Blog, Reviews

Blog Entry No. 43 – Maybe Not Tonight

Liebe Leser*innen,

eigentlich wollte ich diese Rezension schon längst veröffentlicht und in einer Podcast-Folge besprochen haben. Da aber einiges dazwischen kam, musste ich noch mal umplanen, deshalb jetzt die Review zu Maybe Not Tonight und wenn alles funktioniert, wie ich es mir im Moment vorstelle, dann werde ich auch im Oktober in einer Podcast-Folge noch einmal darüber reden.

Maybe Not Tonight ist der zweite Teil der Love is Queer Reihe von Alicia Zett. Der Roman der Frankfurterin erschien am 3. Mai 2021 im Droemer Knaur Verlag. Von NetGalley wurde mir die ungekürzte, 14 Stunden und 20 Minuten lange Ausgabe des Hörbuches im Austausch zu einer ehrlichen Rezension zur Verfügung gestellt. Dieses wurde von Oliver Kube und Oliver Erwin Schönfeld gesprochen, im Argon Verlag veröffentlicht und ihr findet es unter der ISBN 9783732455195.

Klappentext: Für den 19-Jährigen Luke fühlt sich die Zeit als Au pair in Vancouver an wie ein Traum: Jahrelang hat er sich nur darauf konzentriert, seinen Geschwistern den toten Vater zu ersetzen – jetzt, viele tausend Kilometer von Zuhause entfernt, scheint plötzlich alles möglich. Bei einem Theaterprojekt findet Luke schnell neue Freunde und lernt auch den Studenten Jackson kennen, der ihm zeigen könnte, was es bedeutet, wirklich lebendig zu sein. Doch Luke hat keine Ahnung, wie er mit seiner neuen Freiheit umgehen soll. Und in wenigen Monaten wird er in einem Flugzeug zurück nach Deutschland sitzen. Es wäre äußerst unklug, sich auf Jackson einzulassen – oder?

Da dies eines der wenigen Hörbücher ist, die ich rezensiere, direkt erst ein paar Worte zur Vertonung: Die Kapitel, die jeweils aus Lukes und Jacks Perspektive geschrieben wurden, wurden auch von verschiedenen Menschen gelesen. Das Hörbuch so zu gestalten war meiner Meinung nach eine großartige Entscheidung, da man dadurch Perspektivenwechsel deutlicher mitbekommt und außerdem mit den beiden Hauptpersonen unterschiedliche Stimmen verbindet, was das ganze Hörerlebnis etwas realistischer macht. Beide Sprecher hatten sehr angenehme Stimmen sodass man sich voll und ganz auf das Buch einlassen und an vielen Stellen nur so dahin schmelzen konnte. Mir persönlich ist besonders Billies (sollten Namen jetzt falsch geschrieben sein, seht es mir bitte nach, ich habe das Buch nicht als Textstück und somit auch keine sichere Kenntnis über die Schreibweise der Namen) wörtliche Rede noch sehr charakteristisch in Erinnerung geblieben.

Ich mochte sehr, wie sich die Personen in Maybe not Tonight entwickelt haben und wie ausgearbeitet die Nebencharaktere waren, besonders Jacks Schwester ist mir sehr ans Herz gewachsen. Obwohl vieles sehr vorhersehbar war (womit ehrlicherweise aber oft rechne, wenn ich Bücher diesen Genres lese) und es im Grunde auch nur eine weitere Liebesgeschichte ist, ist Lukes und Jacksons Geschichte wirklich süß und hat mir mehrfach ein Lächeln auf die Lippen gebracht.

Trotzdem gab es einige kritische Aspekte, über die dringend gesprochen werden muss: Zum einen gab es unzählige Harry Potter Bezüge. Ich möchte nicht behaupten, dass es schlecht wäre Harry Potter Fan zu sein, doch es sollte eindeutig sensibler damit umgegangen werden, welche Bühne man J. K. Rowling damit gibt. Die Harry Potter Bücher sind zweifelsohne schon weltberühmt und es gibt wahrscheinlich kaum jemanden der noch nie zumindest davon gehört hat, dennoch sind solche Erwähnungen in anderen Büchern ein weiterer Multiplikator der Bekanntheit, was wiederum auch besagter Autorin zu gute kommt. Meiner Meinung nach gab es eindeutig zu viele Bezüge auf die Fantasy-Reihe, vor allem dafür, dass der Roman einen Teil der LGBTQIA+ Community repräsentiert. Einer Autorin, die sich der Art trans* feindlich äußert, sollte nicht noch mehr positive Aufmerksamkeit zuteil werden.

Außerdem ist Maybe Not Tonight der zweite Teil einer Reihe. Ich habe den ersten Teil nicht gelesen und bin aber trotzdem sehr gut in der Geschichte rein gekommen, kann den Roman also auch all denjenigen empfehlen, die Not Your Type noch nicht kennen. Beim Lesen einiger Rezensionen bin ich aber auf eine Information gestoßen, die ich für den zweiten Teil doch sehr relevant finde: Jackson ist offenbar bisexuell (sollte ich falsche Informationen aus den anderen Rezensionen erhalten haben, kommentiert gern, wenn ihr Not Your Type gelesen habt und es besser wisst), was an sich erst einmal wenig relevant erscheint, da es ja in dieser Geschichte darum geht, dass er sich in Luke verliebt, unabhängig davon ob und wie er sich labelt. Problematisch finde ich nur den Umstand, dass er besonders am Anfang als Player porträtiert wird, der Luke das Herz brechen werde, weil er unzuverlässig sei und lieber feiere und flirte. Wenn man nun die Information aus Band 1 im Kopf hat – Jackson als bisexueller Charakter – und in Band 2 vermittelt bekommt, dass das Unrealistische an der möglichen Beziehung die Beziehungsfähigkeit Jacksons ist (und die Tatsache, dass Luke in einigen Monaten wieder nach Deutschland fliegt, wodurch sie eine Fernbeziehung über den Atlantik hinweg erhalten müssten), wird eines der typischsten Vorurteile gegenüber von bisexuellen Menschen reproduziert und ein Stückchen weiter in das Unterbewusstsein der Leser getragen: Sie würden in einer Beziehung betrügen, weil sie ja an mehreren Geschlechtern interessiert seien. Das ist natürlich Bullshit, denn ob man den Partner betrügt oder nicht hängt von der moralischen Einstellung und nicht von der Sexualität ab. So, dafür dass mein Wissen, auf dem dieser Kritikpunkt basiert, eher weniger fundiert ist (ich bin gern bereit Not Your Type zu lesen sobald ich an eine Ausgabe komme, um das zu ändern) und das auch ein vergleichsweise kleiner Aspekt des Buches ist, ist dieser Absatz doch recht lang geworden. Vielleicht wird einige nerven, weil ich scheinbar “aus einer Mücke einen Elefanten mache”, aber Fakt ist, dass solche scheinbar irrelevanten, reproduzierten Vorurteile dazu beitragen, dass Menschen in unserer Gesellschaft nicht so akzeptiert und unterstützt werden, wie sie sind. Medien beeinflussen unser unbewusstes Denken mehr, als wir es wahrhaben wollen. Deshalb ist es wichtig auch über die kleinen, unschönen Details von Büchern zu reden.

