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Blog Entry No. 45 – Back again und Why We Matter

Liebe Leser*innen,

es ist Oktober, einer meiner Lieblingsmonate und es ärgert mich sehr, dass ich ihn bisher noch nicht so nutzen konnte, wie ich es liebe: in Decken und Kissen gekuschelt mit Kakao oder Chai-Latte und einem guten Buch während es draußen vor dem Fenster stürmt und regnet. Stattdessen bin ich umgezogen, habe ehrenamtlich bei der Tagung zum Synodalen Weg geholfen, habe meine neue Arbeit (im Rahmen meines Bundesfreiwilligendienstes) begonnen und bin eine Woche zu einem Seminar gefahren. So sehr ich es liebe, ein aufregendes Leben zu haben, so sehr freue ich mich trotzdem jetzt auf ruhigere Tage. Um es gebührend zu feiern, dass es bald endlich wieder regelmäßige Blogbeiträge gibt, werde ich mit einem Jahreshighlight-würdigem Buch beginnen: Why We Matter von Emilia Roig.

Die Politologin und Aktivistin Dr. Emilia Roig ist eine renommierte Expertin für Intersektionalität, Vielfalt, Gleichberechtigung, Inklusion und Antidiskriminierung. Die 380 Seiten umfassende Hardcover Ausgabe ihres Buches Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung erschien am 15. Februar 2021 im Aufbau Verlag. Das von Dr. Roig selbst gelesene Hörbuch wurde am 25. Juni diesen Jahres veröffentlicht und mir von NetGalley im Austausch für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt. Ihr findet das Hörbuch unter der ISBN 9783961054244.

Das Cover ist sehr schlicht gehalten, verrät im Grunde nichts über den Inhalt des Buches (vom Titel natürlich abgesehen) und sticht trotzdem genau dadurch hervor. Meiner Meinung nach ist diese Gestaltung absolut passend für ein sachliches Buch wie dieses. Ich finde, nebenbei bemerkt, übrigens den Titel einfach großartig.

Klappentext: Wie erkennen wir unsere Privilegien? Wie können Weiße die Realität von Schwarzen sehen? Männliche Muslime die von weißen Frauen? Und weiße Frauen die von männlichen Muslimen? Die Aktivistin und Politologin Emilia Roig zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie, in der wie unter einem Brennglas Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Auschwitz, Homophobie und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen –, wie sich Rassismus im Alltag mit anderen Arten der Diskriminierung überschneidet. Ob auf der Straße, an der Uni oder im Gerichtssaal: Roig schafft ein neues Bewusstsein dafür, wie Zustände, die wir für „normal“ halten – die Bevorzugung der Ehe, des männlichen Körpers in der Medizin oder den Kanon klassischer Kultur – historisch gewachsen sind. Und dass unsere Welt eine ganz andere sein könnte. „Emilia Roig deckt die Muster der Unterdrückung auf und leitet zu radikaler Solidarität an. Sie zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie –, wie Rassismus und Black Pride, Antisemitismus und Auschwitz, Homofeindlichkeit und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen. “Radikal und behutsam zugleich. Dieses Buch ist ein heilsames, inspirierendes Geschenk.” Kübra Gümüsay “Die Antwort auf viele Fragen unserer unsicheren Zeit heißt: Gleichberechtigung aller. Und dieses großartige Buch ist ein Schritt auf dem Weg dahin.” Sibylle Berg „Dieses Buch wird verändern, wie Sie die Welt wahrnehmen und Sie verstehen lassen, was Gerechtigkeit wirklich bedeutet.“ Teresa Bücker

Dieses Hörbuch zu hören war eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe sehr sehr viel über mich, meine Wahrnehmung, die Gesellschaft in der ich lebe und das komplexe Zusammenspiel von verschiedensten Diskriminierungsformen gelernt und habe nach dem Beenden des Buches das Gefühl, dass mir zumindest ein Stück weit die Augen geöffnet wurden, sodass ich nun hoffentlich diskriminierende Situationen besser erkenne und angemessener handeln kann. Ein einzelnes Buch kann natürlich leider keine Wunder bewirken, aber Why We Matter trägt einen bedeutenden Teil zu einer aufgeklärteren Gesellschaft bei. Außerdem ist es nicht trocken und faktengeladen geschrieben, Roig erhebt keinen Anspruch auf absolute, objektive Wahrheit (zu der Thematik gibt es auch ein wirklich interessantes Kapitel), sondern verwebt ihre Aussagen mit persönlichen Erfahrungen, wodurch es authentisch bleibt und man sich besser einfühlen kann. Zudem bewirkt es hinsichtlich der Authentizität und Sympathie auch viel, dass die Autorin ihr Buch selbst liest.

Ich kann mit Worten gar nicht ausdrücken, wie großartig ich dieses Buch fand. Lest es alle! Why We Matter ist definitiv ein fester Kandidat für meine persönlichen Jahreshighlights, schon einfach weil ich so viel gelernt habe, das Thema so unglaublich wichtig ist und trotz der hohen Komplexität alles verständlich, inspirierend und berührend geschrieben wurde.

Ich hoffe Why We Matter bald auf eurer aller tbr-Listen zu sehen und wünsche euch ein paar schöne Herbsttage,
Aly

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Blog Entry No. 42 – Gänseblümchen

Liebe Leser:innen,

es ist soweit, der Herbst hat begonnen und mit ihm auch eine neue Saison Rezensionen für die gemütliche Zeit des Jahres. Was gibt es besseres als Regenwetter, eine kuschlige Decke, ein Heißgetränk (meine persönlichen Favoriten: Chai Latte, Kakao und schwarzer Tee) und ein gutes Buch?
Starten werde ich direkt mit einem 5-Sterne Buch. Obwohl es im Herbst und Winter spielt, also perfekt passt, hat es mir eher ein Sommer-Gefühl vermittelt, was denk ich ganz gut zum September passt, denn noch hat das Regenwetter nicht wirklich angefangen.

Gänseblümchen – eine sehr queere Geschichte wurde von Elias Finley geschrieben und am 25. Juli diesen Jahres im Queer Pack Verlag veröffentlicht. Ihr findet es unter der ISBN 9783982202747 als Taschenbuch und ebook. Mir wurde es von NetGalley als ebook im Austausch gegen eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

Bevor ich zum Inhalt komme, kurz ein paar Worte zum Cover: So gut mir das Buch inhaltlich auch gefällt, mit dem Cover kann ich mich nur mäßig gut anfreunden. Es ist super bunt, was an sich gut zum sehr queeren Inhalt passt, jedoch wirkt es stark überladen. Durch die vielen verschiedenen, im Ton sehr kräftig leuchtenden Blumen fällt im ersten Moment gar nicht auf, dass auch die Schrift etwas viel ist. Auf den zweiten Blick fallen die drei verschiedenen Schriftarten in unterschiedlichen Größen und zum Teil verschiedenen Ausrichtungen dann aber doch auf. Positiv zu bemerken ist aber, wie gut sich das Verlagslogo einfügt.

Die Handlung wird aus Ricks Perspektive wiedergegeben, Rick der gerade 19 geworden ist, zur Schule geht und nebenbei im Baumarkt arbeitet, Rick, der Blumen, Rosa und Harmonie mag, von seinen Mitschüler:innen als schwul bezeichnet wird, obwohl er sich nicht sonderlich schwul fühlt und der in Gegenwart der beliebten Auri vor lauter Herzklopfen kein Wort über die Lippen bekommt. Mit Beginn des neuen Schuljahres kommt Bo neu in den Jahrgang und er scheint es auf Rick abgesehen zu haben. Nicht nur dass er ihn beklaut und provoziert, wo er nur kann, ausgerechnet Bo scheint auch einen besonderen Draht zu Auri zu haben. Doch als Rick Bo näher kennenlernt, beginnen sich die Ereignisse zu jagen.

Gänseblümchen ist sehr gut verständlich und vor allem nah am Hauptcharakter geschrieben. Der Schreibstil vermittelt das Gefühl, alles tatsächlich aus Ricks Gedanken heraus mit zu erleben, dadurch liest es sich zum einen sehr schnell und zum andern auch sehr emotional. Besonders gut finde ich außerdem, dass es eine sehr detaillierte Liste mit potentiellen Triggern gibt, durchgängig inklusive * gegendert wird und dass im Vorwort auf die Verwendung der Pronomen sier/sien eingegangen wird, denn genau diese Art der Kommunikation ermöglicht mehr Sensibilisierung für den respektvollen Umgang mit non-binären Menschen und Verständnis für den notwendigen Sprachwandel für mehr Repräsentation, dessen Notwendigkeit viele Menschen leider noch nicht sehen. Generell muss ich aber auch einfach sagen, dass das Buch schon allein durch die enorme Menge an queerer Repräsentation (vor allem der Teile der Community, die sonst leider viel zu oft übersehen werden) einen riesigen Pluspunkt bei mir hat.

Die Entwicklung des Plots hat mich schlicht umgehauen. Durch die Liste potentieller Trigger wurde zwar schon deutlich, dass viel passiert, aber es gab so viele Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte, dass es bis zum Epilog spannend und überraschend blieb. Bezeichnend hierfür ist mein Kommentar bei goodreads, als ich gerade 93% des Buches gelesen hatte: “Es sind noch 7% zu lesen und ich habe das ungute Gefühl, dass mir dieses Buch das Herz brechen wird. Ich hab so Angst um Bo. Er hat sich wie der letzte Arsch verhalten, aber er ist mir wirklich ans Herz gewachsen und ich habe irgendwie doch sehr Angst vor dem Ende des Buches.”

Letztlich kann ich vor allem eins sagen: Wow. Nur wenige Bücher schaffen es, mich mit allen Emotionen abzuholen, Charaktere zu schaffen, die absolut glaubwürdig und real geschrieben sind, und dabei noch wichtige politisch-moralische Botschaften zu vermitteln. Ich habe mindestens genauso oft gelacht (ja, auch laut, sehr zur Verwirrung der Menschen um mich herum) und mich für die beschriebenen Personen gefreut wie ich auch sauer auf Rick und Bo war und mitgelitten habe, wenn die Handlung unschöne Wendungen nahm. Die beschriebene Freundschaft zwischen Rick und Vhyn ist einfach großartig (ich würde die beiden so gern mal in der Realität treffen) und die Charakterentwicklung (die ich mir für Rick noch etwas mehr gewünscht hätte) von Bo ist der Wahnsinn. Es ist so schön zu lesen, wie Vhyn und Auri über sich hinauswachsen und mit allem Mut, den es dafür leider manchmal braucht, zu sich selbst stehen. Aber nicht zuletzt sind auch die Nebencharaktere einfach cool, ich brauche bitte mehr Personen wie Ricks Großeltern in meinen Büchern! 😀
5 von 5 absolut verdiente Sterne für diesen wunderbaren, queeren Young-Adult Roman, dessen Cover und Inhalt genauso unperfekt, bunt und liebenswert sind, wie das Leben.

