Blog, Stories

Blog Entry No. 6 – A story about life, sometimes

Heute Abend eine kurze Geschichte von einem kurzen Moment im Leben einer jungen Frau. Ich schrieb diesen Text eigentlich für einen Wettbewerb, aber das ist schließlich kein Grund ihn euch vorzuenthalten. Ich hoffe, dass er euch gefällt.

Eure Aly


Über Fehler und Zusammenbrüche, über das Leben

Sie dachte immer, ein glückliches Leben zu führen. Doch hier saß sie nun, auf der vereinsamten Mauer einer zurückgelassenen Ruine, mitten im Wald. Den beschriebenen Block in ihrem Schoß, mehr Wörter durchgestrichen als lesbar. Der Stift lag schon lang unbenutzt, unscheinbar
auf dem Boden zwischen Moosen, Ameisen und gefallenen Blättern von einst prächtigen Bäumen. Ella starrte ins Leere. Sie hatte das Gefühl, von innen heraus zerrissen zu werden. Wie konnte sie Schmerzen in der Brust fühlen, wenn sie physisch vollkommen gesund war? Warum hatten Gedanken so viel Macht? Normalerweise half es sie aufzuschreiben, sie zu ordnen, doch hier saß sie nun und fühlte nur noch mehr Schmerz und noch mehr Verwirrung mit jedem Wort, das sie schrieb. Sie hatte sich selbst verraten, ihre Prinzipien gebrochen. Ihre nahezu heiligen Prinzipien, die sie sich bei klarem Kopf und mit rationalen Argumenten begründet und auferlegt hatte. Durch sie wollte Ella bei emotionalen Problemen stets das Richtige tun, immer eine Leitlinie durch dunkle Zeiten bei sich wissen. Sie wollte nie jemanden verletzen, ganz
besonders nicht Philipp. Philipp, der ihr die Welt bedeutete, der ihr das Leben beibrachte und sie atmen ließ. Sie dachte an seine unbeschreiblichen Augen, voller Facetten in allen Grüntönen, umrahmt von langen, dunklen, wunderschön geschwungenen Wimpern, die jeden ihrer Blicke gefangen hielten. Diese Augen gaben Ella das Gefühl, zu Hause zu sein.
Bei dieser Erinnerung brach sie in Tränen aus. Ihre Lungen zogen sich zusammen. Sie wollte schreien. Den Schmerz herausschreien bis nichts mehr übrig war. Ihr Gesicht verzog sich schmerzverzerrt, bereit jedes Gefühl von sich zu stoßen. Sie sank zusammen, fiel stumm hinab. Sie krümmte sich, nichts mehr wahrnehmend außer diesen wunderschönen Augen, den Erinnerungen an alles was sie nun verloren hatte. Die Minuten vergingen. Ihre Gedanken drehten sich, schleuderten Ella aus der Kontrolle, sie konnte nur noch denken: „Wo bist du? Ich will zu dir. Du hast mich verlassen, NEIN, ich habe dich verlassen. Wie konnte ich nur? Ich bin ein abstoßender Mensch…“ Die Sekunden vergingen. Sie atmete zu schnell, nicht richtig, zu viel Sauerstoff, ihre Gliedmaßen begannen zu kribbeln. Ihre Augen brannten. So vergingen die Minuten auf dem Waldboden zwischen Moosen, Ameisen und gefallenen Blättern von einst prächtigen Bäumen. Verlassen, einsam, durcheinander. Ihre Gedanken sprangen, schrien, prügelten und verhedderten sich. „Alles endet irgendwann. Du bist abstoßend. Du hast ihn verraten. Bleib liegen, irgendwann bleiben die Tränen aus. Der Schmerz geht vorbei. Er hat
das nicht verdient. Wie konntest du nur?“ Ella wollte doch nur Stille. Die Zeit verging, sie verging un – er – träg – lich lang – sam. Doch mit der Zeit verließ die junge Frau auch die Energie, bis sie irgendwann nur noch am Boden lag. Besiegt von ihrer Psyche. Die Stimmen
hatten aufgehört zu wüten, ihr Brustkorb hob und senkte sich wieder gleichmäßig. Jedes Gefühl in ihr war taub. Die Leere in Ellas Kopf verführte sie zum Rekonstruieren. Sie fand den Stift nicht weit von dem lädierten Block und begann eine neue Seite mit Stichpunkten zu füllen. So konnte sie sich an etwas klammern, sollten die Tränen wieder kommen. Wie war nur alles so aus dem Ruder gelaufen?