Außerdem gab es eine Stelle im Buch, über die ich mich im ersten Moment riesig gefreut habe, die mich aber im Nachhinein nur sehr aufregt und nervt: Bei ca. 72% des Buches sagt Tayler: “Wenn ich an Sex denke, denke ich nur daran, wie viele Bücher ich in der Zeit lesen könnte.” Darauf reagiert wird in nur drei Sätzen und diese nicht einmal in wörtlicher Rede, sondern gewissermaßen in Lukes Gedanken, da die Situation aus seiner Perspektive geschildert wird. Gut ist, dass die Aussage, bzw. ihr outing positiv mit einer Solange-sie-damit-glücklich-ist-bin-ich-es-auch-Haltung aufgenommen wird. Allerdings wird dabei so unglaublich viel Potential für akkurate Repräsentation verschenkt, dass es mich einfach sauer macht. In einer Buch-Reihe mit dem Titel Love is Queer wird die einzige Ace-Repräsentation (die sowieso schon generell viel zu selten umgesetzt wird) am Rande erwähnt und dann mit drei Sätzen abgetan, als wäre nichts weiter passiert?! Warum reagiert niemand auf Taylers Outing? Warum wird die Thematik nicht an einer anderen Stelle noch mal aufgegriffen? Warum wird so viel Wert auf das Outing von Alex gelegt und Taylers wird gefühlt überhaupt nicht wahrgenommen. Auch Ace Menschen müssen mit dem unangenehmen Gefühl eines Outings umgehen und sich oft noch mehr unsensible Kommentare anhören als andere Teile der Community. Dies ist hier zwar zum Glück nicht der Fall, aber als gutes Vorbild sollte diese Art der Reaktion trotzdem auf keinen Fall dienen.

+++Achtung Spoiler!+++

Der letzte Aspekt, der mich ziemlich genervt hat, war wie unfassbar spät Jackson einfiel, dass auch in Deutschland zu studieren eine Option wäre. Nicht nur, dass er schon sehr lange vorher weiß, wann Luke wieder nach Deutschland muss und dementsprechend eigentlich wirklich viel Zeit hatte über die Möglichkeiten für ihre Beziehung nachzudenken, nein, nach drei Monaten schmerzhafter Fernbeziehung, muss ihm von seiner Schwester gesagt werden, dass er auch in Deutschland studieren könnte, was mehrere Vorteile mit sich bringen würde.

+++ Spoiler Ende +++

Alles in allem ist Maybe Not Tonight eine süße Romanze mit liebenswerten Nebencharakteren, die man sich gut zwischendurch anhören kann. Jedoch merkt man stark, dass das Buch für eine weibliche cis hetero Leserschaft geschrieben wurde. Wenn man es liest, sollte man es für die Liebesgeschichte lesen und nicht für einen spannenden Plot oder die queere Repräsentation, denn diesbezüglich wird man leider stark enttäuscht. Mehr als 2,5 Sterne kann ich leider nicht vergeben.

Liebe Grüße,
Aly

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Blog Entry No. 42 – Gänseblümchen

Liebe Leser:innen,

es ist soweit, der Herbst hat begonnen und mit ihm auch eine neue Saison Rezensionen für die gemütliche Zeit des Jahres. Was gibt es besseres als Regenwetter, eine kuschlige Decke, ein Heißgetränk (meine persönlichen Favoriten: Chai Latte, Kakao und schwarzer Tee) und ein gutes Buch?
Starten werde ich direkt mit einem 5-Sterne Buch. Obwohl es im Herbst und Winter spielt, also perfekt passt, hat es mir eher ein Sommer-Gefühl vermittelt, was denk ich ganz gut zum September passt, denn noch hat das Regenwetter nicht wirklich angefangen.

Gänseblümchen – eine sehr queere Geschichte wurde von Elias Finley geschrieben und am 25. Juli diesen Jahres im Queer Pack Verlag veröffentlicht. Ihr findet es unter der ISBN 9783982202747 als Taschenbuch und ebook. Mir wurde es von NetGalley als ebook im Austausch gegen eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

Bevor ich zum Inhalt komme, kurz ein paar Worte zum Cover: So gut mir das Buch inhaltlich auch gefällt, mit dem Cover kann ich mich nur mäßig gut anfreunden. Es ist super bunt, was an sich gut zum sehr queeren Inhalt passt, jedoch wirkt es stark überladen. Durch die vielen verschiedenen, im Ton sehr kräftig leuchtenden Blumen fällt im ersten Moment gar nicht auf, dass auch die Schrift etwas viel ist. Auf den zweiten Blick fallen die drei verschiedenen Schriftarten in unterschiedlichen Größen und zum Teil verschiedenen Ausrichtungen dann aber doch auf. Positiv zu bemerken ist aber, wie gut sich das Verlagslogo einfügt.

Die Handlung wird aus Ricks Perspektive wiedergegeben, Rick der gerade 19 geworden ist, zur Schule geht und nebenbei im Baumarkt arbeitet, Rick, der Blumen, Rosa und Harmonie mag, von seinen Mitschüler:innen als schwul bezeichnet wird, obwohl er sich nicht sonderlich schwul fühlt und der in Gegenwart der beliebten Auri vor lauter Herzklopfen kein Wort über die Lippen bekommt. Mit Beginn des neuen Schuljahres kommt Bo neu in den Jahrgang und er scheint es auf Rick abgesehen zu haben. Nicht nur dass er ihn beklaut und provoziert, wo er nur kann, ausgerechnet Bo scheint auch einen besonderen Draht zu Auri zu haben. Doch als Rick Bo näher kennenlernt, beginnen sich die Ereignisse zu jagen.

Gänseblümchen ist sehr gut verständlich und vor allem nah am Hauptcharakter geschrieben. Der Schreibstil vermittelt das Gefühl, alles tatsächlich aus Ricks Gedanken heraus mit zu erleben, dadurch liest es sich zum einen sehr schnell und zum andern auch sehr emotional. Besonders gut finde ich außerdem, dass es eine sehr detaillierte Liste mit potentiellen Triggern gibt, durchgängig inklusive * gegendert wird und dass im Vorwort auf die Verwendung der Pronomen sier/sien eingegangen wird, denn genau diese Art der Kommunikation ermöglicht mehr Sensibilisierung für den respektvollen Umgang mit non-binären Menschen und Verständnis für den notwendigen Sprachwandel für mehr Repräsentation, dessen Notwendigkeit viele Menschen leider noch nicht sehen. Generell muss ich aber auch einfach sagen, dass das Buch schon allein durch die enorme Menge an queerer Repräsentation (vor allem der Teile der Community, die sonst leider viel zu oft übersehen werden) einen riesigen Pluspunkt bei mir hat.

Die Entwicklung des Plots hat mich schlicht umgehauen. Durch die Liste potentieller Trigger wurde zwar schon deutlich, dass viel passiert, aber es gab so viele Wendungen, mit denen ich nicht gerechnet hätte, dass es bis zum Epilog spannend und überraschend blieb. Bezeichnend hierfür ist mein Kommentar bei goodreads, als ich gerade 93% des Buches gelesen hatte: “Es sind noch 7% zu lesen und ich habe das ungute Gefühl, dass mir dieses Buch das Herz brechen wird. Ich hab so Angst um Bo. Er hat sich wie der letzte Arsch verhalten, aber er ist mir wirklich ans Herz gewachsen und ich habe irgendwie doch sehr Angst vor dem Ende des Buches.”

Letztlich kann ich vor allem eins sagen: Wow. Nur wenige Bücher schaffen es, mich mit allen Emotionen abzuholen, Charaktere zu schaffen, die absolut glaubwürdig und real geschrieben sind, und dabei noch wichtige politisch-moralische Botschaften zu vermitteln. Ich habe mindestens genauso oft gelacht (ja, auch laut, sehr zur Verwirrung der Menschen um mich herum) und mich für die beschriebenen Personen gefreut wie ich auch sauer auf Rick und Bo war und mitgelitten habe, wenn die Handlung unschöne Wendungen nahm. Die beschriebene Freundschaft zwischen Rick und Vhyn ist einfach großartig (ich würde die beiden so gern mal in der Realität treffen) und die Charakterentwicklung (die ich mir für Rick noch etwas mehr gewünscht hätte) von Bo ist der Wahnsinn. Es ist so schön zu lesen, wie Vhyn und Auri über sich hinauswachsen und mit allem Mut, den es dafür leider manchmal braucht, zu sich selbst stehen. Aber nicht zuletzt sind auch die Nebencharaktere einfach cool, ich brauche bitte mehr Personen wie Ricks Großeltern in meinen Büchern! 😀
5 von 5 absolut verdiente Sterne für diesen wunderbaren, queeren Young-Adult Roman, dessen Cover und Inhalt genauso unperfekt, bunt und liebenswert sind, wie das Leben.