Alles Liebe,
Aly

PS: Das Buch hat mir mein Herz übrigens nicht gebrochen, manchmal ist es unglaublich gut, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, denn dann kann man positiv überrascht werden, was hier eindeutig der Fall war.

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Blog Entry No. 37 – Über Menschen

Liebe Leser:innen,

ich habe selten ein Buch so sehr verschlungen und in mich aufgesogen wie Juli Zehs Über Menschen. Ich habe gelacht, geweint und mich aufgeregt. Ich habe auf ein Wunder gehofft. Ein Wunder für den Dorf-Nazi. Ich wurde noch nie so subtil und eindringlich davon überzeugt, dass die Welt zu komplex für einfache Betrachtungen und Tatsachen ist und in keinem Protagonisten habe ich mich je so sehr wiedergefunden wie in Dora.

Schon das Cover hat mich total eingenommen. Es ist so schlicht wie aussagekräftig und es ist ein Hund zu sehen (persönlicher Pluspunkt meinerseits), der auf einer Landstraße in die unergründliche Ferne schaut, mit anderen Worten: Schon das Cover ist auf eine tiefberührende Weise poetisch und philosophisch. Was ich aber noch interessanter finde als das Cover ist der Titel: Wie Corpus Delicti kann auch Über Menschen auf verschiedene Arten interpretiert werden. Zum einen stellt er eine simple, aber elementare Tatsache dar: Dies ist ein Buch über Menschen. Nicht mehr und nicht weniger, was immer das auch heißen mag. Passend zum Inhalt ist dies auf jeder Ebene, denn die Fragen des menschlichen Seins, Umgangs und Verhaltens sind zweifellos Schlüsselelemente der Handlung. Im Roman selbst gibt es ein Kapitel mit dem gleichen Titel, in welchem jedoch das Kernelement die Bezeichnung einer bestimmten Menschengruppe als “Übermenschen” ist. Auch so betrachtet, passt diese Interpretation des Titels hervorragend zum Buch, denn die Problematik von Menschen, die sich für besser als andere halten zieht sich durch die gesamte Handlung.

Die Geschichte wird von einem personalen Erzähler aus Doras Perspektive geschildert. Dora, eine Texterin für Werbeagenturen, zieht kurzerhand in die brandenburgische Dorflandschaft nach Bracken als die erste Corona-Welle Deutschland im Griff hat und ihr Lebensabschnittsgefährte Robert immer kontrollsüchtiger und fanatischer wird. Dort, zwischen einem Haus ohne Möbel und einem Beet ohne Saatkartoffeln, trifft sie Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre Nachbarschaft setzt sich im wesentlichen aus Gote, den sogenannten Dorf-Nazi, Heini, dessen Kommunikation hauptsächlich aus (rassistischen und Anti-Corona-)Witzen besteht, Tom und Steffen, den homosexuellen Blumenhändlern sowie deren portugiesischen Angestellten (Erasmus-Studenten, die sich etwas dazu verdienen wollen) und Sadie, der alleinerziehenden, sehr selten schlafenden Mutter zusammen. Herzzerreißend wird der Roman als Franzi, Gotes Tochter und Spielgefährtin von Doras Hündin Jochen-der-Rochen, ins Spiel kommt und man mehr über Gotes Geschichte erfährt. Da er und Dora direkt nebeneinander, nur durch eine Mauer getrennt voneinander wohnen, ist er für die Handlung entsprechend bedeutend.

Die Handlung ist im Wesentlichen recht simpel. Eine Geschichte aus dem Leben, Alltag, Begegnungen, Entscheidungen und Gefühle wie sie täglich millionenfach vorkommen, eigentlich nichts besonderes. Doch wie schon bei Albert Camus’ Die Pest wird an Über Menschen deutlich, dass großartige Romane keinen großen Spannungsbogen brauchen. Juli Zeh schafft mit ihrem Schreibstil, den Details der geschilderten Gedanken und den durch und durch menschlichen, realistischen Begegnungen ein Werk, in dem man sich wiederfindet, das tief berührt und das man nicht mehr aus der Hand legen will. Sie schuf ein Werk, durch dessen Seiten man nur so fliegt. Sie schuf ein Werk, das auch ohne überspitzten Spannungsbogen, ohne dramatische, ungelöste Entwicklung eines konkreten Konflikts fesselnd und spannend ist. Das zu lösende Mysterium dieses Buches ist kein Mordfall, kein Betrug und keine Rebellion, sondern die elementare Frage des Menschseins, die Wahrnehmung der Welt. Gibt es Handlungen, die einen Menschen unweigerlich zu einem Schlechten machen? Kann man eine Partei wählen, die behauptet, die klassische Familie sei von Homosexuellen bedroht, eine Partei, die sich zum Ziel setzt aus der EU auszutreten und gleichzeitig als homosexueller Blumenhändler portugiesische Erasmus-Studenten beschäftigen? Wie lebt man mit so vielen Widersprüchen in dieser Welt? Wie akzeptiert man die Komplexität des Lebens, die Tatsache, dass man nichts absolut kategorisieren kann, dass es keine absolut richtige Lebensweise gibt?

Neben diesen elementaren Fragen des Menschseins wird jedoch auch, auf eine mich erschreckende, realistische Weise, aktuelles Weltgeschehen thematisiert. Mir war nicht bewusst, wie bekannt mir der Kontrast zwischen Dorf- und Stadt-Leben ist und wie gut ich die Äußerungen selbst aus meinem Alltag kenne, bis ich sie schwarz auf weiß gelesen habe. Sowohl die Corona-Politik betreffend als auch typische “Dorf-Problematiken” wie die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr oder bestimmte Landwirtschaftsverordnungen, es hat mich fast schon sauer gemacht, wie treffend Über Menschen die Lebensweisen und Meinungen widerspiegelt, die ich selbst immer wieder aus zwei Perspektiven wahrnehme. Natürlich kann man Meinungen nicht verallgemeinern und es gibt immer auch in den Städten Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie viele Menschen auf dem Land, jedoch habe ich persönlich, meine eigenen Erfahrungen in diesem Roman an sehr vielen Stellen wiedergefunden. Diese Umstände haben wahrscheinlich auch in weiten Teilen beeinflusst, dass ich mich so gut mit Dora identifizieren konnte. Auch sie kennt beide Lebensweisen, kann sich mit beiden identifizieren und steht irgendwie zwischen den Stühlen. Dora versucht die Welt und die Ereignisse konkret einzuordnen und lernt erst im Laufe der Handlung, Widersprüche zu akzeptieren. Schon an der Art wie ich diesen Beitrag schreibe, fällt auf, dass ich ihr auch dahingehend wahrscheinlich sehr ähnlich bin. Es gibt nicht die eine Lebensweise auf dem Dorf und genauso wenig gibt es eine Meinung in der Stadt, aber es ist leichter komplexe Strukturen in Schubladen zu kategorisieren, anstatt die unbequeme Wahrheit zu akzeptieren, dass nichts einfach ist. Das soll keine Rechtfertigung sein, sondern lediglich eine Feststellung und ein Aspekt, der es mir an Doras Charakter leicht gemacht hat, ihre Lage nachzuvollziehen. Ähnlich gut meine ich auch das im Buch häufiger geschilderte Gefühl von aufsteigenden Bläschen zu kennen, auch wenn ich meine persönliche Erfahrung natürlich anders beschreiben würde (Was mit den Bläschen gemeint ist, wird erst im Kontext der jeweiligen Situation wirklich klar, lest einfach das Buch, wenn es euch stutzig macht ;)). Ich find es schön, mal einen Roman zu lesen, in dem es nicht um die Erfüllung einer Vorstellung von einem schönen Leben geht. Das Leben ist kompliziert und die meiste Zeit über komisch, unschön und niederschmetternd, aber es gibt trotzdem schöne Momente, Personen und Ereignisse für die es sich lohnt morgens aufzustehen und Kaffee zu kochen. So ist das.

+++Achtung, mögliche Spoiler!+++

Des Weiteren finde ich es schön, dass es keine romantische Beziehung für die Charakterentwicklung brauchte. Menschen können sich auch entwickeln ohne sich zu verlieben. Zwar wirkt die Nachbarschaftsfreundschaft an einigen Stellen schon sehr wie eine Familie und man merkt auch wie sehr Gotes gesundheitlicher Zustand Dora mitnimmt, obwohl er “nur ihr Nachbar” ist, aber es gibt kein romantisches Drama, was ich sehr erfrischend finde. Meiner Meinung nach brauchen gute Bücher solche Inhalte nicht. Man benötigt zwischenmenschliche Interaktion, aber keine Romantik, um Entwicklungen voranzubringen. Ein gutes Beispiel ist an dieser Stelle wieder Camus’ Die Pest, auch dieses Werk kommt sehr gut ohne direkte Romanzen aus und ist eines der besten Bücher in meinem Regal, wie ich finde.

+++ Spoiler Ende +++

Die einzige Stelle, die ich kritisch sehe, findet man auf Seite 333 der Hardcover-Ausgabe. An dieser Stelle wird eine mögliche Zukunft eines kleinen Mädchens beschrieben, um zu verdeutlichen, dass das Leben immer weitergeht und nicht anhält. An sich ist das ein sehr schöner Gedanke, jedoch wird diese Zukunft stark heteronormativ und etwas klischeehaft beschrieben. Der Grundgedanke wäre nicht verloren gegangen, hätte man Mensch statt Mann geschrieben.