Vor einem Jahr erst war sie wahrscheinlich die glücklichste Studentin des ganzen Landes gewesen. Sie bekam einen traumhaften Stipendiatenplatz und Philipp, der verpeilte, aber so süße Ingenieurstudent, der sie vom ersten Moment an fasziniert und angezogen hatte, hatte endlich den Schritt gewagt und sie geküsst. Dieser Kuss berührte jede Faser ihrer selbst, er ging tiefer als jedes Gefühl, das sie je erlebt hatte. Ab diesem Moment waren die beiden unzertrennlich gewesen, sie wussten endlich, dass es der andere genauso ernst meinte wie man selbst, sie wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Ella konnte sich an keinen Streit erinnern, Meinungsverschiedenheiten natürlich, aber die hatten sie diskutiert und anerkannt. Es schien wie eine perfekte Beziehung, Ella und Philipp, die beiden, die gemeinsam alles schaffen konnten. Die Erfahrung zeigte dann auch, sie konnten alles schaffen, alles bis auf eine Fernbeziehung. Vor einigen Monaten wurde Philipps Mutter schwer krank. Hinzu kam, dass das letzte Semester für ihn nicht besonders gut lief und er dem Druck nicht mehr standhalten wollte, also zog er zurück in seine Heimat um bei seiner Mutter zu sein und eine Lehre als Tischler zu beginnen. Für das Paar brach eine Welt zusammen. Da sie sich jetzt nur noch ein bis zwei mal im Monat sahen, telefonierten sie sehr viel, doch für zwei Menschen die es gewohnt waren, sich täglich persönlich zu sehen, sehr viel gemeinsam zu unternehmen und dem anderen immer alles direkt erzählen zu können, war dieser Zustand eine unerträgliche Umstellung. Es passierte nicht selten, dass sie sich am Telefon nur noch anschwiegen, weil beide weinend am Ende der Leitung saßen und nicht wussten, was sie tun sollten. Ella hatte dieses Gefühl nicht mehr ertragen, die erschlagende Einsamkeit, die Leere, die nun in ihrem Leben herrschte, also begann sie, sich wieder häufiger mit ihren Freunden zu treffen und sich abzulenken.
So lernte sie Jonah kennen, einen jungen Barkeeper, der Ellas Freunde schon ewig kannte, ein Auge auf ihre beste Freundin geworfen hatte und viel Zeit für verrückte Ideen hatte. Es wurde Sommer und die Clique verbrachte sehr viel Zeit gemeinsam, doch je mehr Zeit Ella mit ihren Freunden verbrachte, desto weniger Zeit hatte sie, um Philipp anzurufen. Das scheinbar perfekte Paar lebte sich auseinander. Sie liebten sich, das wussten sie, doch durch den Abstand waren sie nicht mehr in der Lage sich das auch zu zeigen. Die andere Person wurde zu einem Hintergedanken der Sicherheit, ähnlich einem Heimathafen, während man die Welt bereist. Die Studentin begann wieder Spaß am Leben zu haben, der Gedanke des Verlustes rückte immer weiter in den Hintergrund, denn sie hatte Philipp ja noch, er war eine Konstante in ihrem Leben, auf die sie sich verließ. Zwischen Tequila Shots, Strandbesuchen und Kartenspielen lernte Ella eine neue Seite an sich kennen und kam somit auch Jonah immer näher. Sie stellten immer mehr Gemeinsamkeiten fest, verbrachten Tage und Nächte zusammen und konnten reden, reden und reden ohne Ende. Sie waren auf eine ungewöhnliche Art und Weise auf einer Wellenlänge, die jede Hemmschwelle in Luft auflöste. Ella hatte manchmal Angst, dass er schon bald mehr über sie wissen könnte als Philipp, doch diese Gedanken wurden schnell von der nächsten Party vertrieben. Die Gespräche wurden intimer, die Scherze gefährlicher, doch der Heimathafen war weit entfernt, man ist nur einmal jung, sie würde ihren Freund nie betrügen, sie kannte die Grenze.
Ella hielt inne. An die kühle Mauer gelehnt fragte sie sich plötzlich, ob ihre Beziehung mit Philipp nicht an diesem Punkt schon gescheitert war. Wenn die Ablenkung von dem Schmerz, den die physische Trennung verursachte, plötzlich zum Lebensinhalt wird, wäre es dann ehrlich zu behaupten, dass sie Philipp in diesem Moment noch von ganzem Herzen liebte? Konnte sie das überhaupt je wissen? Er war ihr erster fester Freund gewesen, was wusste sie schon vom Leben? Ihr rollte eine Träne über die Wange. Hatte sie Philipp je geliebt? Sie wollte „Ja“ schreien. „Ja“ schreien so laut sie konnte, aber wenn sie ihn wirklich geliebt hätte, wie sie glaubte, wie konnte sie ihn dann so hintergehen?