Alles Liebe,
Aly

PS: Das Buch hat mir mein Herz übrigens nicht gebrochen, manchmal ist es unglaublich gut, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, denn dann kann man positiv überrascht werden, was hier eindeutig der Fall war.

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Blog Entry No. 41 – Regrettez pas. Soutenez vous.

Es war einmal. Fangen so nicht alle guten Geschichten an? Es war einmal eine Party. Eine Party auf der ich viel zu lang mit unbedeutenden Menschen getanzt habe, bis ich sie zum ersten mal sah. Mein Blick schwiff durch die Menge, aus Neugier, aus Hoffnung. Unsere Blicke trafen sich. Einmal, zweimal. Ich sah immer wieder weg, weil ich nicht starren wollte, doch wir sahen uns immer wieder an. Sie war so wunderschön. Ihre blonden, offenen Haare, wild im Takt der Musik. Ihre dunklen Augen, im bunten, flackernden Licht so dunkel wie ihr bauchfreies Top. Sie war wunderschön, attraktiv und anziehend. Und mit jedem Lied kam sie ein Stück näher. Bald tanzten wir nebeneinander, sprangen im Takt zur Musik, bewegten unsere Körper zur Melodie. Da lehnte sie sich zu mir. Plötzlich standen wir so dicht voreinander, dass ich meine Hand nur ein Stück heben musste, um sie an ihre Taille zu legen. Und sie sagte dicht neben meinem Ohr: “Du bist süß.” Es entstand das wohl peinlichste und zugleich beste Missverständnis, das nur hätte passieren können. Ich verstand “Findest du mich süß?” Und antwortete prompt: “Ja, definitiv!” Wir unterhielten uns, lachten, stellten uns vor. Meine Hand leicht an ihrer Taille, ihre an meiner Schulter. Unsere Lippen dicht neben dem Ohr des jeweils anderen. Es war perfekt. Perfekt bis wir zwei Informationen austauschten. Unser Alter und unsere Heimatstadt. Ich wünschte, es hätte mich weniger verunsichert, ich wünschte, ich hätte trotzdem einfach weiter nah bei ihr tanzen können, ohne sofort alles kaputt zu denken. Doch zu meiner Überraschung blieb sie. Wir tanzten, wir sangen lautstark die Lieder mit, wir unterhielten uns halb schreiend über die Musik und die Entfernung des Tanzens hinweg. Ich sähe aus wie eine Sängerin, deren Namen ich leider nicht kenne. Wir flirteten, machten uns Komplimente. Tanzten mal enger, mal distanzierter, mal lasziv, mal wild springend. Lebten im Moment. Bis mein bester Freund mich auf die Uhrzeit, auf das Ende des Abends, auf den Abschied hinwies. Ich wollte diese Nacht würde nicht enden. Doch auch in den hoffnungslos romantisch erzählten Geschichten bleibt die Zeit niemals wirklich stehen. “Wir müssen los, müssen leider Bus fahren.” “Habt noch einen schönen Abend!” Es bricht mir das Herz, ohne den Mut zu gehen, den es gebraucht hätte, sie nach einem Kuss oder ihrer Nummer zu fragen. Oder beidem. Es bricht mir das Herz, zu wissen, dass ich sie wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Es bricht mir das Herz, mich zu fragen, was hätte sein können.

Doch mein Lieblingsfilm brachte mir einst bei: “Regrettez pas. Soutenez vous.”1

Und so bleibt dies eine Kurzgeschichte, eine Begegnung, konserviert als Erinnerung. Nicht mehr und nicht weniger.2

1Bedauern Sie nicht. Erinnern Sie sich.
2 Dieser Blogbeitrag stellt eine fiktive Geschichte auf Basis von realen Begebenheiten dar.

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Blog Entry No. 40 – Der Sommer des Lebens? Sammelpost meiner Gedanken

Liebe Leute,

man hat in den letzten Wochen im Grunde nichts von mir gehört und das obwohl ich so viel angekündigt hatte. Schon der Podcast und meine Leseliste bieten eigentlich genug Stoff für Beiträge jeden zweiten Tag und ich habe auch immer noch das angefangene Tonmaterial für meine zweite Podcast-Folge “herumliegen”, das ich aber wahrscheinlich nicht mal nutzen werde, weil alles doch irgendwie anders kam. Ich habe auch immer noch total viel vor, seid euch dessen gewiss, jedoch schaffe ich es noch nicht so ganz mich an meine eigenen Pläne zu halten, aber wer kann das schon? Das Leben passiert ja nebenbei auch noch manchmal. Jedenfalls wird das hier ein Blogbeitrag, in dem ich mir einfach mal wieder alles von der Seele schreiben werde, was mich in den letzten Wochen beschäftigt hat und vielleicht konkretisieren sich ja im Schreibprozess schon einige Vorhaben, mal sehen was dabei heraus kommt. Viel Spaß beim Lesen meiner Gedanken und Erlebnisse des Sommers ’21. ^^

Meinen letzten Beitrag lud ich am 3. Juli hoch und das letzte Lebenszeichen auf Instagram gab ich am 14. Juli zur Non-binary awareness week von mir, das ist nun schon weit über einen Monat her und ich muss sagen, ich habe die ungeplante und unangekündigte (so offiziell bin ich ja auch noch nicht) Sommerpause mehr als genossen und gebraucht. Außerdem war sie für eine Pause ziemlich stressig, aber auf gute Art und Weise.

In Filmen, Büchern und Serien wird der Sommer nach dem Abschluss immer als das große Erlebnis, bzw. die großartigste Zeit dargestellt. Man hat Spaß mit Freunden, erlebt Abenteuer und verliebt sich, dann passiert etwas dramatisches und am Ende gehen trotzdem alle mit Happy End und einem Lächeln im Gesicht ins College (oder was auch immer). Dieses Bild von Sommer setzt natürlich Erwartungen und Maßstäbe (gesagt sei natürlich, dass es absolut ungesund ist, sich an diesen messen und vergleichen zu wollen) und ich muss ehrlich sagen, in der ersten Hälfte meines Sommers hatte ich das Gefühl, dass diese Zeit nicht besonders gut in meiner Erinnerung bleiben würde. Nach dem Abitur, für das sich jede Anstrengung, jede schlaflose Nacht, weil man doch zu spät mit dem Lernen angefangen hat und jeder Nervenzusammenbruch (vielen Dank an all die Menschen, die diese Zeit trotzdem zu einer schönen Erinnerung haben werden lassen) aus verschiedensten Gründen absolut gelohnt hat, hatte ich mich wirklich sehr auf eine Pause gefreut. Etwas mehr Zeit für Freunde, Bücher und gute Erinnerungen. Nur sah die Realität leider etwas anders aus; da ich in einem kleinen Dorf lebe (die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz ist hier doch eher mäßig gut) und mein Freundeskreis verteilt im ganzen Land lebt, gab es wenige Möglichkeiten für spontane Treffen, Ausflüge und Erinnerungen. Stattdessen war mein Terminplan plötzlich vollgepackt mit immer aufgeschobenen Arzt-Terminen, Fahrschule, Auswahlverfahren, Wohnungssuche, Infoveranstaltungen und meinem Ferien-Job. Denn “jetzt hatte ich ja Zeit für sowas”, weil ich kein Abi mehr zu schreiben hatte. Zu dem Zeitpunkt, als meine Internetpräsenz also noch dünner wurde, als sie eh schon ist, dachte ich im wesentlichen, dass ich mich rückblickend wahrscheinlich nur an den Stress erinnern werde. Jetzt, fast zwei Monate später, denke ich zwar nicht mehr zuerst an den Stress, aber auch nicht wirklich an eine schöne Zeit. Denn zu den sich nur nach Arbeit anfühlenden Terminen kam noch hinzu, dass ich eine Trennung verarbeitete und mich mit einem guten Freund immer weiter zerstritt (im Nachhinein eine eher überdramatisierte und kindische Auseinandersetzung, aber nun nicht mehr zu ändern, auch schlechte Erfahrungen gehören zum Leben und gelernt habe ich daraus einiges). Aaaaber nach diesen ersten eineinhalb Monaten Nach-Abitur-Sommer, einer Party zum Feiern des Abschlusses, einigen angefangenen Büchern und einem genialen Tanz im Sommerregen, begann dann die noch viel bessere Zeit, die man wohl am ehesten als Urlaub bezeichnen kann: Drei Wochen nicht Zuhause, sondern in der Welt, im Zug und in guter Gesellschaft.