Insgesamt bleibt Über Menschen aber ein weiteres, absolut gelungenes Werk Zehs. Mit einem großartigen Schreibstil stellt sie subtil immer und immer wieder die wichtigen Fragen des Lebens und erinnert daran, dass wir alle nur Menschen sind, alle irgendwie in dieser Welt zurecht kommen müssen. Sie hat es geschafft, dass ich für einen fiktiven, vorbestraften, queerfeindlichen Übermenschen Tränen vergoss. Sie hat es geschafft, dass ich einen fiktiven, journalistisch arbeitenden Klimaaktivisten für die Art und Weise seines Handelns hasse. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. “Wie viele Varianten von Wirklichkeit können nebeneinander existieren, ohne dass das Konzept zusammenbricht?” (S. 309)

Alles Liebe,
Aly

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Blog Entry No. 36 – Fragen zu Corpus Delicti

Liebe Leser*innen,

meine schriftlichen Abitur-Prüfungen sind geschrieben und zumindest in meiner Deutsch-Prüfung hatte ich sehr viel Spaß an dem was ich da tat, DENN: ich konnte meine Liebe zu Corpus Delicti ausleben und über 4 Stunden lang erörtern, inwiefern die Diskrepanz zwischen Recht und Rechtsgefühl dargestellt wird und wie sinnvoll das “unversöhnliche” Ende (meiner Meinung nach eins der besten Enden von Büchern, die ich bisher gelesen habe) solcher Werke ist. Ich gebe zu, dadurch, dass Corpus Delicti zu meinen Lieblingsbüchern gehört und eins der wirklich wenigen Werke ist, aus denen ich nahezu fehlerfrei wortwörtlich zitieren kann, habe ich mich natürlich besonders auf dieses Buch vorbereitet, da es mir einfach immer und immer wieder Freude bereitet, es zu lesen und darüber zu reden. Passend dazu (aber leider zu spät, um es noch zur Prüfungsvorbereitung zu verwenden) habe ich gestern Fragen zu Corpus Delicti in der Bibliothek gefunden, direkt gelesen und immer wieder festgestellt, dass es zum einen ein unglaublich gutes Begleitbuch zu Corpus Delicti ist und zum andern gefüllt von inspirierenden wie kontroversen Gedanken ist, verpackt in einen sehr angenehmen Schreibstil. Ich habe es von der ersten bis zur letzten Seite geliebt, verschlungen und jedem empfohlen der mir begegnet ist.

Schon am Cover erkennt man zu welchem Werk dieses Buch gehört: Diese beiden Ausgaben des btb Verlags sind sich extrem ähnlich. Der auffälligste Unterschied ist die Farbe des Buchrückens und die fehlende Nummer der Zellentür. Da die Bücher auch direkt miteinander in Verbindung stehen, ist diese gleiche Gestaltung, meiner Meinung nach, absolut positiv zu bewerten.

Inhaltlich ist Fragen zu Corpus Delicti wie ein Interview aufgebaut, das in thematische Untereinheiten wie “Die Protagonisten” oder “Politische Literatur” geteilt ist. Juli Zeh beantwortet sehr viele und vor allem sehr verschiedene Frage zum Inhalt, zur Entstehung und zum Kontext des Buches, aber auch zu ihrem schriftstellerischen und juristischen Werdegang sowie die Zusammenhänge zwischen diesen Themen.

Das Lesen hat mir nicht nur sehr viel Freude bereitet, weil ich Juli Zehs Schreibstil sehr mag, sondern auch, weil ich einiges dazu gelernt habe und über einige Zusammenhänge des Lebens noch einmal genauer und tiefgründiger nachgedacht habe. So spricht Zeh beispielsweise über spannende Werke, die ihr zur Inspiration dienten und die sie zum Teil auch unbewusst in Corpus Delicti sinngemäß zitierte, die ich bisher noch nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Die Probleme der Biopolitik, Prävention und Selbstoptimierung nehmen außerdem eine verdient wichtige Rolle ein und obwohl das dem zugrundeliegende Buch genau diese Zusammenhänge behandelt, wurde mir erst durch Fragen zu Corpus Delicti bewusst, wie viele Bezüge man schon in der aktuellen Gesellschaft wiederfindet, was schlicht schockierend, aber nur schwer vermeidlich ist.

Es gibt im Grunde keine negativen Aspekte an diesem Buch, auch wenn es ein eher untypisches Format ist. Ich möchte allen, vor allem denjenigen die Corpus Delicti bereits kennen (wenn nicht: lest es, es ist ein unglaublich gutes Buch und wenn ihr es nicht lesen wollt, lest Fragen zu Corpus Delicti trotzdem, das Wichtigste wird nochmal erklärt und zitiert), ans Herz legen, dieses Buch unbedingt zu lesen und im besten Fall anschließend mit anderen Menschen darüber zu diskutieren, denn davon lebt unsere Demokratie: Von Debatten, einem Austausch und der Kompromissfindung, die es ohne erstere nicht geben könnte.

Ich werde jetzt direkt das nächste Zeh-Buch beginnen (ihre aktuellste Veröffentlichung: “Über Menschen”) und vielleicht nebenbei noch “Kim Jiyoung, geboren in 1982” beenden. Ich hoffe ihr findet auch etwas Zeit zum Lesen und zum Entspannen.

Ihr hört von mir,
Aly 🙂

PS: Hier noch eins meiner Lieblingszitate: “Die Fähigkeit zum Schmerz macht uns zu Menschen und bringt uns immer wieder ins Zentrum unserer Kraft zurück. Auch wenn die Schrecken der Weltgeschichte etwas anderes vermuten lassen – der Mensch ist ein soziales, moralfähiges, auf das Gute gerichtetes Wesen. Das Schädigen von anderen beruht beim Menschen in den allermeisten Fällen nicht auf einem Willen zum Bösen, sondern auf einem eklatanten Mangel an Empathie.”
– Juli Zeh: “Fragen zu Corpus Delicti”, Seite 57

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Blog Entry No. 35 – Jenseits des Abgrunds

Liebe Leser*innen,

das Buch dieser Woche ist das erste Hardcover, welches ich als Rezensionsexemplar erhielt. Vielen Dank der Penguin Random House Verlagsgruppe. Diesen Roman setzte ich auf meine To-Read-Liste, weil mich der Untertitel faszinierte: “Roman über den Sinn des Lebens”. Ich stelle mir die Frage nach dem Sinn des Lebens wahrscheinlich häufiger, als es meinem Seelenfrieden gut tun würde und ich komme immer wieder zur gleichen, niederschmetternden Antwort: Nichts hat einen absoluten Sinn. Alles was wir tun, erleben und wertschätzen wird irgendwann wieder als Sternenstaub in den unendlichen Weiten des Universums in Vergessenheit geraten (Nichts: Was im Leben wichtig ist von Janne Teller steht schon auf meiner Leseliste). Jedoch gibt es natürlich den subjektiven Sinn im Leben, den ich hin und wieder aus den Augen verliere und der eine wichtige Rolle in Jenseits des Abgrunds von Francesc Miralles und Angeles Donate spielt.

Aber nicht nur der Untertitel, sondern auch das Cover hat mein Interesse sofort geweckt: Wie konnte ich nicht den Blick in ein Buch mit einem so harmonisch türkies-violetten, mit wunderschönen Pflanzen verzierten und einfach so idyllisch gezeichneten Cover werfen? Hinzu kommt noch, dass ein großes Stück meines Herzens dem Meer gehört und auch wenn das Meer im Buch selbst gar keine Rolle spielt, kleidet das friedliche Abbild den Roman hervorragend. Außerdem ist der Schutzumschlag des Hardcovers ein klimaneutral hergestelltes Druckprodukt aus festem Papier, was ich super gut finde, da die Umwelt selbstverständlich auch geschützt und der Klimawandel entschleunigt werden muss, wenn es um Bücher geht.

Die Handlung beginnt mit Toni, der mit der Urne mit der Asche seines toten Bruders Jonathan auf dem Rücksitz durch die Rocky Mountains fährt, um eben jene Asche an einem speziellen Ort zu verstreuen, wie es sich sein Bruder vor seinem Tod wünschte. Die erste Geschichte von einem Leben, das Kosei-San, der zurückgezogen auf einer Felsklippe wohnende Japaner, rettete, erfährt Toni in einem alten Diner von Rose. Ihr Leben wurde wie viele andere von dem mysteriösen Japaner gerettet. Diese Geschichte fasziniert Toni, weshalb er als Journalist gern mehr über Kosei-San erfahren und einen Artikel über ihn schreiben würde. Nicht ahnend wie stark diese Zeit an den Klippen sein Leben verändern würde, stimmt er gern zu, als der Alte ihn auf eine Tasse Tee einlädt.

Jenseits des Abgrunds ist ein Buch voller Dialoge, Geschichten und Schicksale. Man erfährt von vielen unterschiedlichen Menschen, die mit ihrem Leben bereits abgeschlossen hatten, keinen Sinn mehr sahen und aber wie Toni die angebotene Tasse Tee nicht ablehnten. Kosei-San war, meiner Meinung nach, tatsächlich ein Meister darin, den Menschen wieder Lebenswillen und eine Perspektive zu schenken, einfach indem er zuhörte und ein paar Fragen stellte. Der Roman ist außerdem wunderbar geschrieben. Ich flog nur so durch die Seiten und bekam ein wirkliches Gefühl davon, gerade Tee zu trinken und inspirierenden wie niederschmetternden Erzählungen zu lauschen. Obwohl die Schicksale vieler verschiedener Menschen eine wichtige Rolle spielen, beschränkt sich die Handlung des Romans nicht nur darauf, sondern auch der Rahmen, Tonis Geschichte, bleibt das ganze Buch über spannend. Der einzige Punkt, in dem ich etwas enttäuscht wurde, war die Art der Sinnfrage, die thematisiert wurde. Da ich mich selbst sehr oft frage, wie man die elementare Sinnfrage unserer Existenz überwinden kann, hatte ich gehofft, sie würde in Jenseits des Abgrunds zumindest angesprochen. Jedoch wurde sich durchgängig nur mit der subjektiven Sinnfrage, also wie die Individuen ihren Lebenswillen wiedererlangen können, beschäftigt. Diese ist zweifelsohne enorm wichtig und steht in einem engen Zusammenhang zu ersterer Frage, dennoch fehlte mir etwas indem der Unterschied beider Fragen in einem “Roman über den Sinn des Lebens” nicht vorkam.

