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Blog Entry No. 22 – Die wunderbare Kälte

Liebe Leser,

In der letzten Woche hat mich besonders ein Buch in meinem Alltag begleitet: Die wunderbare Kälte von Elisabeth Rettelbach. Ich bekam die ePUB Version des Buches von Netgalley für eine Rezension bereitgestellt. Soeben habe ich die letzte Seite eben diesen Buches gelesen und muss ehrlich sagen, es ist zwar einzigartig und definitiv außergewöhnlich, aber wirklich gut gefallen hat es mir nicht.

Am 01.12.2020 wurde das Buch der Diplom-Übersetzerin und Texterin im Kirschbuch Verlag veröffentlicht. Elisabeth Rettelbach spricht verschiedene Sprachen, unter anderem Englisch, Französisch und Schwedisch, und lebt nun nach vielen Jahren in den USA wieder in Deutschland. Sie gewann mit Die wunderbare Kälte, ihrem Debüt, den Preis “Bestseller von morgen”.

Cover der ePUB und Taschenbuch Version der ersten Veröffentlichung

Am Cover gefällt mir besonders die farbliche Harmonie der Blau- und Violetttöne, zumal die kalten Farben natürlich auch das Thema und die Stimmung des Romans sehr gut treffen. Ich persönlich bin auch ein Fan von Schreibmaschinenschriftarten, wie die, in welcher der Titel und der Name der Autorin gestaltet wurden. Im Hintergrund erkennt man gut die vereinzelten Schneeflocken, die wiederum natürlich zu dem Winter passen, in welchem die Geschichte handelt. Was genau der restliche Hintergrund darstellt, kann ich jedoch nicht mit Sicherheit sagen. Meine Vermutung ist etwas pelz- oder stoffähnliches, passend zu den vielen Kostümen, welche einen wesentlichen Einfluss auf die Handlung haben. Auch zwischen dem, im Vordergrund prangenden, vergleichsweise sehr großen, Schmetterling und dem Inhalt des Buches kann ich keine gute Verbindung herstellen, aber vielleicht erkenne ich nur gerade den Interpretationsansatz nicht. Falls ihr Ideen habt, wie man diesen interpretieren könnte, schreibt es gern in die Kommentare.

Im Mittelpunkt der Handlung von Die wunderbare Kälte steht Kai, eine einzelgängerische Maskenbildnerin, die den Winter liebt. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten damit, Fremde zu stalken, ihnen Zettel mit einer Telefonnummer oder E-Mail-Adresse zuzustecken und sie dann wie Figuren in einem Drehbuch zu manipulieren. Bei einer Lesung, die sie nur ihrer Schwester zuliebe besucht, trifft sie auf Milo und Tama. Zwei Fremde, deren Geschichte Kai stärker als je eine zuvor fasziniert. Sie beginnt sich in das Leben der beiden einzumischen und ein psychedelischer Albtraum beginnt.

Rettelbach verwendet einen sehr leichten, aber zugleich auch komplexen Schreibstil. Das Buch ließ sich, nach einiger Gewöhnung, sehr leicht und schnell lesen (rein vom Vokabular und der Grammatik her, zum Inhalt später mehr) aber mir sind auch sehr viele Stilmittel aufgefallen. Besonders stark arbeitete die Autorin mit Wiederholungen, welche die Stimmung der Situation sowie die Gedanken und Gefühle von Kai gut verdeutlichten. Die meiste Zeit über erzählte die Protagonistin aus ihrer Perspektive, also der ersten Person Singular, die Geschichte. Hin und wieder wechselte sie aber auch plötzlich zur dritten Person Singular, wodurch das Gefühl Kais, von außen auf sich drauf zu blicken unglaublich deutlich gemacht wurde. Außerdem nutzte Rettelbach zweimal die lateinische Phrase “Hic sunt dracones”, welche bei alten Seefahrerkarten meist an den Rand geschrieben war, also an die Stellen der Welt, welche noch unentdeckt waren, wo die Welt für die damaligen Menschen endete. Die Phrase meint im Wesentlichen also unerforschte Gebiete, was in den jeweiligen Szenen sehr gut passt. Obwohl ich mich erst an den Schreibstil gewöhnen musste, ist er, besonders wenn man genauer darüber nachdenkt, bemerkenswert gut.