Zu der ersten Woche ist nicht besonders viel zu sagen. Eine Woche Abifahrt auf Usedom mit meinen besten Freunden, mit denen ich bereits die letzten vier Jahre zusammen auf einem Campus wohnen durfte. Unsere letzte Woche, die wir alle zusammen bei bestem Wetter und reichlich Spaß genießen durften, bevor wir uns alle wer weiß wie lang nicht wieder sehen. Diese Zeit war der Wahnsinn, sie war voller Erlebnisse und Geschichten, die wir mit etwas Glück vielleicht noch unseren Enkeln erzählen werden. Nach einem Wochenende Zwischenstopp für einen Schulanfang, bei dem mein Bruder und ich wahrscheinlich mehr über einander gelernt haben als je zuvor und mir zwangsläufig bewusst wurde, dass man sich seine Familie zwar nicht immer aussuchen kann (nicht immer, weil ich der Meinung bin, dass auch wirklich gute Freunde irgendwann zur Familie werden), diese Menschen aber trotz aller Schwierigkeiten, die manchmal eben dazu gehören, immer da sind, wenn man sie braucht. In der Woche danach habe ich zweifelsohne viel für’s Leben gelernt: Nach zwei Nächten in Kiel, einer Nacht auf einem Campingplatz süd-westlich von Hamburg, einer Nacht bei Stralsund und zwei weiteren auf Rügen mit Sicht auf Stralsund, um dann am Ende noch 40 Minuten in Greifswald und 45 Minuten in Berlin mit einer Freundin, die ich seit mehr als zwei ein halb Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu verbringen. Ich habe viel gesehen, obwohl wir für fast alle Sehenswürdigkeiten nicht früh genug geplant hatten (Pandemiebedingungen und ein wahrscheinlich immer mehrere Tage im Voraus ausgebuchtes Ozeaneum) und ich kann nun sagen, dass das Reisen mit der Bahn und Campingausrüstung zwar anstrengend, aber absolut lohnenswert ist, besonders wenn man das Glück hat mit einem wirklich guten Freund zu reisen. Ich danke dir Hefti Boy.

Aber wirklich spannend und inspirierend war die dritte Woche meiner Sommerreisen, die verbrachte ich bei der Sommerakademie in Görlitz mit Menschen, die ich zuvor nie getroffen hatte, von denen ich aber unfassbar viel gelernt habe. Organisiert wurde die Woche von der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt und dem Bistum Limburg (in Zusammenarbeit mit anderen Akademien und Stiftungen), wodurch der Fokus nicht nur auf der Thematik von Freiheit, Widerstand und Menschenwürde lag, sondern an vielen Punkten die Perspektive der Katholiken eingenommen wurde, welche ich bisher noch gar nicht kannte, da ich nicht religiös aufgewachsen bin und mich daher mit Religion im allgemeinen eher weniger beschäftigt habe. Weniges hat mich in den letzten Monaten so sehr inspiriert und zum Nachdenken gebracht wie die Gespräche mit den anderen Teilnehmern, die Geschichten der Zeitzeugen (besonders die Erzählungen von Aliaksei Paluyan, ein Künstler aus Belarus, seinen Dokumentarfilm “Courage” kann man im Moment in einigen Kinos in Deutschland sehen und ich kann Euch nur so eindringlich wie mir nur irgendwie möglich sagen, bitte, bitte schaut ihn Euch an! Belarus ist nicht weit entfernt und die Lage ist mehr als erschreckend. Bitte informiert Euch, lasst betroffene Menschen zu Wort kommen und ignoriert die Thematik nicht einfach!) und aber auch die morgendlichen religiösen Impulse, gekrönt von der ersten Messe, die ich bisher besucht habe. Eine meiner Aussagen am letzten Abend bringt es ganz gut auf den Punkt: “Es gibt vieles im christlichen Glauben mit dem ich nicht übereinstimme, aber ich kann nicht mehr von mir selbst behaupten, nicht religiös zu sein.” Denn die Parallelen zwischen meiner Weltansicht und dem Konzept und der Auslebung der Religion existieren. Besonders für eine Unterhaltung bin ich sehr dankbar: In dieser ging es unter anderem um das, was auch immer vor dem Urknall gewesen sein muss und die Tatsache, dass die Unendlichkeit so unvorstellbar ist, dass sie zu etwas Heiligem wird. Interessant hierbei finde ich auch die Aussage eines anderen Menschen, welcher meinte, die Unendlichkeit und die Ewigkeit seien nicht identisch. Meiner Meinung nach ist dieser Gedanke schlicht faszinierend. Die Thematik ist einen eigenen Blogbeitrag wert und mal schauen, ob ich diesen vielleicht tatsächlich irgendwann noch schreibe, aber bis dahin zur weiteren Inspiration und zum Nachdenken um die ungelöste Frage der Herkunft unserer Existenz hier ein paar Verse aus “Sockosophie” von Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi: “Noch mal zurück zum Universum und zum Leben: Genau genommen dürfte es das alles gar nicht geben (Warum?) Naja, woher soll es denn kommen? (Aus dem Nichts!) Hey, wir haben gesagt genau genommen! Und genau genommen kann aus Nichts nichts entstehen […] Variante Zwei ist für mich auch nicht zu verstehen. Sie lautet irgendwas hat schon immer existiert (Schon immer? Ich glaub ich hab’s noch immer nicht kapiert.) Es war nie nichts vorhanden, es ist immer was passiert”

Fakt ist aber, dass ich in dieser einen Woche großartige Menschen kennengelernt habe, sehr viel über mich selbst, die Welt und einige politische u. gesellschaftliche Zusammenhänge gelernt habe und geniale Erinnerungen geschaffen wurden. Ich hoffe die Floskel “man sieht sich immer (mindestens) zweimal im Leben” ist wahr.

Nun, das, meine Arbeit im Pflegeheim, wo ich gestern leider meinen letzten Arbeitstag hatte, und die Tatsache, dass ich auch nur ein Mensch bin und dieser Blog nach wie vor nur ein Hobby ist, bedingt dass es auch Zeiten wie den letzten Monat gibt, in denen man rein gar nichts von mir hört. Ich kann Euch aber sagen, dass es nicht so bleibt. Am 7. September beispielsweise besuche ich eine Lesung von Lukas Rietzschel in Leipzig (Anmeldungen sind hier noch möglich) und meinen Podcast werde ich zwar wahrscheinlich noch mal etwas umstrukturieren, aber er ist definitiv in Arbeit. Auch die Rezensionen zu “Gänseblümchen”, “Ich rette die Wet, aber erst mal eine rauchen” und “Maybe Not Tonight” werden noch geschrieben und die Bücher, die ich im Moment lese, sind ebenfalls vielversprechend und spannend, allerdings könnt Ihr diesbezüglich auch einfach bei Goodreads vorbeischauen 😉

So, genug über mein Leben geredet, Ihr seid ja vermutlich sowieso eher für die Buchrezensionen hier. Bald gibt es wieder neue Empfehlungen und bis dahin, genießt den restlichen Sommer, ich werde es auf jeden Fall tun, denn mein FSJler-Leben in Dresden beginnt erst im Oktober, sodass ich mir noch den ganzen September mit anstrengenden und spaßigen Terminen vollpacken kann 😀

Viel Spaß, liebe Grüße und schaut euch “Courage” an!
Aly

PS: Ein weiterer Punkt über den ich in letzter Zeit oft nachgedacht habe, ist die Verwendung meines Pseudonyms. Denn mittlerweile hätte ich deutlich weniger Hemmungen meine Texte und meine Meinung auch unter meinem tatsächlichen Namen zu veröffentlichen und vielleicht wäre das auch authentischer. Allerdings sind gerade meine weniger meinungsbasierten Texte ja doch auch eine Form von Kunst für die ein Künstlername durchaus gerechtfertigt ist. Der Name ist einfach auch ein riesiger Bestandteil solcher Projekte, weshalb ich nichts überstürzen will. Nun gut, ich werde wahrscheinlich noch einiges an Zeit in diese Überlegungen stecken. 🙂

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Blog Entry No. 39 – Pictures of You

Liebe Leser:innen,

die Mittsommernacht und der Pride Month sind vergangen (ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht), aber ein großer Teil des Sommers liegt noch vor uns. In Vorfreude auf den CSD, der in meiner Nähe erst im September stattfindet, und mit dem Versprechen, dass ich in Zukunft noch etwas häufiger über queere Bücher schreiben werde, hier nun die Rezension zu Pictures of You von Tina Winter.