Insgesamt bleibt Jenseits des Abgrunds aber ein großartiges Buch mit einem sehr angenehmen Schreibstil. Es zu lesen habe ich sehr genossen und ich kann es jedem, vor allem jenen, die vielleicht gerade mit ihrem Leben hadern und/oder gern mal wieder eine schöne Geschichte lesen möchten, nur empfehlen. Aus diesem Grund fällt es mir nicht schwer 5 von 5 Sternen zu vergeben.

Denkt daran Euch hin und wieder eine Auszeit zu nehmen, stressig wird das Leben von allein zu schnell,
Aly

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Blog Entry No. 26 – Between Your Words

Liebe Leser,

die Rezension dieser Woche dreht sich um einen Roman des Lyx Verlages. Soweit ich mich erinnern kann, ist dieses Buch das erste, welches ich aus diesem Verlag gelesen habe und es hat definitiv einen sehr positiven ersten Eindruck hinterlassen. Between Your Words von Emma Scott wurde mir als eBook von Netgalley.de als Gegenleistung für eine Rezension bereitgestellt. Wie immer könnt ihr meine Rezension auch auf dieser Website lesen.

Das Cover ist relativ nichtssagend und schlicht, aber dennoch sehr harmonisch und schön. Man kann die Streifen, die mich zumindest irgendwie an glänzende Stoffbahnen erinnern, relativ gut mit der Amnesie in Verbindung bringen, indem man sie als die, die Erinnerung verwischende, Leere interpretiert. Wobei ein Cover ja nicht immer etwas aussagen muss; es ist wirklich schön und wenn ich ein Buch nur nach dem Cover aussuchen müsste, hätte ich dieses wahrscheinlich auch so gelesen.

Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt, die den Inhalt meiner Meinung nach sehr gut gliedern. Der erste befasst sich mit der grundlegenden Handlung, deren Basis man auch nur kennen muss, um sich für dieses Buch zu entscheiden. Thea ist der weltweit zweitschlimmste, dokumentierte Amnesie Fall und es scheint keine Hoffnung auf Heilung zu geben. Ihre Pflege ist darauf ausgerichtet, dass sie alle 5 Minuten ihre Erinnerung verliert und keine Langzeiterinnerungen abrufen oder speichern kann. Es wird also angenommen, dass sie nur durch Routine und Ruhe ein scheinbar friedliches und glückliches Leben führt und Freuden an Tätigkeiten wie dem Malen unwesentlich sind, weil sie sich am nächsten Tag sowieso nicht mehr daran erinnern könne, gemalt zu haben.
Nachdem sie bereits zwei Jahre mit diesem Zustand im Blue Ridge Senatorium lebt, fängt ein neuer Hilfspfleger an dort zu arbeiten: James Whelan. Als sich Thea und Jim, wie er die meiste Zeit genannt wird, das erste Mal treffen, ahnt er noch nicht, dass sie Patientin an seinem neuen Arbeitsplatz ist, geschweige denn der zweitschlimmste Fall von Amnesie. Diese Begegnung ist beinahe magisch, Jim, der normalerweise nicht gern redet, weil er unter seinem Stottern leidet, fällt es zum ersten Mal in seinem Leben wieder leicht zu reden, viel zu reden. Thea, die in ihren 5 Minuten Phasen ein leuchtender, durch und durch fröhlicher Mensch ist, wie sie es in ihrem Leben vor der Amnesie war, lässt Jim nicht mehr los und es entwickelt sich eine der ungewöhnlichsten Liebesgeschichten, die ich bisher lesen durfte.

Da das Buch im Sommer spielt, passt dieses Bild eigentlich nicht besonders gut, aber Sommerbücher im Winter zu lesen bewirkt fast immer eine gewisse Wärme im Innern.

Emma Scott ist bereits eine für ihren emotionalen, fesselnden Schreibstil bekannte Autorin und genau diese Fähigkeit hat sie in Between your Words eindeutig bewiesen. Der Roman hat mich gewissermaßen hineingesogen und es fiel mir wirklich schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Die Geschichte der beiden Protagonisten ist unglaublich gefühlvoll und wurde auch so geschrieben. Außerdem war es auch keine 08/15 Liebesgeschichte, deren Ausgang man schon nach den ersten Seiten voraussehen kann. Im Gegenteil, ich habe mich bis zu den letzten Kapiteln gefragt, wie die Geschichte enden wird und ob Thea und Jim eine Zukunft haben werden.
Besonders nachdem ich so schockiert von Die Wunderbare Kälte war, weil es eben keine Triggerwarnung gab, war ich sehr froh hier eine zu finden, die meiner Meinung nach dem Geschehen auch gerecht wird.

Emma Scotts Between Your Words ist ein absolutes Muss für jeden Romantik-Liebhaber. Wenn ihr gern emotionale Bücher lest, die noch dazu interessant sind (Wie wird mit einem solchen Amnesie-Fall umgegangen? Was macht das mit den Angehörigen? Wie geht es den Menschen mit Amnesie? etc.) und deren Nebencharaktere einfach durch und durch liebenswert sind, dann sollte dieser Roman definitiv in euer Bücherregal einziehen.

Alles Liebe,
Aly

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Blog Entry No. 20 – Wir leuchten

Liebe Leser,

das Buch, um das es mir heute gehen soll, bedeutet für mich einige Erste-Male. Ich habe zum ersten Mal ein Buch vorbestellt (und es noch vor der offiziellen Veröffentlichung gelesen), es ist das erste persönlich und überhaupt signierte Buch in meinem Bücherregal und ich werde am 19. 02. 21 zum ersten Mal eine Lesung (wenn auch nur online) besuchen. Umso passender, dass es in eben diesem Roman unter anderem auch um Erste-Male geht: Der erste Roadtrip, das erste Mal betrunken, die erste Diskussion mit einem Ex-Nazi und die erste Freundschaft mit Pakistani, nur um ein paar wenige zu nennen. Wir leuchten ist außerdem der Debutroman Joe Rains, wie passend. ^^

Joe Rain fing während ihres Abiturs an, ihren ersten Roman zu schreiben. Gestern, nach etwas mehr als vier Jahren Überarbeitung, einer bestandenen Feuerprobe auf Wattpad und all dem was eben zu der Veröffentlichung eines Buches dazugehört, ist Wir leuchten endlich offiziell im Wreaders Verlag erschienen. Für alle, die noch überlegen, ob dieses Buch das richtige für sie ist, noch nie davon gehört haben oder es vielleicht schon gelesen haben und einfach noch andere Meinungen lesen wollen, hier meine Rezension und Weltsicht. Viel Spaß. 🙂

Wie immer, zuerst das Cover: Ich muss sagen, ich liebe die Stimmung, die es ausstrahlt. Die warmen Farben lassen es irgendwie gemütlich wirken und der Pick-up, die Berge, der Wald und die Sonne strahlen die pure Abenteurer-Atmosphäre aus. Außerdem passen der irgendwie fast schon minimalistische Comic-Zeichen-Stil und die schlichte Schriftart gut zueinander, was zusammen mit den harmonierenden Farben ein sehr angenehmes Bild ergibt. Ich muss aber leider zugeben, dass ich erstmal googlen musste, wie Pick-ups aussehen, weil im Buch eindeutig fünf Personen in das Auto passen und ich mir das bei dem Bild auf dem Cover wirklich nicht vorstellen konnte. 😅
Mittig am unteren Rand sieht man auch das Logo des Wreader Verlags und sonst verliere ich nicht besonders viele Worte über den betreffenden Verlag, aber dieses Logo ist einfach das schönste, das ich bisher irgendwo gesehen habe, weshalb es einfach eine extra Erwähnung verdient.

Wir leuchten wird von Estelles Perspektive erzählt. Estelle, die Meinungslose. Sie erzählt von ihrem durchschnittlichen Leben, von ihrer beendeten Beziehung und ihren schlechten Noten im Schulhalbjahr 12/1. Bis sie auf einer Party Isy kennenlernt und spontan entscheidet wegzulaufen. Irgendwohin, nur Hauptsache weg von ihrem alltäglichen, erdrückenden Leben.

Ab dem Punkt verändert sich alles. Ein Pick-up wird geklaut und der Besitzer mit einem High-heel K.O. geschlagen. Als dieser sich jedoch entscheidet, einfach mitzukommen, beginnt ein Roadtrip voller politischer Diskussionen, philosophischer Statements und neuer Freundschaften. Gemeinsam mit Estelle wird dem Leser, das Konfliktpotential von “Politik” näher gebracht. Man lernt, die Hauptperson begleitend, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu verteidigen und dass man auch erhobenen Hauptes nachgeben kann. Wir leuchten ist eine Geschichte von Fremden, die zu besten Freunden werden, auf ihrem Weg noch mehr fremde Freunde treffen und mit Musik und einem orangenen Pick-up vor ihrem alten Leben davon fahren.

Beim Lesen sind mir vor allem zwei Aspekte aufgefallen: Estelle und ich würden uns wahrscheinlich ständig streiten und viele Charaktere haben einen Beinamen. Isy, die Kommunistin, die Verrückte. Estelle, die Meinungslose. Daniel, der Nazi, der Rechtsdenkende. Max, der Angeber. Jens, der Glatzkopf.