Inhaltlich hat mich Die wunderbare Kälte leider nicht so überzeugt wie der Stil der Autorin. Ich persönlich hätte mir zuvor eine Triggerwarnung bezüglich Panikattacken gewünscht, da mich die Beschreibung dieser innerlich sehr aufgewühlt hat und ein positives Leseerlebnis deutlich beeinträchtigte. Obwohl sie nur in geringem Maße vorkommt, bin ich der Meinung, dass auch vor der beschriebenen Gewalt in irgendeiner Form zuvor gewarnt werden sollte (vielleicht in einer Anpassung des Genres oder einer Altersempfehlung), da ich mir vorstellen kann, dass man nicht unbedingt damit rechnet, wenn man im Klappentext etwas von einer Stalkerin ließt.
Diesen Roman zu lesen war durch und durch ein interessantes Erlebnis, welches ich von keinem anderen Buch so kennengelernt habe. Man erlebt alles aus der Perspektive einer Stalkerin mit immer offensichtlicher werdenden psychischen Problemen, wodurch man faszinierend und beunruhigend nah dran an ihren Emotionen und ihren Gedanken ist, welche ihr Handeln letztendlich ja bewirken. Mehr als einmal habe ich überlegt, aufzuhören dieses Buch zu lesen, weil es mich in gewisser Hinsicht einfach häufig verstört hat. Doch weil die Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, sehr positiv berichteten, habe ich weiter gelesen mit dem Gedanken, dass es vielleicht noch eine spannende Wendung gibt. Außerdem interessierte es mich brennend, wie man so einen Roman zu Ende bringt. Ich konnte mir einfach kein Ende der Handlung vorstellen, weil es eben kein Buch wie jedes andere ist.

+++Achtung, mögliche Spoilergefahr+++

Um zu verstehen, warum Die wunderbare Kälte einen so fahlen Nachgeschmack hinterlässt und ich nur 2 von 5 Sternen auf Plattformen wie Goodreads und Netgalley geben kann, muss ich das Ende ansprechen. Neben dem Fakt, dass mich die Handlung und die Gedanken der Protagonistin nicht nur einmal verstört haben und ich das Buch wahrscheinlich nicht gelesen hätte, wenn ich um das Triggerpotential gewusst hätte (trotzdem bereue ich nicht, es gelesen zu haben, was aber eigentlich nur an dem Schreibstil der Autorin und der Tatsache, dass ich mit jedem Buch, das ich lese, für mein Leben lerne, liegt), hat mich auch das Ende des Romans sehr enttäuscht. Ich hatte wahrscheinlich auf irgendeine Art der Charakterentwicklung im Sinne eines Lernprozesses gehofft. Aber die einzige spürbare Entwicklung der Protagonistin ist die Steigerung ins Extreme ihrer Handlungen und der Verschlechterung ihrer psychischen Verfassung während ihrer Geschichte mit Milo und Tama. Als diese aber vorbei ist, ist eben diese nur noch eine Geschichte für sie und Kai macht wieder so weiter, wie sie vor der Begegnung mit den beiden gelebt hatte. Nicht nur dass eine Art Lernprozess ausbleibt, auch fehlt jegliche Konsequenz ihres Handelns. Sie wird nie direkt mit der Polizei konfrontiert, obwohl mehrere Straftaten bekannt sind und sie erhält auch nie psychologische oder psychiatrische Hilfe, die sie aber offensichtlich dringend nötig hat. Die Botschaft, die das Buch damit sendet, mag zwar interessant, aber keinesfalls gut oder gesund sein.

+++ Ende des Absatzes mit Spoilergefahr+++


Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass ich die zwei von fünf Sternen (Netgalley, Goodreads, etc.) vor allem für den Schreibstil vergebe. Inhaltlich ist Die wunderbare Kälte zwar besonders und anregend, weil man diese Perspektive sehr selten zu lesen bekommt, aber, meiner Meinung nach, deshalb noch lange nicht gut. Mich hat der Inhalt an einigen Stellen einfach zu sehr enttäuscht und beunruhigt, um mehr Sterne zu vergeben. Wenn ich an diesen Roman denke, erinnere ich mich schlicht nicht an ein angenehmes Leseerlebnis. Solltet Ihr aber kein Problem mit der Schilderung von Panikattacken, Gewalthandlungen und psychischer Manipulation haben und die Perspektive einer Stalkerin interessant finden, ist Die wunderbare Kälte vielleicht eine optimale Bereicherung für Euer Bücherregal. In dem Fall, wünsche ich Euch natürlich viel Spaß beim Lesen!

Mit lieben Grüßen,
Aly

PS: Ihr findet Die wunderbare Kälte unter der ISBN 9783948736125 für 12€ (Taschenbuch) oder 6,99€ (ePUB) im Buchhandel.

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