Cover des Buches: https://www.ullstein-buchverlage.de/uploads/tx_publisher/cover
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Das ebook dieses Romans wurde mir von NetGalley im Austausch einer unabhängigen, ehrlichen Rezension zur Verfügung gestellt. Pictures Of You, geschrieben von der deutschen Autorin Tina Winter, erschien am 5. April 2021 in dem Verlag Forever by Ullstein. Ihr findet es unter der ISBN 9783958186262.
Ich persönlich finde das Cover total gelungen, auch wenn es nicht zu den Top-Cover-Favoriten in meinem Regal zählt. Der Titel sticht als das einzige, farblich nicht harmonisch passende Element hervor und der Hintergrund ist einfach durch und durch schön. Mir gefällt, dass die Kamera im Vordergrund steht und die beiden Hauptcharaktere einen nicht gleich anspringen, denn normalerweise bin ich kein Fan von realen Menschen auf Covern, vor allem bei Büchern der Genres Romantik, New Adult, Erotik etc. Irritierend finde ich es oft, wenn der Titel in einer anderen Sprache als der Originaltext ist, so wie hier (oder bspw. englische Titel zu anderen englischen Titeln bei der anderssprachigen Ausgabe “übersetzt” werden). Ebenfalls anmerken möchte ich noch, speziell auf Netgalley.de bezogen, dass ich es nicht gut finde, Bücher in Kategorien wie “Frauenunterhaltung” einzuteilen. Natürlich muss man das Angebot irgendwie sortieren, schon um es der Zielgruppe leichter zugänglich zu machen, jedoch bin ich der Meinung, dass sich dafür durchaus weniger sexistische Kategorien finden lassen.

Aber nun zum Inhalt: Die Geschichte wird aus Jays Perspektive erzählt. Der junge BWL-Student studiert nur deshalb BWL, um dem Willen seines Vaters zu folgen und in das Familienunternehmen einzusteigen. Seine Freizeit gestaltet er dagegen hauptsächlich mit Fotografie und One-Night-Stands, mit keinem Mann schläft er mehr als einmal. Seine Familie hat keine Ahnung von Jays wirklichen Interessen und Alles würde nach Plan verlaufen, hätte er nicht den verschlossenen, neuen Bibliothekar Konstantin kennengelernt, der Jay nicht mehr aus dem Kopf geht.

In Pictures of You beschreibt Tina Winter eine wirklich schöne, romantische Geschichte, durch deren Seiten man nur so fliegt. Einmal angefangen ist das Buch schwer aus der Hand zu legen, da zum einen der Schreibstil absolut angenehm ist und zum anderen auch die Handlung immer die richtige Balance zwischen fesselnder Spannung mit offenen Fragen und Romantik zum Dahinschmelzen fand. Beeindruckend ist Jays Entwicklung. Während die meisten Nebencharaktere nur selten mit Details und Entwicklung versehen wurden und ich mir auch bei Konstantin gern noch mehr Tiefe gewünscht hätte, wurde im Gegensatz dazu Jays Gefühls- und Gedankenwelt genial beschrieben. Er wächst mit jeder Herausforderung, macht Fehler und lernt dazu, aber vor allem findet er im Laufe des Romans immer mehr zu sich selbst und das “miterleben” zu können ist einfach wundervoll.
Mein absoluter Lieblingsnebencharakter ist die Mitbewohnerin der Hauptperson: die rothaarige Jurastudentin und Bloggerin Maren. Getoppt wird das ganze nur noch von der Szene als Maren und Jay gemeinsam Suits (eine meiner Lieblingsserien) schauen und sie sich darüber beschwert, ständig mit Donna verglichen zu werden. Obwohl ich sagen muss, dass ich mir immer noch nicht ganz sicher bin, ob die im Buch beschriebenen Szenen der Serie nicht doch ein paar Spoiler enthalten haben.

Alles in Allem ist Pictures Of You ein wirklich schöner, romantischer Roman mit LGBTQIA+ Repräsentation und expliziten sexuellen Schilderungen.
Thematisiert wird dieses Buch auch in meiner neuen Podcastfolge: Folge 2 – Bücher mit LGBTQIA+ Repräsentation.

Ich wünsche Euch noch ein wundervolles Wochenende,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 38 – Kim Jiyoung, geboren 1982

Liebe Leser:innen,

obwohl die Thematik in diesem Buch immer wieder schockierend und unglaublich wichtig ist, wird das eine eher kurze Review. In diesem 37. Blog Eintrag soll es um “Kim Jiyoung, geboren 1982” gehen, ein Buch der koreanischen Autorin Nam-Joo Cho, das den extremen Sexismus, den der Hauptcharakter erdulden muss, scharf auf den Punkt bringt.
Die deutsche Übersetzung wurde am 11. Februar 2021 veröffentlicht und Ihr findet sie unter der ISBN 9783462053289. Mein Exemplar wurde mir von NetGalley.de im Austausch für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.

Cover des Buches, Bild von: https://rdw.hgvcdn.de/
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“In einer kleinen Wohnung am Rande der Metropole Seoul lebt Kim Jiyoung. Die Mittdreißigerin hat erst kürzlich ihren Job aufgegeben, um sich um ihr Baby zu kümmern – wie es von koreanischen Frauen erwartet wird. Doch schon bald zeigt sie seltsame Symptome: Jiyoungs Persönlichkeit scheint sich aufzuspalten, denn die schlüpft in die Rollen ihr bekannter Frauen. Als die Psychose sich verschlimmert, schickt sie ihr unglücklicher Ehemann zu einem Psychiater. Nüchtern erzählt eben dieser Psychiater Jiyoungs Leben nach, ein Leben bestimmt von Frustration und Unterwerfung. Ihr Verhalten wird stets von den männlichen Figuren um sie herum überwacht – von Grundschullehrern, die strenge Uniformen für Mädchen durchsetzen; von Arbeitskollegen, die eine versteckte Kamera in der Damentoilette installieren und die Fotos ins Internet stellen. In den Augen ihres Vaters ist es Jiyoung’s Schuld, dass Männer sie spät in der Nacht belästigen; in den Augen ihres Mannes ist es Jiyoung’s Pflicht, ihre Karriere aufzugeben, um sich um ihn und ihr Kind zu kümmern.” [Kurzbeschreibung zitiert von NetGalley.de]

In “Kim Jiyoung, geboren 1982” wird treffend die unschöne Realität des starken Sexismus in Südkorea dargestellt und informativ mit Statistiken belegt. Die Thematik des Buches ist zweifelsohne extrem wichtig und stilistisch sehr gut verpackt. Mehrfach haben mich Situationen, Handlungen oder Äußerungen der Personen Frauen gegenüber sprachlos gemacht. Aber auch die Einstellung vieler Frauen selbst war schockierend. Die Lebensgeschichte Kim Jiyoungs wurde nüchtern und fast schon trocken beschrieben, was sehr gut zu dem Rahmen passt, dass die Geschichte von ihrem Psychiater erzählt wird. Dennoch ist es mir dadurch schwer gefallen, das Buch wirklich gern zu lesen, es konnte mich nicht fesseln, hat mich nicht in den Bann des Geschehens gezogen. Insgesamt ist “Kim Jiyoung, geboren 1982” von Nam-Joo Cho ein wirklich gutes und authentisches Buch, das man mal gelesen haben sollte.