Angesichts dessen, dass ich zu den meisten politischen, gesellschaftlichen und historischen Themen eine Meinung habe und es liebe, diese auszudiskutieren und zu verteidigen, empfand ich Estelles Einstellung zu Beginn des Buchs als sehr anstrengend, da ich sie zwar verstehen, aber nicht nachvollziehen kann. Da es jedoch genau diese Unwissenheit, bzw. Meinungslosigkeit ist, die die politischen Diskussionen dem Leser näher bringt und “Politik” nahbar macht, kann ich gut mit Estelles Charakter leben. Schließlich sind es ja auch eben die verschiedenen Perspektiven und Grundlagen, die Diskussionen spannend machen, weshalb ich mir während des Lesens auch oft gewünscht habe, in den Roman reisen zu können, um meine Meinung mit den drei, später fünf Hauptcharakteren teilen zu können.
Unabhängig davon störe ich mich aber auch etwas an ihrer Vorstellung, Menschen ändern zu können. Estelle beschreibt mehrfach, wie gern sie Daniels Meinung ändern würde, meint an einer Stelle, sein Gedanke wäre nur wie eine Krankheit, die sie wegheilen könne und wünscht sich, er wäre mehr wie sie. Natürlich verstehe ich ihren Wunsch, ihn mit rationalen Argumenten von seinen grausam klingenden Theorien abzubringen und von einer “humaneren” Meinung zu überzeugen, schließlich ist es genau das, was jeder Diskutierende mit seinem Gegenüber versucht. Man will die eigene Ansicht vertreten und verbreiten, weil man sie, zumindest zu Beginn einer Diskussion, für richtiger hält. Jedoch glaube ich nicht, dass man eine Person von Grund auf ändern kann oder mit diesem Ziel an eine menschliche Interaktion herangehen sollte. Man kann dem Gegenüber mehr Informationen und Sichtweisen darlegen, aber welche Schlüsse Derjenige daraus zieht, kann man nicht beeinflussen, vor allem dann nicht, wenn man nicht weiß warum eine Person denkt und handelt, wie sie es tut. Umso besser finde ich es aber, dass Estelle in den meisten Diskussionen zwischen Isy und Daniel als Vermittlerin auftritt und die beiden daran erinnert, dass man manchmal auch einfach verschiedener Meinung ist und keinen zufriedenstellenden Kompromiss findet.
Ich fand einfach über das ganze Buch hinweg nicht wirklich einen Draht zu Estelle, weil sie durch ihre starke Entwicklung relativ schwer einzuschätzen ist und wir wahrscheinlich einfach eine völlig gegensätzliche Art haben, die Welt zu betrachten, was ja aber nicht unbedingt schlecht ist.

Die Verwendung von Beinamen, welche direkt dazu führt, dass man sich die Personen lebhafter vorstellen kann und sie besser im Gedächtnis bleiben, führt mich zum Schreibstil: Joe Rain gestaltete die Geschichte sehr bildlich. Während ich Wir leuchten gelesen habe, ließ mich das Buch jede Emotion mehrfach durchleben. Ich habe gelacht, geweint, geflucht, wurde verletzt und habe verziehen. Ich habe mich über Aussagen aufgeregt und manchmal kurz danach innerlich einem Charakter dafür gedankt, meinen Gedanken ausgesprochen zu haben. Ich hatte Angst und war verwirrt. Alles war vertreten. Diesen Roman zu lesen, war wie selbst auf diesen Roadtrip zu gehen und neue Freunde zu finden. Trotz aller Differenzen, die Debatten über Themen, wie sie hier angesprochen werden, immer offen legen, habe ich Estelle, Isy, Daniel, Tahreem und Majid in mein Herz geschlossen. Ich habe mit Arnold mitgefühlt und mich von der Dankbarkeit für Ellie durchströmen lassen. Es war eine spannende Reise, geleitet von der Idee eines Treffens zwischen einem Nazi und einer Kommunistin.

Wir leuchten ist ein weiteres Buch, welches ohne Notizen und Post-its in meine Hände fiel und mit zahlreichen markierten Zitaten und Szenen in mein Bücherregal einzieht. Meiner bisherigen Erfahrung nach, zeigen viele Klebezettel am Rand eines von mir gelesenen Werkes, wie tiefgründig, wunderschön und/oder diskutabel und somit wieder interessant es ist. Farblich unterschied ich dieses Mal zwischen “würde ich gern diskutieren/dazu würde ich gern meine Meinung mitteilen” in orange, “wunderschön, einfach durch und durch schön” in blau und “finde ich kritisch” in gelb, wobei ich meine gelb markierten Punkte in dieser Rezension schon beinahe vollständig genannt habe. Um euch zumindest ansatzweise an meiner Gedankenwelt zu einigen Textstellen teilhaben zu lassen, ohne einzelne Beiträge zu jedem Thema zu schreiben (vielleicht mach ich das im Laufe der Woche noch, je nachdem wie viel Zeit sich findet), werde ich einfach thesenartig meine Meinung oder meine Lieblingszitate auflisten.

Alf hat zwar an sich nichts mit dem Buch zu tun, aber ich fand dieses Bild einfach wirklich niedlich ^^

Meine Gedanken zu Orange:
Jemanden K.O. zu schlagen, sodass er für mehrere Minuten bewusstlos ist, hat, soweit ich weiß, schwere Hirnschäden zur Folge. (Selbst Boxer, die mehrfach sehr hart getroffen werden, bleiben selten bewusstlos liegen. Über Situationen des K.O. – Schlagens wundere ich mich in Büchern und Filmen häufiger, da sie für die Geschichte meist unerlässlich, aber fast nie realistisch sind, obwohl man natürlich argumentieren kann, dass das fiktive Werke sind.)
Es gibt keine richtige Meinung.
An mehreren Stellen ist mir aufgefallen, dass, besonders von Isy, aber auch von den anderen hin und wieder, so gut wie nie zwischen gleich und gerecht unterschieden wird. Diese Unterscheidung ist aber extrem wesentlich für viele ihrer Diskussionen.
“Angst und Liebe sind die beste Motivation, die es gibt.” Arnold hat recht.
Man hat nicht immer die Wahl.
In einer gerechten Gesellschaft kann nicht jeder das gleiche besitzen.
Das demokratisch bestimmte Gesetz definiert, was kriminell ist. Wenn Isy also für eine neue Gesellschaft den Widersachern ihre Menschenrechte absprechen will, wonach beurteilt sie dann, dass sie wirklich Kriminelle sind, mit welchem Recht entscheidet sie, wer es verdient hat bestraft zu werden? In dem Punkt gebe ich Daniel recht, sie widerspricht sich.
Ich stimme Daniel zwar zu, dass die Natur wertvoller sei als der zerstörerische Mensch, jedoch glaube ich, dass sich der Mensch selbst vernichtet, weil er unfähig ist das eigene, grundlegende Wesen zu verändern.
“Wir sind alle individuell. […] Es gibt nicht genug Schubladen, um uns zu trennen.” Isy spricht sehr wahre Worte an dieser Stelle.

Zwei kurze Sätze zu dem letzten übrigen gelben Zettel: Ich verstehe Menschen nicht, die Lebensmittel vernichten, nur weil sie auf feuchte Erde gefallen sind. Es ist nicht wahr, dass Schüler*innen mit einem 1,0er Abitur ihre ganze Freizeit mit dem Lernstoff verbringen.

Ein paar blau markierte Zitate:
“Ob diese Gefühle jetzt jemand anderen befallen? Oder lösen sie sich einfach so auf? Verschwinden sie in der Luft, mischen sich unter die dunklen Bäume und die abgefallenen Herbstblätter, fliegen hoch in den Himmel und werden von Galaxien und Sonnensystemen verbrannt, verwandeln sich in Sternenstaub?” – Estelle
“Wir sind wie dieser Ast. Wir sind genauso zerbrechlich und trotzdem stark. Wir lieben das Risiko, ins Wasser zu fallen. Trotzdem versuchen wir immer wieder aufzusteigen und nach oben zu wachsen. Unsere Gedanken sind unsere Zweige, die oben und unten austasten, bevor wir uns entscheiden.” – Daniel
“Sie strahlt mich an und ich strahle zurück. Sind wir nicht alle wie vereinzelte Sonnen? Alle in diesem Raum einzelne Sterne, die sich zu einem Universum zusammenfinden? Der Mond ist die Musik, die Erde unser Licht, das Dunkel der alles übertönende Bass, der unsere Herzen zusammenbringt.” – Estelle

Dieses Buch, Wir leuchten, ist großartig. Es vereint Gefühle, Philosophie und Menschenliebe mit spannenden politischen und historischen Debatten. Es bringt mich dazu, die Charaktere immer und immer wieder zu hinterfragen und trotzdem ihre Erlebnisse und Emotionen zu teilen. Es ist ein Buch mit Tiefe, eines das zum Nachdenken anregt, genauso wie es eines der Romantik und Freundschaft ist. Es lädt dazu ein, dem eigenen Leben hin und wieder zu entfliehen und sich trotzdem seinen Ängsten zu stellen. Wir leuchten ist wahrscheinlich das erste Buch, bei dem ich mich genauso oft über Aussagen oder Verhaltensweisen aufgeregt habe, wie ich mit den Menschen mitgefühlt habe. Genau diese Mischung macht es real, es fühlt sich echt an.

Das Buch kam zusammen mit vielen supersüßen Extras an. Einige seht ihr hier auf dem Bild (ich habe mich sofort in den kleinen Tintenfischsticker vom Wreaders Verlag verliebt). Doch das Beste waren nicht die Sticker oder die Lesezeichen, das Beste waren die lieben Worte im beigelegten Brief der Autorin. Liebe Joe, ich danke dir von Herzen für die kleine Geschichte. Manchmal ist es eine Fremde, die einem genau das sagt, was man gerade hören muss.

Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass Wir leuchten das erste signierte Buch in meinem Bücherregal ist. Die Vorfreude und Ungeduld nach der Bestellung hat sich für jede Seite gelohnt und ich freue mich schon darauf, es in Zukunft aus dem Regal nehmen und jeder Zeit noch einmal lesen zu können. Meiner Meinung nach, sollte jeder, ganz besonders die politikverdrossenen Meine-Stimme-macht-doch-sowieso-keinen-Unterschied-Nicht-Wähler, Joe Rains Wir leuchten mindestens einmal gelesen haben.

Zum Schluss noch eins: Während des Lesens habe ich eine Spotify-Playlist mit allen erwähnten Liedern (ich hoffe ich hab keins vergessen) erstellt, weil ich finde, dass Musik die Stimmung auf eine besondere Weise wiedergibt. Wenn ihr also Lust habt, hört gern mal rein. 😉

Ich hoffe, euch geht es gut,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 17 – Die Bücherdiebin

Liebe Leser,

das Buch, um das es mir heute gehen soll, las ich kurz vor den Weihnachtsfeiertagen zuende und ich will ehrlich sein, es hat mir die besinnliche Stimmung verdorben. Aber das nehm ich dem Buch nicht übel, denn ich denke, dass genau das ein wichtiges Ziel des Werkes ist. Mir geht es um einen der, wie ich finde, wichtigsten Klassiker moderner Literatur: Markus Zusaks Die Bücherdiebin.

Markus Zusak wurde 1975 als Sohn einer Deutschen und eines Österreichers geboren. Deren Erzählungen über die Bombenangriffe auf München und die Judenverfolgung in Deutschland nutze er als Vorlagen für dieses Buch. Neben Die Bücherdiebin schrieb er noch fünf weitere Romane, wovon Der Joker ebenfalls sehr bekannt wurde. Aktuell lebt er mit seiner Familie in Sydney.

