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Blog Entry No. 37 – Über Menschen

Liebe Leser:innen,

ich habe selten ein Buch so sehr verschlungen und in mich aufgesogen wie Juli Zehs Über Menschen. Ich habe gelacht, geweint und mich aufgeregt. Ich habe auf ein Wunder gehofft. Ein Wunder für den Dorf-Nazi. Ich wurde noch nie so subtil und eindringlich davon überzeugt, dass die Welt zu komplex für einfache Betrachtungen und Tatsachen ist und in keinem Protagonisten habe ich mich je so sehr wiedergefunden wie in Dora.

Schon das Cover hat mich total eingenommen. Es ist so schlicht wie aussagekräftig und es ist ein Hund zu sehen (persönlicher Pluspunkt meinerseits), der auf einer Landstraße in die unergründliche Ferne schaut, mit anderen Worten: Schon das Cover ist auf eine tiefberührende Weise poetisch und philosophisch. Was ich aber noch interessanter finde als das Cover ist der Titel: Wie Corpus Delicti kann auch Über Menschen auf verschiedene Arten interpretiert werden. Zum einen stellt er eine simple, aber elementare Tatsache dar: Dies ist ein Buch über Menschen. Nicht mehr und nicht weniger, was immer das auch heißen mag. Passend zum Inhalt ist dies auf jeder Ebene, denn die Fragen des menschlichen Seins, Umgangs und Verhaltens sind zweifellos Schlüsselelemente der Handlung. Im Roman selbst gibt es ein Kapitel mit dem gleichen Titel, in welchem jedoch das Kernelement die Bezeichnung einer bestimmten Menschengruppe als “Übermenschen” ist. Auch so betrachtet, passt diese Interpretation des Titels hervorragend zum Buch, denn die Problematik von Menschen, die sich für besser als andere halten zieht sich durch die gesamte Handlung.

Die Geschichte wird von einem personalen Erzähler aus Doras Perspektive geschildert. Dora, eine Texterin für Werbeagenturen, zieht kurzerhand in die brandenburgische Dorflandschaft nach Bracken als die erste Corona-Welle Deutschland im Griff hat und ihr Lebensabschnittsgefährte Robert immer kontrollsüchtiger und fanatischer wird. Dort, zwischen einem Haus ohne Möbel und einem Beet ohne Saatkartoffeln, trifft sie Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre Nachbarschaft setzt sich im wesentlichen aus Gote, den sogenannten Dorf-Nazi, Heini, dessen Kommunikation hauptsächlich aus (rassistischen und Anti-Corona-)Witzen besteht, Tom und Steffen, den homosexuellen Blumenhändlern sowie deren portugiesischen Angestellten (Erasmus-Studenten, die sich etwas dazu verdienen wollen) und Sadie, der alleinerziehenden, sehr selten schlafenden Mutter zusammen. Herzzerreißend wird der Roman als Franzi, Gotes Tochter und Spielgefährtin von Doras Hündin Jochen-der-Rochen, ins Spiel kommt und man mehr über Gotes Geschichte erfährt. Da er und Dora direkt nebeneinander, nur durch eine Mauer getrennt voneinander wohnen, ist er für die Handlung entsprechend bedeutend.

Die Handlung ist im Wesentlichen recht simpel. Eine Geschichte aus dem Leben, Alltag, Begegnungen, Entscheidungen und Gefühle wie sie täglich millionenfach vorkommen, eigentlich nichts besonderes. Doch wie schon bei Albert Camus’ Die Pest wird an Über Menschen deutlich, dass großartige Romane keinen großen Spannungsbogen brauchen. Juli Zeh schafft mit ihrem Schreibstil, den Details der geschilderten Gedanken und den durch und durch menschlichen, realistischen Begegnungen ein Werk, in dem man sich wiederfindet, das tief berührt und das man nicht mehr aus der Hand legen will. Sie schuf ein Werk, durch dessen Seiten man nur so fliegt. Sie schuf ein Werk, das auch ohne überspitzten Spannungsbogen, ohne dramatische, ungelöste Entwicklung eines konkreten Konflikts fesselnd und spannend ist. Das zu lösende Mysterium dieses Buches ist kein Mordfall, kein Betrug und keine Rebellion, sondern die elementare Frage des Menschseins, die Wahrnehmung der Welt. Gibt es Handlungen, die einen Menschen unweigerlich zu einem Schlechten machen? Kann man eine Partei wählen, die behauptet, die klassische Familie sei von Homosexuellen bedroht, eine Partei, die sich zum Ziel setzt aus der EU auszutreten und gleichzeitig als homosexueller Blumenhändler portugiesische Erasmus-Studenten beschäftigen? Wie lebt man mit so vielen Widersprüchen in dieser Welt? Wie akzeptiert man die Komplexität des Lebens, die Tatsache, dass man nichts absolut kategorisieren kann, dass es keine absolut richtige Lebensweise gibt?