Die nächsten Rezensionen werden wieder länger, bis dahin wünsche ich Euch eine wunderbare Zeit,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 37 – Über Menschen

Liebe Leser:innen,

ich habe selten ein Buch so sehr verschlungen und in mich aufgesogen wie Juli Zehs Über Menschen. Ich habe gelacht, geweint und mich aufgeregt. Ich habe auf ein Wunder gehofft. Ein Wunder für den Dorf-Nazi. Ich wurde noch nie so subtil und eindringlich davon überzeugt, dass die Welt zu komplex für einfache Betrachtungen und Tatsachen ist und in keinem Protagonisten habe ich mich je so sehr wiedergefunden wie in Dora.

Schon das Cover hat mich total eingenommen. Es ist so schlicht wie aussagekräftig und es ist ein Hund zu sehen (persönlicher Pluspunkt meinerseits), der auf einer Landstraße in die unergründliche Ferne schaut, mit anderen Worten: Schon das Cover ist auf eine tiefberührende Weise poetisch und philosophisch. Was ich aber noch interessanter finde als das Cover ist der Titel: Wie Corpus Delicti kann auch Über Menschen auf verschiedene Arten interpretiert werden. Zum einen stellt er eine simple, aber elementare Tatsache dar: Dies ist ein Buch über Menschen. Nicht mehr und nicht weniger, was immer das auch heißen mag. Passend zum Inhalt ist dies auf jeder Ebene, denn die Fragen des menschlichen Seins, Umgangs und Verhaltens sind zweifellos Schlüsselelemente der Handlung. Im Roman selbst gibt es ein Kapitel mit dem gleichen Titel, in welchem jedoch das Kernelement die Bezeichnung einer bestimmten Menschengruppe als “Übermenschen” ist. Auch so betrachtet, passt diese Interpretation des Titels hervorragend zum Buch, denn die Problematik von Menschen, die sich für besser als andere halten zieht sich durch die gesamte Handlung.

Die Geschichte wird von einem personalen Erzähler aus Doras Perspektive geschildert. Dora, eine Texterin für Werbeagenturen, zieht kurzerhand in die brandenburgische Dorflandschaft nach Bracken als die erste Corona-Welle Deutschland im Griff hat und ihr Lebensabschnittsgefährte Robert immer kontrollsüchtiger und fanatischer wird. Dort, zwischen einem Haus ohne Möbel und einem Beet ohne Saatkartoffeln, trifft sie Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre Nachbarschaft setzt sich im wesentlichen aus Gote, den sogenannten Dorf-Nazi, Heini, dessen Kommunikation hauptsächlich aus (rassistischen und Anti-Corona-)Witzen besteht, Tom und Steffen, den homosexuellen Blumenhändlern sowie deren portugiesischen Angestellten (Erasmus-Studenten, die sich etwas dazu verdienen wollen) und Sadie, der alleinerziehenden, sehr selten schlafenden Mutter zusammen. Herzzerreißend wird der Roman als Franzi, Gotes Tochter und Spielgefährtin von Doras Hündin Jochen-der-Rochen, ins Spiel kommt und man mehr über Gotes Geschichte erfährt. Da er und Dora direkt nebeneinander, nur durch eine Mauer getrennt voneinander wohnen, ist er für die Handlung entsprechend bedeutend.

Die Handlung ist im Wesentlichen recht simpel. Eine Geschichte aus dem Leben, Alltag, Begegnungen, Entscheidungen und Gefühle wie sie täglich millionenfach vorkommen, eigentlich nichts besonderes. Doch wie schon bei Albert Camus’ Die Pest wird an Über Menschen deutlich, dass großartige Romane keinen großen Spannungsbogen brauchen. Juli Zeh schafft mit ihrem Schreibstil, den Details der geschilderten Gedanken und den durch und durch menschlichen, realistischen Begegnungen ein Werk, in dem man sich wiederfindet, das tief berührt und das man nicht mehr aus der Hand legen will. Sie schuf ein Werk, durch dessen Seiten man nur so fliegt. Sie schuf ein Werk, das auch ohne überspitzten Spannungsbogen, ohne dramatische, ungelöste Entwicklung eines konkreten Konflikts fesselnd und spannend ist. Das zu lösende Mysterium dieses Buches ist kein Mordfall, kein Betrug und keine Rebellion, sondern die elementare Frage des Menschseins, die Wahrnehmung der Welt. Gibt es Handlungen, die einen Menschen unweigerlich zu einem Schlechten machen? Kann man eine Partei wählen, die behauptet, die klassische Familie sei von Homosexuellen bedroht, eine Partei, die sich zum Ziel setzt aus der EU auszutreten und gleichzeitig als homosexueller Blumenhändler portugiesische Erasmus-Studenten beschäftigen? Wie lebt man mit so vielen Widersprüchen in dieser Welt? Wie akzeptiert man die Komplexität des Lebens, die Tatsache, dass man nichts absolut kategorisieren kann, dass es keine absolut richtige Lebensweise gibt?

Neben diesen elementaren Fragen des Menschseins wird jedoch auch, auf eine mich erschreckende, realistische Weise, aktuelles Weltgeschehen thematisiert. Mir war nicht bewusst, wie bekannt mir der Kontrast zwischen Dorf- und Stadt-Leben ist und wie gut ich die Äußerungen selbst aus meinem Alltag kenne, bis ich sie schwarz auf weiß gelesen habe. Sowohl die Corona-Politik betreffend als auch typische “Dorf-Problematiken” wie die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr oder bestimmte Landwirtschaftsverordnungen, es hat mich fast schon sauer gemacht, wie treffend Über Menschen die Lebensweisen und Meinungen widerspiegelt, die ich selbst immer wieder aus zwei Perspektiven wahrnehme. Natürlich kann man Meinungen nicht verallgemeinern und es gibt immer auch in den Städten Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie viele Menschen auf dem Land, jedoch habe ich persönlich, meine eigenen Erfahrungen in diesem Roman an sehr vielen Stellen wiedergefunden. Diese Umstände haben wahrscheinlich auch in weiten Teilen beeinflusst, dass ich mich so gut mit Dora identifizieren konnte. Auch sie kennt beide Lebensweisen, kann sich mit beiden identifizieren und steht irgendwie zwischen den Stühlen. Dora versucht die Welt und die Ereignisse konkret einzuordnen und lernt erst im Laufe der Handlung, Widersprüche zu akzeptieren. Schon an der Art wie ich diesen Beitrag schreibe, fällt auf, dass ich ihr auch dahingehend wahrscheinlich sehr ähnlich bin. Es gibt nicht die eine Lebensweise auf dem Dorf und genauso wenig gibt es eine Meinung in der Stadt, aber es ist leichter komplexe Strukturen in Schubladen zu kategorisieren, anstatt die unbequeme Wahrheit zu akzeptieren, dass nichts einfach ist. Das soll keine Rechtfertigung sein, sondern lediglich eine Feststellung und ein Aspekt, der es mir an Doras Charakter leicht gemacht hat, ihre Lage nachzuvollziehen. Ähnlich gut meine ich auch das im Buch häufiger geschilderte Gefühl von aufsteigenden Bläschen zu kennen, auch wenn ich meine persönliche Erfahrung natürlich anders beschreiben würde (Was mit den Bläschen gemeint ist, wird erst im Kontext der jeweiligen Situation wirklich klar, lest einfach das Buch, wenn es euch stutzig macht ;)). Ich find es schön, mal einen Roman zu lesen, in dem es nicht um die Erfüllung einer Vorstellung von einem schönen Leben geht. Das Leben ist kompliziert und die meiste Zeit über komisch, unschön und niederschmetternd, aber es gibt trotzdem schöne Momente, Personen und Ereignisse für die es sich lohnt morgens aufzustehen und Kaffee zu kochen. So ist das.