Das Cover dieser Ausgabe des Blanvalet Verlages (heute Teil der Penguin Random House Verlagsgruppe) ist recht schlicht gehalten. Man sieht lediglich den, an altes, vergilbtes Papier erinnernden, Hintergrund sowie den Tod, tanzend mit einem jungen Mädchen. Ich persönlich finde das Cover sehr aussagekräftig; altes Papier sinnbildlich für all die Geschichten, die gelesen und geschrieben werden, sinnbildlich für Papier im Keller, sinnbildlich für das Buch, dass der Tod so viele Jahre bei sich trug. Und dann natürlich die beiden Hauptpersonen: der Tod, eine generell unterschätzte Persönlichkeit, beeindruckt von Liesel Meminger, dem jungen Mädchen, einer Bücherdiebin, einer Autorin. Dieser Einband hat alles, was es braucht.

Die Geschichte scheint auf den ersten Blick recht unbeholfen zu beginnen, doch das spricht keineswegs gegen einen guten Schreibstil Zusaks, viel mehr für ihn. Er lässt die Erzählung authentisch beginnen, ganz so, als stünde man tatsächlich gerade einem Fremden gegenüber, der noch nie eine Geschichte erzählt hat. Schon der Anfang des Buches regt zum Nachdenken an, ich zumindest war mir nicht sofort sicher, dass wirklich der Tod höchstpersönlich die Geschehnisse erzählt und als ich mir dann sicher war, las ich den gesamten Anfang noch einmal, um auch alles, was der Tod von sich erzählt richtig auf mich wirken zu lassen und mit Vorstellungen zu vergleichen, die man sich selbst einfach im Laufe des Lebens so macht. Der Tod ist also ein ständiger Begleiter während man dieses Buch liest, aber da er mit so viel Witz und Liebe geschrieben wurde, ohne dabei seine Ernsthaftigkeit zu verlieren, empfindet man ihn am Ende eher als alten Freund und nicht als die Ursache aller Trauer. Die Ursache waren Menschen. In diesem Fall hauptsächlich Deutsche.

Liesel Meminger wurde in Deutschland geboren, kurz vor der Zeit des dritten Reiches. Weil ihr Vater als Kommunist verhaftet und gefoltert wird, kann er sich nicht mehr um seine Familie kümmern, woraufhin seine kranke Frau 1939 ihre neunjährige Tochter Liesel und ihren sechsjährigen Sohn Werner zu Pflegeeltern gibt. Auf dem Weg nach Molching, einer kleinen Stadt in der Nähe von München, in welcher die zukünftigen Pflegeeltern leben, treffen der Tod und Liesel das erste Mal aufeinander. “Ein heftiger Hustenanfall. Ein letzter Atemzug, der Endspurt. Und dann – nichts mehr.” Auf diese Weise beschreibt der Tod Werners Ende. Als er seine Seele aus dem Körper trennte und das kleine Mädchen gerade aus einem Traum hochschreckte, sahen sie sich zum ersten Mal. Entgegen seines eigenen Rates, kommt der Tod zu Werners Beerdigung in einem namenlosen Dorf, um dort den ersten Diebstahl der Bücherdiebin zu beobachten – im Schnee. Der Zweite fand im Feuer statt. Doch ich will nicht zu weit vorgreifen. Um ein ungefähres Gefühl zu bekommen, um was es in diesem Buch geht, sei noch Folgendes gesagt: Liesel kommt in der Himmelstraße bei den Hubermanns an, in denen sie eine neue Familie findet und wo sie ein paar Jahre glückliche Kindheit geschenkt bekommt. Sie findet einen besten Freund und Diebstahl-Partner in Rudi, sie lernt Lesen in einem Keller, an dessen Wänden sie mit Farbe das Schreiben übt. Sie schenkt einem Juden Wolken und eine Schneeballschlacht im Keller. Sie liest in den furchterregendsten Stunden Menschen etwas aus ihren Büchern vor.
Doch keine Geschichte bleibt ewig gut und friedlich, besonders nicht wenn sie während des zweiten Weltkriegs spielt. Es sind Wörter, die ihr Leben retten.

Die Bilder habe ich bereits vor einiger Zeit gemacht, kurz nachdem das Buch bei mir ankam.

Die Bücherdiebin ist ein herausragendes Werk. Zusak brachte die Wörter für diesen Roman auf eine fesselnde, ungewöhnliche Art und Weise zusammen, die an keiner Stelle Zweifel offen ließ. Trotz der ungewöhnlichen Wahl des Erzählers, fand ich keine einzige Stelle, an der ich nicht geglaubt hätte, dass diese Geschichte tatsächlich vom Tod erzählt wird. Wenn man diese Tatsache weniger personalisiert und etwas metaphorischer betrachtet, kann man feststellen, dass dies eine unglaublich poetische Variante ist, eine traurige Geschichte des Lebens zu erzählen.
Obwohl in diesem Buch ein eher gemäßigtes Schicksal dieser Zeit verarbeitet wird (womit ich lediglich meine, dass während des dritten Reiches und besonders während des zweiten Weltkrieges noch deutlich mehr und vor allem grausameres Leid verursacht wurde), sind einige Szenen sehr heftig. Nicht unbedingt in der Art und Weise in der sie beschrieben wurden (zum Vergleich: Orwells 1984, besonders Teil 3, wurde bedeutend bildlicher und grausamer beschrieben, wodurch ich persönlich auch schlimmere Träume von 1984 als von Die Bücherdiebin bekam), aber hinsichtlich dessen, was man sich – auch durch das Wissen über diesen Teil der deutschen Geschichte – unter dem Beschriebenen und dessen was die jeweiligen Szenen bewirken, vorstellt. Wie bereits erwähnt, hat dieser Aspekt auch die besinnliche Zeit des letzten Weihnachtsfestes verdunkelt, besonders dadurch, dass ich zu dem Zeitpunkt gerade das Ende der Geschichte las, welches einige zutiefst traurige Begebenheiten mit sich brachte.
Natürlich ist aber zu sagen, dass es auch fröhliche Zeiten im Leben der Bücherdiebin gab und diese auch entsprechend Spaß gemacht haben zu lesen. Besonders die Entwicklung der Charaktere mitzubegleiten, ist eine Freude, die einem das Buch nicht nimmt. Da Liesel und Rudi vor allem auch einfach Fußball spielende Kinder sind, bietet Zusaks Werk neben ernsthaften und traurigen Berichten des Todes auch amüsante, niedliche und wundervolle. Einige der ersten Worte der Erzählung des Todes, können meiner Meinung nach auch dieses Buch sehr gut zusammenfassen und diese Review beenden: “Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben »A«. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.”

Ich würde Die Bücherdiebin jederzeit ein weiteres Mal lesen. Weil das Buch einfach unglaublich ist. Weil es gut ist. Weil es wichtig ist. Und weil ich den Tod, Liesel, Rudi, Max, Hans, Rosa und die Frau des Bürgermeisters in mein Herz geschlossen habe.

Mit besten Grüßen,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 12 – Den Mund voll ungesagter Dinge

Liebe Leser,

diese Review ist eigentlich nicht wirklich eine, denn dafür wird sie wahrscheinlich viel zu persönlich. Im letzten Beitrag hatte ich im Post Scriptum erwähnt, neue Bücher bekommen zu haben, nun, eines davon war Den Mund voll ungesagter Dinge und es hat mich genau dann erreicht, als ich es vielleicht am dringensten brauchte. Mein Leben fühlt sich zur Zeit an wie das Wetter heute: stürmisch und kalt, nicht direkt schlecht, aber doch so, dass man nicht raus gehen möchte. Es ist ein Chaos, mit dem ich noch nicht gelernt habe umzugehen.
Begonnen hatte alles an einem Abend vor genau einer Woche, ein Abend an dem ich mich selbst so sehr enttäuscht und im Stich gelassen habe, wie noch nie. Das schlechte Gefühl zog sich durch die ganze Woche, selbst in den fröhlichsten Momenten, in denen ich mir die Seele aus dem Leib gelacht habe, saß das Gefühl in einer dunklen Ecke meiner Gedanken und hat darauf gewartet wieder die Finger um meinen Hals zu legen. Hinzu kam eine permante Übelkeit, nicht so stark um mich hungern zu lassen, aber als hätte jemand in meine Magengrube geschlagen, nachdem ich aus dem Gedankenkarusell gefallen bin. Am Dienstagabend hatte ich in diesem Buch dann endlich den ersehnten Ausweg aus der ganzen Realität gefunden. Im Grunde war es wieder nur eine von vielen romantischen Geschichten, nur mit mehr Drama, realer, aber irgendetwas scheinen Romanzen und Dramatik an sich zu haben, das mich einfach immer und immer wieder fesselt.

Der von der deutschen Autorin Anne Freytag geschriebene und 2017 veröffentlichte Roman beschreibt in sehr vielen Facetten seiner Handlung genau das Gefühl, welches der Titel bereits ausdrückt: Es liegen einem so viele Gedanken auf der Zunge, bereit ausgesprochen und gehört zu werden, doch letztlich bleiben sie Gedanken, bis man vielleicht doch irgendwann den Mut findet, sie Realität werden zu lassen. Im Roman erlebt man aus Sophies Perspektive, wie ihr Vater beschließt kurz vor ihrem Abschluss von Hamburg nach München zu seiner Freundin, ihren Söhnen und ihrem Hund zu ziehen. Sie kam bis dahin immer ganz gut allein zurecht, doch plötzlich in einer neuen Welt, weit weg von Zuhause gefangen, lebt sie in einem großen Haus voller Leben und fühlt sich nur noch einsamer. Doch dann trifft sie Alex, das Nachbarsmädchen mit dem sie sich plötzlich nicht mehr allein, sondern glücklich fühlt. Natürlich ist die Handlung noch deutlich tiefer und komplexer, aber ich will euch nicht die Freude nehmen alle Charaktäre selbst kennenzulernen. Um das Buch in einem Satz zu beschreiben, würde ich sagen, dass es zeigt, wie viel ein einziger Kuss und ein paar ausgesprochene oder geschriebene Worte verändern können.