Neben diesen elementaren Fragen des Menschseins wird jedoch auch, auf eine mich erschreckende, realistische Weise, aktuelles Weltgeschehen thematisiert. Mir war nicht bewusst, wie bekannt mir der Kontrast zwischen Dorf- und Stadt-Leben ist und wie gut ich die Äußerungen selbst aus meinem Alltag kenne, bis ich sie schwarz auf weiß gelesen habe. Sowohl die Corona-Politik betreffend als auch typische “Dorf-Problematiken” wie die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr oder bestimmte Landwirtschaftsverordnungen, es hat mich fast schon sauer gemacht, wie treffend Über Menschen die Lebensweisen und Meinungen widerspiegelt, die ich selbst immer wieder aus zwei Perspektiven wahrnehme. Natürlich kann man Meinungen nicht verallgemeinern und es gibt immer auch in den Städten Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie viele Menschen auf dem Land, jedoch habe ich persönlich, meine eigenen Erfahrungen in diesem Roman an sehr vielen Stellen wiedergefunden. Diese Umstände haben wahrscheinlich auch in weiten Teilen beeinflusst, dass ich mich so gut mit Dora identifizieren konnte. Auch sie kennt beide Lebensweisen, kann sich mit beiden identifizieren und steht irgendwie zwischen den Stühlen. Dora versucht die Welt und die Ereignisse konkret einzuordnen und lernt erst im Laufe der Handlung, Widersprüche zu akzeptieren. Schon an der Art wie ich diesen Beitrag schreibe, fällt auf, dass ich ihr auch dahingehend wahrscheinlich sehr ähnlich bin. Es gibt nicht die eine Lebensweise auf dem Dorf und genauso wenig gibt es eine Meinung in der Stadt, aber es ist leichter komplexe Strukturen in Schubladen zu kategorisieren, anstatt die unbequeme Wahrheit zu akzeptieren, dass nichts einfach ist. Das soll keine Rechtfertigung sein, sondern lediglich eine Feststellung und ein Aspekt, der es mir an Doras Charakter leicht gemacht hat, ihre Lage nachzuvollziehen. Ähnlich gut meine ich auch das im Buch häufiger geschilderte Gefühl von aufsteigenden Bläschen zu kennen, auch wenn ich meine persönliche Erfahrung natürlich anders beschreiben würde (Was mit den Bläschen gemeint ist, wird erst im Kontext der jeweiligen Situation wirklich klar, lest einfach das Buch, wenn es euch stutzig macht ;)). Ich find es schön, mal einen Roman zu lesen, in dem es nicht um die Erfüllung einer Vorstellung von einem schönen Leben geht. Das Leben ist kompliziert und die meiste Zeit über komisch, unschön und niederschmetternd, aber es gibt trotzdem schöne Momente, Personen und Ereignisse für die es sich lohnt morgens aufzustehen und Kaffee zu kochen. So ist das.

+++Achtung, mögliche Spoiler!+++

Des Weiteren finde ich es schön, dass es keine romantische Beziehung für die Charakterentwicklung brauchte. Menschen können sich auch entwickeln ohne sich zu verlieben. Zwar wirkt die Nachbarschaftsfreundschaft an einigen Stellen schon sehr wie eine Familie und man merkt auch wie sehr Gotes gesundheitlicher Zustand Dora mitnimmt, obwohl er “nur ihr Nachbar” ist, aber es gibt kein romantisches Drama, was ich sehr erfrischend finde. Meiner Meinung nach brauchen gute Bücher solche Inhalte nicht. Man benötigt zwischenmenschliche Interaktion, aber keine Romantik, um Entwicklungen voranzubringen. Ein gutes Beispiel ist an dieser Stelle wieder Camus’ Die Pest, auch dieses Werk kommt sehr gut ohne direkte Romanzen aus und ist eines der besten Bücher in meinem Regal, wie ich finde.

+++ Spoiler Ende +++

Die einzige Stelle, die ich kritisch sehe, findet man auf Seite 333 der Hardcover-Ausgabe. An dieser Stelle wird eine mögliche Zukunft eines kleinen Mädchens beschrieben, um zu verdeutlichen, dass das Leben immer weitergeht und nicht anhält. An sich ist das ein sehr schöner Gedanke, jedoch wird diese Zukunft stark heteronormativ und etwas klischeehaft beschrieben. Der Grundgedanke wäre nicht verloren gegangen, hätte man Mensch statt Mann geschrieben.

Insgesamt bleibt Über Menschen aber ein weiteres, absolut gelungenes Werk Zehs. Mit einem großartigen Schreibstil stellt sie subtil immer und immer wieder die wichtigen Fragen des Lebens und erinnert daran, dass wir alle nur Menschen sind, alle irgendwie in dieser Welt zurecht kommen müssen. Sie hat es geschafft, dass ich für einen fiktiven, vorbestraften, queerfeindlichen Übermenschen Tränen vergoss. Sie hat es geschafft, dass ich einen fiktiven, journalistisch arbeitenden Klimaaktivisten für die Art und Weise seines Handelns hasse. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. “Wie viele Varianten von Wirklichkeit können nebeneinander existieren, ohne dass das Konzept zusammenbricht?” (S. 309)

Alles Liebe,
Aly

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