+++Achtung, mögliche Spoiler!+++

Des Weiteren finde ich es schön, dass es keine romantische Beziehung für die Charakterentwicklung brauchte. Menschen können sich auch entwickeln ohne sich zu verlieben. Zwar wirkt die Nachbarschaftsfreundschaft an einigen Stellen schon sehr wie eine Familie und man merkt auch wie sehr Gotes gesundheitlicher Zustand Dora mitnimmt, obwohl er “nur ihr Nachbar” ist, aber es gibt kein romantisches Drama, was ich sehr erfrischend finde. Meiner Meinung nach brauchen gute Bücher solche Inhalte nicht. Man benötigt zwischenmenschliche Interaktion, aber keine Romantik, um Entwicklungen voranzubringen. Ein gutes Beispiel ist an dieser Stelle wieder Camus’ Die Pest, auch dieses Werk kommt sehr gut ohne direkte Romanzen aus und ist eines der besten Bücher in meinem Regal, wie ich finde.

+++ Spoiler Ende +++

Die einzige Stelle, die ich kritisch sehe, findet man auf Seite 333 der Hardcover-Ausgabe. An dieser Stelle wird eine mögliche Zukunft eines kleinen Mädchens beschrieben, um zu verdeutlichen, dass das Leben immer weitergeht und nicht anhält. An sich ist das ein sehr schöner Gedanke, jedoch wird diese Zukunft stark heteronormativ und etwas klischeehaft beschrieben. Der Grundgedanke wäre nicht verloren gegangen, hätte man Mensch statt Mann geschrieben.

Insgesamt bleibt Über Menschen aber ein weiteres, absolut gelungenes Werk Zehs. Mit einem großartigen Schreibstil stellt sie subtil immer und immer wieder die wichtigen Fragen des Lebens und erinnert daran, dass wir alle nur Menschen sind, alle irgendwie in dieser Welt zurecht kommen müssen. Sie hat es geschafft, dass ich für einen fiktiven, vorbestraften, queerfeindlichen Übermenschen Tränen vergoss. Sie hat es geschafft, dass ich einen fiktiven, journalistisch arbeitenden Klimaaktivisten für die Art und Weise seines Handelns hasse. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. “Wie viele Varianten von Wirklichkeit können nebeneinander existieren, ohne dass das Konzept zusammenbricht?” (S. 309)

Alles Liebe,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 36 – Fragen zu Corpus Delicti

Liebe Leser*innen,

meine schriftlichen Abitur-Prüfungen sind geschrieben und zumindest in meiner Deutsch-Prüfung hatte ich sehr viel Spaß an dem was ich da tat, DENN: ich konnte meine Liebe zu Corpus Delicti ausleben und über 4 Stunden lang erörtern, inwiefern die Diskrepanz zwischen Recht und Rechtsgefühl dargestellt wird und wie sinnvoll das “unversöhnliche” Ende (meiner Meinung nach eins der besten Enden von Büchern, die ich bisher gelesen habe) solcher Werke ist. Ich gebe zu, dadurch, dass Corpus Delicti zu meinen Lieblingsbüchern gehört und eins der wirklich wenigen Werke ist, aus denen ich nahezu fehlerfrei wortwörtlich zitieren kann, habe ich mich natürlich besonders auf dieses Buch vorbereitet, da es mir einfach immer und immer wieder Freude bereitet, es zu lesen und darüber zu reden. Passend dazu (aber leider zu spät, um es noch zur Prüfungsvorbereitung zu verwenden) habe ich gestern Fragen zu Corpus Delicti in der Bibliothek gefunden, direkt gelesen und immer wieder festgestellt, dass es zum einen ein unglaublich gutes Begleitbuch zu Corpus Delicti ist und zum andern gefüllt von inspirierenden wie kontroversen Gedanken ist, verpackt in einen sehr angenehmen Schreibstil. Ich habe es von der ersten bis zur letzten Seite geliebt, verschlungen und jedem empfohlen der mir begegnet ist.

Schon am Cover erkennt man zu welchem Werk dieses Buch gehört: Diese beiden Ausgaben des btb Verlags sind sich extrem ähnlich. Der auffälligste Unterschied ist die Farbe des Buchrückens und die fehlende Nummer der Zellentür. Da die Bücher auch direkt miteinander in Verbindung stehen, ist diese gleiche Gestaltung, meiner Meinung nach, absolut positiv zu bewerten.

Inhaltlich ist Fragen zu Corpus Delicti wie ein Interview aufgebaut, das in thematische Untereinheiten wie “Die Protagonisten” oder “Politische Literatur” geteilt ist. Juli Zeh beantwortet sehr viele und vor allem sehr verschiedene Frage zum Inhalt, zur Entstehung und zum Kontext des Buches, aber auch zu ihrem schriftstellerischen und juristischen Werdegang sowie die Zusammenhänge zwischen diesen Themen.

Das Lesen hat mir nicht nur sehr viel Freude bereitet, weil ich Juli Zehs Schreibstil sehr mag, sondern auch, weil ich einiges dazu gelernt habe und über einige Zusammenhänge des Lebens noch einmal genauer und tiefgründiger nachgedacht habe. So spricht Zeh beispielsweise über spannende Werke, die ihr zur Inspiration dienten und die sie zum Teil auch unbewusst in Corpus Delicti sinngemäß zitierte, die ich bisher noch nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Die Probleme der Biopolitik, Prävention und Selbstoptimierung nehmen außerdem eine verdient wichtige Rolle ein und obwohl das dem zugrundeliegende Buch genau diese Zusammenhänge behandelt, wurde mir erst durch Fragen zu Corpus Delicti bewusst, wie viele Bezüge man schon in der aktuellen Gesellschaft wiederfindet, was schlicht schockierend, aber nur schwer vermeidlich ist.

Es gibt im Grunde keine negativen Aspekte an diesem Buch, auch wenn es ein eher untypisches Format ist. Ich möchte allen, vor allem denjenigen die Corpus Delicti bereits kennen (wenn nicht: lest es, es ist ein unglaublich gutes Buch und wenn ihr es nicht lesen wollt, lest Fragen zu Corpus Delicti trotzdem, das Wichtigste wird nochmal erklärt und zitiert), ans Herz legen, dieses Buch unbedingt zu lesen und im besten Fall anschließend mit anderen Menschen darüber zu diskutieren, denn davon lebt unsere Demokratie: Von Debatten, einem Austausch und der Kompromissfindung, die es ohne erstere nicht geben könnte.

Ich werde jetzt direkt das nächste Zeh-Buch beginnen (ihre aktuellste Veröffentlichung: “Über Menschen”) und vielleicht nebenbei noch “Kim Jiyoung, geboren in 1982” beenden. Ich hoffe ihr findet auch etwas Zeit zum Lesen und zum Entspannen.

