sein. Wir sind alle auf einander angewiesen, alles hängt von allem ab und jeder Mensch (jedes Lebewesen) zählt. Es existieren noch so viele Probleme auf diesem Planeten (unter anderem eben auch, dass nicht jedes Land die Meinungsfreiheit ausreichend schützt) und um diese zu lösen, um eine lebenswerte Erde und eine lebenswerte Gesellschaft zu schaffen, ist Kommunikation, Kompromissfindung und Zusammenhalt notwendig.

Ich bin der Meinung, dass jede Meinung akzeptiert, aber nicht einfach hingenommen werden sollte. Es ist unvermeidlich, dass nicht immer ein Kompromiss gefunden werden kann (das wird auch in “Wir leuchten” hin und wieder sehr gut deutlich), aber es sollte immer versucht werden, miteinander ins Gespräch zu kommen und mit Argumenten den Gegenüber zu überzeugen und vielleicht auch in der Diskussion mal eine andere Perspektive einzunehmen, um die entgegenstehenden Argumente zu verstehen. Im besten Fall lernen alle Beteiligten daraus. Eine Meinung ist schützenswertes Gedankengut und ich bin froh, dass auch Estelle sich ihre eigene Meinung bildete und somit eine metaphorische Stimme fand.

Ich wünsche euch einen angenehmen Montag,
Aly