Die Gestaltung des Buches ist sehr modern gehalten, was mich als Liebhaber von klassischen Werken immer erst etwas irritiert (ich bin auch kein Fan von modernen Adaptionen klassischer Theaterstücke, sobald zum Beispiel Medea anfängt eine Whatsappnachricht zu schreiben oder etwas auf Facebook zu posten, würde ich immer am liebsten das Theater verlassen), da aber die Zielgruppe vermutlich etwas jünger ist als ich und dadurch ein bisschen das Gefühl entsteht, man säße neben Sophie und würde mit ihr die Konversationen lesen oder die Musik hören, kann ich ganz gut damit leben. Eine grammatikalische Besonderheit, die die Autorin aber offenbar immer so gestaltet, ist die Konstruktion “jemand schimpft jemanden”. Ich war mir immer sehr sicher, dass es “jemand schimpft mit jemandem” heißt und auch der Duden scheint mir recht zu geben. Ich stamme jedoch aus einer Gegend, in der mit starkem Dialekt gesprochen wird und kenn mich nicht besonders gut mit anderen Dialekten in Deutschland aus, also könnte ich auch gut verstehen, wenn damit ein bestimmter Dialekt bedient werden sollte und es sich für mich nur ungewöhnlich anhört.

Den Mund voll ungesagter Dinge gehört zu der Art von Büchern, in die ich mich ohne Probleme vor der Wirklichkeit flüchten kann, in denen ich mich selbst verlieren kann. Gleichzeitig aber finde ich mich selbst und die Probleme, die mein Gedankenkarusell stetig antreiben, in so vielen Situationen, Gedanken, Problemen, Personen, Geständnissen und Ängsten der Handlung wieder, dass es mir einen Spiegel vorhält, der nicht mahnt, sondern einen nicht allein lässt. Mir wurde in der letzten Woche gesagt, ich würde sehr dramatisch schreiben. Kurz danach dachte ich über eine Situation im Buch, dass sie doch vielleicht etwas übertrieben dramatisch sei und viel einfacher aufzulösen gewesen wäre, als es getan wurde. Aber vielleicht ist genau das der Punkt des Lebens und des Schreibens: das Leben ist nun mal dramatisch und voller unerklärlicher Gefühle und Gedanken, die einem auch oft Angst einjagen können und ist es so falsch darauf dramatisch und irrational zu reagieren? Beim Schreiben kommt dann noch hinzu, dass die Dramatik einfach ein unerlässlicher Wegbegleiter ist, wenn man die Leser fesseln und ihre Augen öffnen will. In einer Welt, in der eine schlechte Nachricht die nächte jagt, reicht es nicht mehr Probleme nur anzusprechen, man muss die Menschen dazu bringen zuzuhören und nachzudenken. Wenn man genauer darüber nachdenkt, hat es auch in der Literaturgeschichte noch nie gereicht, nur zu beschreiben, alle einflussreichen Autoren ihrer Zeit nutzten Unmengen der Dramatik.

Dieser Blogbeitrag ist mit warmer Dankbarkeit an die Fotografin geschrieben. Sie ist nicht nur die Person, die mir dieses wundervolle Buch empfohlen hat, sie ist auch einer der wichtigsten Menschen und Mitwisser meines Lebens.

Ich habe diesen Blogbeitrag aus verschiedensten Gründen so viel persönlicher geschrieben, als ich es normalerweise tun würde. Texte wie dieser sind es, die mir den Anlass dazu gaben, unter einem Pseudonym zu schreiben. Die Menschen, die wissen wer hinter diesem Blog steht, kann man an einer Hand abzählen. Ich wollte persönlich werden können, ohne Angst vor persönlichen Konfrontationen oder besorgten Blicken haben zu müssen. Mir hilft das Schreiben an schweren Tagen immer dabei, irgendwie mit allem klar zu kommen und ich habe besonders in der letzten Woche, unter anderem auch durch die Geschehnisse in Den Mund voll ungesagter Dinge, gemerkt, wie wichtig es ist die eigenen Gedanken auch mal loszuwerden, sie irgendwie aufzuschreiben oder jemandem anzuvertrauen. Ich weiß, dass es viel zu vielen Menschen in dieser Welt aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gut geht. Besonders die Einsamkeit trifft viele in dieser immer dunkler werdenden Jahreszeit, in der Mitte einer Pandemie, sehr hart. Mich auch und das, obwohl ich nicht allein bin. Deshalb möchte ich euch besonders hiermit, mit einem Stückchen Ehrlichkeit, sagen, dass ihr mit dem Gefühl nicht allein seid. Das ist nur wenig Trost, ich weiß, vor allem für all diejenigen, die mit viel schlimmeren Problemen zu kämpen haben. Mein Gedankenkarusell dreht sich um euch, um all die Probleme dieser Welt, ich wollte dass ihr das wisst.

Ich habe viel geschrieben in den letzten Tagen. In den folgenden Zitaten werde ich euch einen kleinen Teil davon zeigen, in der Hoffnung, dass ihr euch darin wiederfindet und in der Hoffnung, dass es nicht so ist.

In Liebe,
Aly

Mir geht es gut. Objektiv. Im Vergleich mit all den Problemen die es auf der Welt gibt.
Bei mir ist nicht alles gut. Alles umfasst zu viel, um gut zu sein. Es tut mir leid Erwartungen zu enttäuschen.

~ Alyrene, 12.11.2020

Es schuf Gedanken, die ich nicht mehr los werde. Sie kreisen und kreisen, kommen hervor und tragen mich völlig mit sich oder lassen meinen Kopf leer. In einer Stille, die niemand erträgt. Eine Stille die lauter nicht sein könnte, eine Stille des absoluten Chaos. Zu viele Gedanken, um zu denken.

~ Alyrene, 13.11.2020
Blog, Reviews

Blog Entry No. 2 – Corpus Delicti

Zugegeben, ich hätte das Buch wohl nie gelesen, wenn wir es nicht im Unterricht behandelt hätten, aber rückblickend war es jede Sekunde wert. Besonders in der aktuellen Krisen-Lage, ist die Thematik von höchster Präsenz und jeder sollte zumindest einmal darüber nachgedacht haben. Nutzt den Verstand, der euch gegeben wurde und bildet eure eigene Meinung!

Das Werk der Betrachtung wurde 2009 von Juli Zeh veröffentlicht. Die Autorin wurde 1974 in Bonn geboren und studierte auch in Deutschland Rechtswissenschaften. Nach weiteren Abschlüssen im juristischen Bereich und unter anderem einem Praktikum bei der UNO in New York, lebt sie nun in Brandenburg und arbeitet als Richterin im Verfassungsgericht von Brandenburg. Zudem schrieb sie mehrere Romane, einige Kurzgeschichten, Theaterstücke, Kinder- und Sachbücher und rechtswissenschaftliche Monographien. Für ihre Werke erhielt sie vielzählige Auszeichnungen, unter anderem den deutschen Bücherpreis, den Thomas-Mann-Preis und den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik.
Corpus Delicti – Ein Prozess wurde ursprünglich als Theaterstück mit der Thematik des Mittelalters als Grundgedanken geschrieben und 2007 in Essen uraufgeführt. Obwohl es mit eben genannten Grundgedanken geschrieben wurde, handelt die beschriebene Geschichte in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts, also in der Zukunft. Obwohl Juli Zeh eine Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis ablehnte, ist dieses Buch eindeutig dem Genre Science-Fiction oder Dystopie zuzuordnen und wie so viele andere Werke in diesem Genre, findet man auch in diesem die Warnung vor einem Überwachungsstaat und den Appell an den eigenen Verstand und das Mitspracherecht, von welchem man in unserer Gesellschaft Gebrauch machen kann und sollte.

Bei Corpus Delicti beginnt der weite Interpretationsraum bereits im Titel: Corpus Delicti – aus dem Latein übersetzt “Körper des Verbrechens” und zudem eine umgangssprachliche Redewendung aus der frühen Neuzeit für einen Beweisgegenstand im juristischen Prozess. Auch der Untertitel “Ein Prozess” ist nicht weniger interessant. Man verwendet Prozess meist in zwei Bedeutungen: der Prozess als etwas Voranschreitendes, etwas sich Entwickelndes und der Prozess im Sinne von einem Gerichtsprozess. Was also vermutet man von einem Buch, wenn man nur diese vier Wörter kennt? Man vermutet vielleicht einen juristisch komplexen Inhalt, der sehr trocken enden könnte, weil es hauptsächlich um Gerichtsverhandlungen geht. Oder aber man betrachtet Körper und Prozess eher im Fokus und fragt sich was wohl mit dem Körper, der scheinbar ein Verbrechen beging, passiert, wie er sich entwickelt. Vielleicht ist ein Körper aus Fleisch und Blut zum Beweismittel geworden und erlebt nun beide Arten der Prozess-Bedeutung. Es gibt unendlich viele verschiedene Varianten, welche Erwartungen man aus dem Titel schöpfen kann, denn den ersten Eindruck nimmt jeder anders wahr.

Wenn man das Buch dann tatsächlich aufschlägt und zu lesen beginnt, wird schnell klar, es geht tatsächlich um Gerichtsprozesse. Zu Anfang tritt man in eine scheinbar perfekte Welt ein. Die Geschichte beginnt Mitten am Tag, mitten im 21. Jahrhundert. In dieser Welt ist die Klimakrise besiegt, man weiß bei welcher Temperatur der Mensch am besten denken kann und wie man Erkältungen ausrottet. Diese Welt scheint mit sich selbst und dem Planeten in Einklang zu leben, alle scheinen ein gutes Leben zu führen. Auf die Beschreibung folgen bald die ersten Gerichtsprozesse. Man erfährt von einem Mann der sein Kind vernachlässigt hat und von der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Hauptperson Mia Holl. Ersterer erhält zwei Jahre offenen Maßregelvollzug und verschiedene Hygienische Fortbildungen, sowie einen medizinischen Vormund für seine Tochter, weil er bestimmte Untersuchungen an ihr unterließ und so bestimmte Krankheiten oder fehlerhafte Entwicklungsprozesse nicht ausgeschlossen werden konnten, es heißt er habe private Probleme und sei alleinerziehend. Ob diese Maßnahme aus heutiger, moralischer Sicht verhältnismäßig ist, lässt sich sehr gut diskutieren.
Auch Mia Holls Vergehen besteht lediglich in der Vernachlässigung von Meldepflichten, doch weil sie eine erfolgreiche Biologin mit Idealbiographie ist und keine Vorbelastungen aufweist, wird sie lediglich zu einem Klärungsgespräch eingeladen. In dieser Szene der ersten Gerichtsverhandlung lernt man auch schon die zweite wichtige Hauptfigur kennen: Heinrich Kramer. Ganz offensichtlich ist er kein offizielles Mitglied des Gerichtes und mit der Aussage: “Das Auge der vierten Gewalt schläft nie.” erweist er sich dem Leser als Medienvertreter. Er scheint etwas mehr über bestimmte Zusammenhänge zu wissen als die Richterin Sophie selbst. Auffällig ist außerdem, dass er der Einzige zu sein scheint, der tatsächlich regelmäßig “Santé”(französisch für Gesundheit)als Begrüßung verwendet. Auch der hier noch unscheinbare Anwalt Rosentreter, sowie der Staatsanwalt Bell werden noch wichtige Rollen spielen.