Ihr hört von mir,
Aly 🙂

PS: Hier noch eins meiner Lieblingszitate: “Die Fähigkeit zum Schmerz macht uns zu Menschen und bringt uns immer wieder ins Zentrum unserer Kraft zurück. Auch wenn die Schrecken der Weltgeschichte etwas anderes vermuten lassen – der Mensch ist ein soziales, moralfähiges, auf das Gute gerichtetes Wesen. Das Schädigen von anderen beruht beim Menschen in den allermeisten Fällen nicht auf einem Willen zum Bösen, sondern auf einem eklatanten Mangel an Empathie.”
– Juli Zeh: “Fragen zu Corpus Delicti”, Seite 57

Blog, Reviews

Blog Entry No. 35 – Jenseits des Abgrunds

Liebe Leser*innen,

das Buch dieser Woche ist das erste Hardcover, welches ich als Rezensionsexemplar erhielt. Vielen Dank der Penguin Random House Verlagsgruppe. Diesen Roman setzte ich auf meine To-Read-Liste, weil mich der Untertitel faszinierte: “Roman über den Sinn des Lebens”. Ich stelle mir die Frage nach dem Sinn des Lebens wahrscheinlich häufiger, als es meinem Seelenfrieden gut tun würde und ich komme immer wieder zur gleichen, niederschmetternden Antwort: Nichts hat einen absoluten Sinn. Alles was wir tun, erleben und wertschätzen wird irgendwann wieder als Sternenstaub in den unendlichen Weiten des Universums in Vergessenheit geraten (Nichts: Was im Leben wichtig ist von Janne Teller steht schon auf meiner Leseliste). Jedoch gibt es natürlich den subjektiven Sinn im Leben, den ich hin und wieder aus den Augen verliere und der eine wichtige Rolle in Jenseits des Abgrunds von Francesc Miralles und Angeles Donate spielt.

Aber nicht nur der Untertitel, sondern auch das Cover hat mein Interesse sofort geweckt: Wie konnte ich nicht den Blick in ein Buch mit einem so harmonisch türkies-violetten, mit wunderschönen Pflanzen verzierten und einfach so idyllisch gezeichneten Cover werfen? Hinzu kommt noch, dass ein großes Stück meines Herzens dem Meer gehört und auch wenn das Meer im Buch selbst gar keine Rolle spielt, kleidet das friedliche Abbild den Roman hervorragend. Außerdem ist der Schutzumschlag des Hardcovers ein klimaneutral hergestelltes Druckprodukt aus festem Papier, was ich super gut finde, da die Umwelt selbstverständlich auch geschützt und der Klimawandel entschleunigt werden muss, wenn es um Bücher geht.

Die Handlung beginnt mit Toni, der mit der Urne mit der Asche seines toten Bruders Jonathan auf dem Rücksitz durch die Rocky Mountains fährt, um eben jene Asche an einem speziellen Ort zu verstreuen, wie es sich sein Bruder vor seinem Tod wünschte. Die erste Geschichte von einem Leben, das Kosei-San, der zurückgezogen auf einer Felsklippe wohnende Japaner, rettete, erfährt Toni in einem alten Diner von Rose. Ihr Leben wurde wie viele andere von dem mysteriösen Japaner gerettet. Diese Geschichte fasziniert Toni, weshalb er als Journalist gern mehr über Kosei-San erfahren und einen Artikel über ihn schreiben würde. Nicht ahnend wie stark diese Zeit an den Klippen sein Leben verändern würde, stimmt er gern zu, als der Alte ihn auf eine Tasse Tee einlädt.

Jenseits des Abgrunds ist ein Buch voller Dialoge, Geschichten und Schicksale. Man erfährt von vielen unterschiedlichen Menschen, die mit ihrem Leben bereits abgeschlossen hatten, keinen Sinn mehr sahen und aber wie Toni die angebotene Tasse Tee nicht ablehnten. Kosei-San war, meiner Meinung nach, tatsächlich ein Meister darin, den Menschen wieder Lebenswillen und eine Perspektive zu schenken, einfach indem er zuhörte und ein paar Fragen stellte. Der Roman ist außerdem wunderbar geschrieben. Ich flog nur so durch die Seiten und bekam ein wirkliches Gefühl davon, gerade Tee zu trinken und inspirierenden wie niederschmetternden Erzählungen zu lauschen. Obwohl die Schicksale vieler verschiedener Menschen eine wichtige Rolle spielen, beschränkt sich die Handlung des Romans nicht nur darauf, sondern auch der Rahmen, Tonis Geschichte, bleibt das ganze Buch über spannend. Der einzige Punkt, in dem ich etwas enttäuscht wurde, war die Art der Sinnfrage, die thematisiert wurde. Da ich mich selbst sehr oft frage, wie man die elementare Sinnfrage unserer Existenz überwinden kann, hatte ich gehofft, sie würde in Jenseits des Abgrunds zumindest angesprochen. Jedoch wurde sich durchgängig nur mit der subjektiven Sinnfrage, also wie die Individuen ihren Lebenswillen wiedererlangen können, beschäftigt. Diese ist zweifelsohne enorm wichtig und steht in einem engen Zusammenhang zu ersterer Frage, dennoch fehlte mir etwas indem der Unterschied beider Fragen in einem “Roman über den Sinn des Lebens” nicht vorkam.

Insgesamt bleibt Jenseits des Abgrunds aber ein großartiges Buch mit einem sehr angenehmen Schreibstil. Es zu lesen habe ich sehr genossen und ich kann es jedem, vor allem jenen, die vielleicht gerade mit ihrem Leben hadern und/oder gern mal wieder eine schöne Geschichte lesen möchten, nur empfehlen. Aus diesem Grund fällt es mir nicht schwer 5 von 5 Sternen zu vergeben.

Denkt daran Euch hin und wieder eine Auszeit zu nehmen, stressig wird das Leben von allein zu schnell,
Aly

Blog, Reviews

Blog Entry No. 34 – Not My Ruckus

Dear Readers,

today’s review will be on an audiobook (my first one on this blog), which touched me deeply. In what kind of way I will tell you later on, but if you’re capable of hard truths and unpleasant stories, you should definitely give this book a read.

The cover of Not My Ruckus is beautiful. I love that kind of art with the flowers growing between and seemingly melt into the title and the house. It looks gorgeous!

Not My Ruckus is the debut novel of Chad Musick, an author, who “makes no secret of being epileptic, autistic, and arthritic, facts that inform how he approaches both science and the arts” (quote from the information about the author on goodreads). The novel was published on February 16th 2021 by Cinnabar Moth Publishing LLC and Ivy Tara Blair narrated the audiobook, which has a lenght of 8 hours and 32 minutes. You find it with the ISBN 9781953971036.

So far about the dry facts, but the content is far more complex. That’s why I won’t tell too much, the story develops fast and I don’t want to spoiler you important events.
The plot is told by the main character: 14 years old Clare, an incredibly strong person, who cares heartbreakingly much about her loved ones. She lives in a small town in 1980s Texas, grows up in a highly religious and abusive family and neighborhood. The narrations starts with her first kiss with Esther, her neighbour. Sadly, right at the moment of that kiss Esther’s mom is bleeding in the hospital because of a gun shot. The novel starts with a kiss and a murder and develops thrillingly till the last few seconds of the audiobook.

Listening to this book was shocking, thrilling, at some points lovely and definitely eye opening. Musick described so many forms of abuse and violence in families and the neighborhood that I wouldn’t recommend this book for people who are very sensible for such issues, although he only implicitly described the actions and mostly did not write about them in detail. Leaving many things unsaid but imaginable lead to a heart touching, unpleasant reading experience, without using to much horror. I really appreciate his writing style; it made the important issues and events clear and left enough space to create a thrilling novel that needs to be read between the lines sometimes. The author addressed important topics and I was shocked and upset about knowing this is reality for way too many people in this world. Chad Musick wrote an incredibly good and important book with gorgeous character developments (not all though, but the important ones evolved greatly) and a stirring plot.
But I’m also reviewing the audio of the book and to be honest, I didn’t find the narration fitting. My first impression was that the narrator sounds bored and unenthusiastic, which doesn’t fit for a 14 year old girl and such a complex story. Though Ivy Tara Blair made it a bit hard for me to find into the novel, I enjoyed how she changed her voice for the different characters. It made it a lot easier to distinguish between Clare’s narration and direct speech of other people.

All in all Not My Ruckus is a well written, important novel that addresses major issues, but in order to do so writing about abuse and violence is needed, which is essential but maybe not fitting for readers, who aren’t capable of or don’t like reading about disturbing scenes. Consider the trigger warning, it has its reasons. Since I didn’t quite like the narration of the audiobook, I consider reading the ebook or paperback sometime in addition.

Have a great week,
Aly

PS: I received the audiobook from NetGalley in exchange for an honest review. That did not influence my opinion on the book.