Ella empfand den Impuls Jonah die Schuld zu geben, wo er sie doch an jenem Abend zu sich eingeladen hatte. Es wäre doch nur ein Bier, noch ein wenig reden, den Tag ausklingen lassen. Doch wie konnte sie dem gerade empfundenen Impuls recht geben, wenn sie doch jener Abend, als sie auch nur einem Impuls nachgekommen war, erst in diese quälende Lage gebracht hatte? Also überflog sie ihre wirr gesammelten Stichpunkte. Auch Jonah wurde verletzt, er hatte eine gute Freundin verloren, nur weil sie in einem schwachen Moment einem Impuls gefolgt war. Natürlich braucht es immer zwei – es war ja auch nicht gerade so gewesen, als hätte er sie weggestoßen – aber Ella hatte den Fehler gemacht. Sie hatte die Loyalität zu Philipp verraten, wissentlich. Ihr war bewusst, dass es Folgen haben würde, doch sie war so verletzt, dass sie kaum noch nachdachte. Sie hatte ihren Freund seit Wochen nicht mehr gesehen, nur wenig mit ihm gesprochen, sie wollte sich einfach nur wieder sicher, weniger einsam fühlen. Am nächsten Morgen rief sie direkt Philipp an, sie wollte wenigstens die Ehrlichkeit bewahren, nachdem sie schon so viele Prinzipien verbogen und gebrochen hatte. Bei der Erinnerung an das Schweigen in der Leitung, nachdem sie ihm mit tränenerstickter Stimme gebeichtet hatte, was geschehen war, zog sich Ellas Innerstes zusammen.
Sie keuchte, ihre Augen brannten. Sie brauchte eine Pause, doch die Erinnerung hatte sich festgebrannt. Sie hörte wieder das erstickte „Warum?” am Telefon, sie hörte das Dröhnen ihrer Ohren, durch das jedes Wort nur noch gedämpft bei ihr ankam. Ella hörte sich selbst „Ich war einsam.” flüstern und den darauf folgenden Streit. Der erste und letzte Streit, den sie je mit Philipp ausgefochten hatte. Er wollte, sie hätte etwas gesagt. Er hätte versucht häufiger zu ihr zu kommen. Warum rede sie mit jedem außer ihm? Was bedeute ihr die Beziehung noch? Sie erinnerte sich, wie sie daraufhin begann zu schreien, sie wollte, dass er wusste, wie viel er ihr bedeutete, dass sie nicht gewusst hatte was sie tat. Doch egal wie laut sie schrie, er glaubte ihr nicht, er glaubte ihr mit jedem Wort weniger. Philipp entglitt ihr immer mehr, das wusste sie, aber sie war so verzweifelt, dass sie ihm keine Zeit ließ alles zu verarbeiten. Sie zwang ihn, nicht aufzulegen, sie wollte ihn hören, wollte wissen, dass er noch da war. In Ellas Kopf hallte sein „Ich kann das nicht. Machs gut Ella.” wieder, sie klammerte sich an den Block in ihrem Schoß und wog ihren Oberkörper hin und her.
Eine neue Welle Verlust, Schmerz und Trauer rollte über sie hinweg. Sie fühlte sich wie die Ruine an der sie Schutz gefunden hatte: zerfallen und verlassen, niemand würde sie finden, wenn sie einfach dort bliebe. Doch je länger sie dort am Boden lag, den Ameisen dabei zusah, wie sie emsig weiter arbeiteten und die Sonne weiterzog, desto ruhiger wurde sie. Sie begann zu realisieren, dass sie sich zwar unfassbar zerstört fühlte, sie aber selbst für ihr Leben verantwortlich war, also auch nur sie dafür sorgen kann, dass es wieder besser wird. Die Zeit würde vergehen, ungeachtet dessen, was Ella aus ihrem Leben machte. Diese Panikattacken und Weinkrämpfe waren mit Sicherheit nicht die letzten, das wusste sie, doch wollte sie ihr Leben nicht davon bestimmen lassen, was ihre Psyche mit ihr machte, sie wollte die Kontrolle zurück. Also fing sie damit an sich gerade aufzusetzen, ihren Block zu schließen und den Stift aufzuheben. Sie atmete ruhig, ein, aus und nochmal. Was sie erlebt hatte lag nun in der Vergangenheit, sie wusste, es abzuschließen würde viel Zeit brauchen. Ella wusste auch, dass sie Hilfe brauchen würde, also stand sie auf und ging nach Hause.

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