In den nächsten Kapiteln lernt man zunächst Mias Nachbarinnen Lizzie, Driss und die Pollsche kennen. Sie sind unglaublich stolz darauf in einem sogenannten Wächterhaus zu leben, denn dadurch zeichnet sich besondere Zuverlässigkeit der Hygiene aus. Anfangs scheint Mia perfekt in ein solches Wächterhaus zu passen: eine erfolgreiche, systemtreue Biologin, welche die METHODE befürwortete. Ganz recht, ich schreibe diesen Satz in der Vergangenheitsform, denn wie die Interpretationen des Titels zeigten, kann man Prozess auch als einen Persönlichen verstehen und einen solchen Charakterprozess erlebt man bei Mia sehr deutlich.
Eine Schlüsselrolle bei dieser Entwicklung hat die ideale Geliebte inne. Zu Anfang könnte man noch vermuten, dass diese eine reale Person ist, denn Mia unterhält sich mit ihr und legt sich in ihre Arme als würde erstere wirklich bei ihr auf dem Sofa liegen. Doch sehr schnell wird klar, dass die ideale Geliebte nur eine Wahnvorstellung in Mias Kopf ist, die niemand außer ihr selbst sieht. Rosentreter scheint nicht einmal zu bemerken, dass Mia zeitweise nicht mit ihm, sondern mit der idealen Geliebten redet, wohingegen Kramer sofort realisiert, dass Mia mit sich selbst spricht. Im Verlauf des Buches erfährt man, dass Mia diese Wahnvorstellung von ihrem Bruder Moritz kurz vor seinem Tod geschenkt bekommen hat.

Mia Holl – Eine Person der Wirklichkeit

Maria Holl wurde ca. 1549 in Altenstadt bei Geislingen an der Steige geboren und 1593 in Nördlingen als angebliche Hexe inhaftiert. Sie wurde insgesamt 62 mal gefoltert, bekannte sich aber stets zu Gott. Viele Bürger setzten sich für sie ein und am 11. Oktober 1594 wurde sie schließlich freigesprochen. Ihre Standhaftigkeit bewirkte ein Abklingen des Hexenwahns in Nördlingen.

Von Tobi Merk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57844106

Maria-Holl-Brunnen am Nördlinger Weinmarkt

Heinrich Kramer – Ein Mann der Realität

Heinrich Kramer (um 1430-1505) war ein Dominikanermönch, mächtiger Inquisitor und einer der bedeutendsten Wegbereiter der Hexenverfolgung. Mit dem “Hexenhammer”, latinisiert Malleus Maleficarum genannt, veröffentlichte er ein Werk mit unzähligen frauenfeindlichen, umgedeuteten oder gänzlich falschen Fakten, welche der Erkennung von Hexen dienen sollte und erklärte wie mit jenen weiter zu Verfahren sei. Mit der Absegnung und Veröffentlichung Kramers Text “Hexenbulle” erkennt die Kirche zum ersten Mal die Existenz der Hexerei an, legalisiert die Verfolgung und gibt den Inquisitoren damit ein mächtiges Instrument an die Hand.

Von Sprenger, Jakob – Verfügbar in der digitalen Bibliothek BEIC und hochgeladen in Partnerschaft., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50373089

Malleus Maleficarum (Edition aus 1669)

An diesem Punkt wird es interessant: Mias Bruder ist tot, weil er einem Verbrechen beschuldigt und scheinbar eindeutig überführt wurde. Warum?
Moritz soll eine Vergewaltigung mit anschließendem Mord begangen haben. In einer rationalen Welt wie in der der METHODE gibt es natürlich auch eindeutige, unwiderlegbare Beweise – die DNA des Spermas stimmt mit der Seinen überein. Trotzdem bestreitet Moritz bis zu Letzt seine Schuld. Dieser Umstand macht diesen Gerichtsprozess zu einem Presseskandal, denn “kein Mörder der jüngeren Rechtsgeschichte hatte sich jemals so verhalten.” Obwohl Mia als Biologin ebenfalls nur auf rationale Tatsachen vertraut, glaubt sie in ihrem Innern immer an Moritz’ Unschuld und verhilft ihm schließlich mit einer Angelschnur zum Selbstmord, um dem Einfrieren durch die METHODE zu entgehen. Ein System, welches sich auf die absolute Gesundheit des Menschen stützt, kann natürlich nicht die Todesstrafe als schwerste Strafe einsetzten, weswegen Schwerverbrechern stattdessen das Einfrieren auf unbestimmte Zeit und die damit unvermeidliche Erblindung droht. Der Gedanke dahinter ist, dass diese irgendwann in einer neuen Gesellschaft mit anderen Umständen, fern von alten Kontakten aufwachen und so ein neues, besseres Leben beginnen können. Allerdings erfährt man natürlich nie wie lang die unbestimmte Zeit ist, daher ist es auch gut möglich, dass die einmal Eingefrorenen nie wieder erwachen und die METHODE somit einen legitimen Weg gefunden hätte, die Todesstrafe doch zu integrieren.
Interessant bei Moritz’ Selbstmord ist die Tatsache, dass er sich mit einer Angelschnur aufhing. In einigen rückblendenden Kapiteln wird deutlich, dass er sehr gern in den Wald zum Angeln ging. Fern von all den Kunstblumen und Dauerdesinfektionen. Das Ende vom Fisch ist eines dieser Kapitel, in denen man erfährt wie Moritz und Mia oft zusammen im Wald waren und über ihre Grundsätze debattierten. Da Moritz ein Philosophie-Student war, sind diese Gespräche oft voller Metaphern und Vergleiche, was es meiner Meinung nach sehr interessant macht sie zu lesen. Im eben genannten Kapitel kommt es zur Thematisierung des Todes: “Um frei zu sein, darf man den Tod nicht als Gegenteil des Lebens begreifen. Oder ist das Ende einer Angelschnur das Gegenteil der Angelschnur?” so Moritz.

So bleibt die Frage bestehen, ob Moritz tatsächlich unschuldig war und auf dem Altar der Verblendung geopfert wurde oder ob er doch nicht so friedlich und harmlos war, wie er allen glauben machen wollte. Die Beweise sprechen gegen ihn und doch weigert sich die rationalistische Biologin Mia Holl an seine Schuld zu glauben. Die Klärung dieser Frage, war einer der beeindruckendsten Szenen, die ich je gelesen habe. Aus diesem Grund werde ich auch nichts vorweg nehmen, jeder sollte dieses Buch mindestens einmal selbst gelesen haben.

Ein weiterer sehr interessanter Prozess in diesem Buch ist die Entwicklung der Beziehung zwischen Kramer und Mia, dem Inquisitor und der Hexe. Bei jedem Schritt, den Mia in ihrem Wandel von der unentschlossenen Zaunreiterin, die einfach nur ihre Ruhe haben wollte, hin zu einer erbitterten Kämpferin für die Freiheit macht, ist Kramer in der Nähe, provoziert sie dazu eine Seite zu wählen und konfrontiert sie mit gleicher rhetorischer Geschicklichkeit mit den Funktionsweisen der vergangenen und der gegenwärtigen Welt, wie sie. Am Anfang scheint Kramer deutlich überlegen zu sein, er weiß wofür er kämpft und was er erreichen will, während Mia nur versucht mit ihrem Verlust umzugehen. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, umso mehr wird sich auch Mia ihrer Fähigkeiten bewusst und konfrontiert Kramer immer häufiger mit eigenen Kontroversen. Vom ersten Moment an verbindet diese beiden Figuren eine tiefe Hass-Liebe, die bis zum Ende beständig anhält. Ihre erste Begegnung ist wie eine Liebe auf den ersten Blick in einer sehr langen Szene beschrieben, was die Wichtigkeit und die Enge dieser Bindung nur noch deutlicher macht.

So umfangreich wie ich den Anfang des Buches beschrieben habe, so kurz will ich das Ende halten. Natürlich gibt es noch unzählige weitere Besonderheiten und philosophische Gedankenspiele, die man in jedem kleinen Gespräch findet, doch die alle zu besprechen würde den Anreiz nehmen das Buch tatsächlich selbst zu lesen. Man kann kein Buch beurteilen, wenn man das Ende nicht kennt. Auch bei diesem Buch ist das Ende eines der Schlüsselelemente, die es in sich schlüssig und passend zu der Welt die es behandelt macht. Für mich persönlich war das Ende zuerst genau das was ich erwartet habe, bis ich dann geschockt vor den letzten Zeilen saß und mich fragte, wie man ein so gutes Buch so enden lassen kann. Aber nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass dieses Ende das einzige war, was dem Wesen, dem Appell und der Geschichte des Buches gerecht werden konnte. Jedes andere Ende hätte wohl die Logik des Systems zerstört. Aus diesem Grund kann ich guten Gewissens sagen, dass dieses Buch ein rundum zufriedenstellendes und zum Nachdenken anregendes Werk ist, bei dem überraschende Wendungen nicht zu kurz kamen und sehr viele sprachliche Bilder sowie philosophische Denkansätze eingebaut wurden. Jede Sekunde, die ich mit diesem Buch verbracht habe, war eine Bereichernde.

Ich hoffe ihr werdet mindestens genauso viel aus Corpus Delicti mitnehmen und vielleicht über das ein oder andere nachdenken, was angesprochen wird und auf die heutige Welt bereits angewendet werden kann.

Viel Spaß beim Lesen,
Aly